1. Startseite
  2. Lokales
  3. Landkreis Diepholz

9-Euro-Ticket: Entspannung statt Chaos

Erstellt:

Von: Anke Seidel

Kommentare

Menschen steigen am Bahnhof Diepholz aus einem Regional-Express. Es ist der 1. Juni 2022, Tag der Einführung des Neun-Euro-Tickets.
Menschen steigen am Bahnhof Diepholz aus einem Regional-Express. Es ist der 1. Juni 2022, Tag der Einführung des Neun-Euro-Tickets. © Anke Seidel

Kein Chaos, sondern eine entspannte Reise auf Schienen – so ist der erste Tag mit dem Neun-Euro-Ticket auf Strecken im Landkreis Diepholz verlaufen. Zwar waren laut kundigen Beobachtern zeitweise deutlich mehr Fahrgäste als bisher unterwegs. Aber es gab genügend Plätze und auch Raum für Fahrräder. Das zeigte sich bei Testfahrten dieser Zeitung in mehreren Zügen.

Landkreis Diepholz. Es ist Teil des Entlastungspakets der Bundesregierung, aber auch der Beginn einer neuen Ära im Öffentlichen Personennahverkehr: Das historisch günstige Neun-Euro-Ticket soll vor allem Pendler entlasten. Aber es ist auch ein Test dafür, ob der Wechsel vom Auto auf die Schiene gelingt und dadurch deutlich mehr Klimaschutz möglich ist. Auf Strecken im Landkreis Diepholz ist der Start verhalten gelaufen. Der große Ansturm auf die Bahn blieb aus, bewiesen Testfahrten dieser Zeitung. Fast alle Züge waren pünktlich. Allerdings soll das 9-Euro-Ticket auf einigen Regionalzug-Strecken nicht gültig sein.

Noch genügend Parkplätze

7.30 Uhr: Es scheint ein Tag wie jeder andere zu werden. Die Parkplätze nahe dem Bahnhof in Bassum sind gut gefüllt, in der zweiten Reihe gibt es noch genügend Stellplätze. Aber die Fahrradständer scheinen auffallend stark gefragt zu sein. Eine Gruppe junger Menschen ist mit Koffern unterwegs, offensichtlich geht es auf Reisen. Alles läuft ruhig und entspannt.

10.20 Uhr: Am Gleis 1 auf dem Bahnhof warten zwei Fahrgäste auf den Zug Richtung Osnabrück. „Die Züge sind voll, deutlich mehr Fahrgäste als sonst“, meint Nadine Rechenbach, die öfter mit dem Zug fährt. Ein 50-Jähriger, der fast täglich am Bahnhof vorbeischaut, nickt. Ja, das sieht er auch so. Beide Fahrgäste haben ein Neun-Euro-Ticket in der Tasche – und sind sehr zufrieden damit. „Ich spare 40 Euro im Monat!“, freut sich der 50-Jährige, der namentlich nicht genannt werden möchte.

„Am Wochenende wird es sicher voller“

10.30 Uhr: Pünktlich läuft der Regionalexpress nach Osnabrück in den Bahnhof Bassum ein, ohne Hast steigen die Fahrgäste ein. Gisela Ruehe sitzt bereits im Zug. Sie ist in Bremen zugestiegen und hat ihr Fahrrad dabei. Sie fährt nach Osnabrück, möchte mit ihren Töchtern eine Fahrradtour unternehmen. „Ich fahre öfter mal mit dem Zug“, sagt sie. Jetzt nutzt sie das Neun-Euro-Ticket. Der Regionalexpress ist nicht so voll, wie sie es erwartet hätte: „Am Wochenende wird es sicher voller.“

10.40 Uhr: Im Waggon für die Fahrräder herrscht fast gähnende Leere. Nur drei Zweiräder sind dort abgestellt, eines wird von seiner Besitzerin persönlich bewacht. Ein Zugbegleiter ist auf dem Weg durch die Abteile, bittet um die Fahrkarten, wirft einen Blick auf das Neun-Euro-Ticket und nickt. Sind viele damit unterwegs, läuft alles reibungslos? „Ich darf Ihnen nichts sagen. Vorschrift“, antwortet er – und eilt ins nächste Abteil.

10.45 Uhr: Die Fahrt läuft entspannt, am Fenster zieht die blühende Frühsommer-Landschaft vorbei. Streckenweise ist die Bundesstraße 51, die Hauptverkehrsader im Landkreis Diepholz, in Sichtweite. Blechlawinen sind dort nicht erkennbar, der Verkehr scheint ruhig zu fließen.

Manche wählen Stehplätze

10.53 Uhr: „Nächste Station: Diepholz. Ausstieg in Fahrtrichtung rechts“, schallt es aus dem Lautsprecher. Wie auf Befehl eilen mehrere Fahrgäste zur Tür, sie haben ihr Ziel erreicht. Andere wiederum steigen ein – deutlich mehr als an den Bahnhöfen in Bassum, Twistringen und Barnstorf. Obwohl es immer noch einzelne freie Sitzplätze gibt, entscheiden sich einige Fahrgäste für einen Stehplatz – sie scheuen offenbar die Nähe anderer Mitreisender. Trotz Maskenpflicht.

11.06 Uhr: Pünktlich hat der Zug den Bahnhof Lemförde erreicht. Nur vereinzelte Fahrgäste steigen hier aus, auf dem Bahnhofsgelände sind kaum Menschen unterwegs. Aber die Warnwesten eines Gleisbautrupps und der Sicherheitskräfte leuchten schon von Weitem. Sie führen Wartungsarbeiten am Gleis aus – bei laufendem Zugverkehr. Der Schotter im Gleisbett muss verdichtet werden. Dafür können sie aber nur bestimmte Zeitintervalle nutzen.

Reisegepäck statt Aktentaschen

11.45 Uhr: Mit ihrer dreijährigen Tochter wartet eine junge Mutter auf den Regionalexpress nach Bremen. Die 27-Jährige möchte Freunde in der Hansestadt besuchen – und freut sich über die finanzielle Entlastung durch das Neun-Euro-Ticket. Bisher hat sie mehr als 24 Euro ausgeben müssen – für eine einzige Hin- und Rückfahrt von Lemförde nach Bremen. Der Regionalexpress nach Bremen läuft pünktlich ein. Auffallend viele Fahrgäste im Zug haben Reisegepäck dabei – und keine Aktentaschen, wie sie bei Pendlern üblich sind. Im Türbereich steht ein Fahrgast mit einer offenen Flasche Bier in der Hand. Die Fahrt läuft reibungslos.

12.26 Uhr: Pünktlich hat der Zug den Bahnhof Bassum erreicht. Etwa ein Dutzend Reisende, die hier aussteigen, machen sich zielstrebig auf den Weg zur Bushaltestelle gegenüber. Dort hält ein Bus der Linie 123, der Fahrgäste ins Sulinger Land bringt. Heute sind es mehr als sonst.

Den Namenseintrag vergessen

15.48 Uhr: Pünktlich startet die Regio-S-Bahn der Nordwestbahn von Bassum in Richtung Bremen. Ihren Sitzplatz können sich die Zusteigenden aussuchen – volle Züge sehen anders aus. Drei Fahrgäste sitzen in einem Abteil, als der Zugbegleiter die Fahrkarten kontrollieren kommt. Einem von ihnen muss er einen Kugelschreiber leihen. Der Mann hat vergessen, sein Neun-Euro-Ticket mit seinem Namen zu versehen. Kurz vor dem Ziel Kirchweyhe stoppt der Zug, wenig später rast ein IC vorbei.

16.46 Uhr: Jetzt müsste die Regio-S-Bahn aus Richtung Bremen in Richtung Twistringen in Kirchweyhe ankommen, doch die hat Verspätung. Erst um 16.52 Uhr geht es weiter. In diesem Zug sind Sitzplätze knapp, manche Fahrgäste stehen nahe der Tür. Eine Gruppe von Frauen, offenbar Kolleginnen, hat eine Sitznische erwischt und lässt den Tag Revue passieren. Neun-Euro-Ticket? Ausnahmsweise kein Thema.

Einsatz für die Sicherheit: Ein Bautrupp verdichtet das Schotterbett der Gleise im Bereich des Bahnhofs Lemförde.
Einsatz für die Sicherheit: Ein Bautrupp verdichtet das Schotterbett der Gleise im Bereich des Bahnhofs Lemförde. © Anke Seidel

Auch interessant

Kommentare