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9-Euro-Ticket für die Region: ÖPNV steht ein enormer Aufwand bevor

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Von: Anke Seidel

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Künftig deutlich günstiger als bisher: Neun Euro kostet die Monatskarte für die Bahn und den Bus ab 1. Juni.
Künftig deutlich günstiger als bisher: Neun Euro kostet die Monatskarte für die Bahn und den Bus ab 1. Juni. © Heinfried Husmann

Wie viele Fahrgäste bringt das 9- Euro-Ticket?  Angesichts hoher Fahrgastverluste beschäftigt diese Frage eine ganze Branche.

Landkreis  Diepholz – Die Verkehrsunternehmen in der Region stehen vor einer nie gekannten Herausforderung. Vom 1. Juni bis voraussichtlich 31. August gilt das 9-Euro-Ticket als Monatskarte, müssen die vielschichtigen Tarife im Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) ersetzt und womöglich neue Kapazitäten für Fahrgäste geschaffen werden. Noch gibt es viele Fragen: Wie viele Bürger steigen vom Auto auf Bus und Bahn um? Hat ein Ansturm Fahrplanänderungen zur Folge? Wo bekommen die Bürger ihr Ticket?

Nordwestbahn hat in der Pandemie einen Fahrgastrückgang von zeitweise 50% gemeldet

Im Moment sei das „ein bisschen wie ein Blick in die Glaskugel“, formuliert es Stephanie Nölke, Kommunikations-Referentin bei der Nordwestbahn. Die Änderung betreffe das ganze System Bahn. Zurzeit sei die Branche bestrebt, coronabedingte Fahrgastverluste aufzufangen.

Fahrgastzahlen

Mit etwa 15 800 Fahrgästen pro Tag in Bus und Bahn (Montag bis Freitag) hat der Flächenlandkreis Diepholz das höchste Fahrgastaufkommen der sechs Landkreise, die im Zweckverband Verkehrsverbund Bremen/Niedersachsen (ZVBN) zusammengeschlossen sind. Die anderen Landkreise (Ammerland, Oldenburg, Osterholz, Verden und Wesermarsch) haben laut ZVBN zwischen 4 000 und 11 000 Fahrgäste täglich. Allein zur Arbeit oder Ausbildung sind im Landkreis Diepholz laut ZVBN täglich 6 800 Fahrgäste mit dem ÖPNV unterwegs. 

Wie hoch waren sie? Auf der Strecke zwischen Twistringen und Bremen habe die Nordwestbahn von 2019 bis 2021 einen Fahrgast-Rückgang von 40  Prozent gehabt, so Stephanie Nölke. Von Januar bis Mai 2021 und im Dezember 2021 habe der Rückgang sogar 50 Prozent betragen. Insgesamt seien in dem Jahr 900 000 Fahrgäste mit der Nordwestbahn unterwegs gewesen, im Schnitt 3 000 pro Werktag.

Die Sprecherin signalisiert auch: Hinter den Kulissen ist die Umstellung auf das 9-Euro-Ticket mit viel Arbeit und Aufwand verbunden: „Da hängt ein ganzer Rattenschwanz dran.“ Wäre der kostenlose ÖPNV eine einfacher zu realisierende, praktikablere Alternative gewesen? Den Wunsch der Fahrgäste, einfach und günstig zu fahren, könne sie nachvollziehen, antwortet die Sprecherin der Nordwestbahn.

Kostenloser ÖPNV wäre einfacher umzusetzen als 9-Euro-Ticket

Als Pressesprecher des Verkehrsverbunds Bremen/Niedersachsen gibt Eckhard Spliethoff eine klare Antwort: „Die Frage ist einfach zu beantworten mit ,ja’, weil dann gar kein Ticket hätte ausgegeben werden müssen.“ Auf der anderen Seite, so gibt er zu bedenken, „würde es schwerer fallen, den Erfolg einer solchen Maßnahme zu messen, da in diesem Fall nur Schätzwerte der Inanspruchnahme vorgelegen hätten“.

So aber lässt sich genau ermitteln, wie viele Menschen via 9-Euro-Ticket vom Auto auf Bus oder Schiene umsteigen – vor allem Berufstätige. Das Potenzial ist groß im Landkreis Diepholz. Denn täglich verlassen 44 170 Beschäftigte diesen Lebensraum, weil ihr Arbeitsplatz außerhalb des Landkreises liegt – umgekehrt fahren 25 570 Berufstätige in den Landkreis Diepholz zur Arbeit, ist von Landkreis-Pressesprecherin Anne-Katrin Beimforde zu erfahren.

9-Euro-Ticket – was ist das?

Das 9-Euro-Ticket ist eine bundesweit gültige Monatskarte für den Nahverkehr (Nahverkehrszüge und S-Bahnen, Busse, Straßen- und U-Bahnen). Es gilt nicht für den Fernverkehr, seine Gültigkeit ist auf drei Monate beschränkt. Nach derzeitigen Planungen soll das Ticket vom 1. Juni bis zum 31. August erhältlich und nutzbar sein. Die Bundesregierung hat es in Folge der stark gestiegenen Kraftstoff- und Energiepreise nach Ausbruch des Ukraine-Kriegs aufgelegt. Mit Hochdruck arbeiten die Verkehrsunternehmen an der Umsetzung. 

Landkreis-Daten zur Verkehrszählung aus den Jahren 2018 und 2020 zeigen, wie viele Kraftfahrzeuge täglich auf der Bundesstraße 51 unterwegs sind, der Hauptverkehrsader im Landkreis Diepholz. Demnach sind es auf der Strecke Bassum-Diepholz täglich 7 136 Fahrzeuge (davon 756 Lastwagen), zwischen Lemförde und Diepholz 11 216 (davon 744 Lkw) und auf der Verbindung Bassum-Bremen 12 614 (davon 2022 Lkw).

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Ob und wie stark das 9-Euro-Ticket, also der Umstieg vom Auto auf Bahn oder Bus, diese Zahlen verändert, bleibt abzuwarten. Wie aber bekommen Umstiegswillige das besagte Ticket? „Ziel ist es, im Verkehrsverbund Bremen Niedersachsen das Neun-Euro-Ticket auf allen drei Vertriebswegen anzubieten“, erläutert Eckhard Spliethoff. Außer beim (Regional-)Busfahrer und in den Ticketautomaten werde es auch in der VBN-Fahr-Planer-App verfügbar sein, in der heute schon einige Tickets als Handyticket angeboten werden. Eckhard Spliethoff hat auch bestehende Mia-Kunden (Mobil im Abo) im Blick: „Diese Kunden müssen nichts tun. Ihr Konto wird in den drei Monaten des Aktionszeitraumes jeweils nur mit neun Euro belastet.“

Deutsche Bahn sieht Notwendigkeit einer mutigen Mobilitätswende

Ein tragender Pfeiler des ÖPNV ist die Deutsche Bahn. Wie bereitet sie sich auf das 9-Euro-Ticket vor und welche Erwartungen hat sie? „Das Neun-Euro-Ticket ist ein klares Signal, dass wir in Deutschland mutig die Mobilitätswende angehen, um einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten“, formuliert es ein Bahnsprecher, der namentlich nicht genannt werden möchte.

„Die Details zur Gültigkeit des 9-Euro-Tickets werden aktuell von den für den Nahverkehr in Deutschland zuständigen Bundesländern gemeinsam mit dem Bund und der ÖPNV-Branche, zu der auch wir als DB gehören, erarbeitet.“ Weiter heißt es: „Wir bitten daher um Verständnis, dass wir derzeit keine weiteren Angaben machen können.“

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