Jugendkultur der 60er-Jahre: Tanznachmittage mit örtlichen Bands begeistern in Bruchhausen-Vilsen

Erst hörte man Skiffle, später die Beatles

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Die Musiker wechselten sich auf der Bühne ab. Hier nutzen die „Washboard Rhythm Five“ eine Spielpause von „Die Teddys“. Zu der Skiffle-Band gehörten neben Gründer Holger Eichhorn am Banjo (Mitte, teilweise verdeckt) auch (von links) Jörn Puckhaber (Teekiste), Volker Schmarje (Gitarre), Peter Früchtenicht (Gitarre) und Karl-Heinz Brandes (Waschbrett).

Br.-Vilsen - Von Marvin Köhnken. „Ein prima Erfolg“, so lautete das Fazit der Jungen und Mädchen, die am 24. April 1960 beim ersten sonntäglichen Jugend-Ball in Bruchhausen-Vilsen getanzt und gefeiert haben.

Mit Unterstützung des Volksbildungswerks Syke und des Kreisjugendpflegers Wolfgang Harjes hatte ein Team von jungen Musikbegeisterten alle Heranwachsenden ab 15 Jahren ins Gasthaus Krogemann (Sulinger Straße) eingeladen. Zwei Jahre lang begeisterten fortan regelmäßige Tanznachmittage in verschiedenen Gaststätten die jungen Leute. Damit diese Zeit nicht in Vergessenheit gerät, fasste Karl Roe der seine Eindrücke in einer Akte zusammen, die heute im Archiv der Samtgemeinde zu finden ist.

Mit diesem Artikel startete die Serie „Musikkultur im Wandel“, die in regelmäßigen Abständen in der Kreiszeitung erschienen ist.

Teil 2: 1,50 Mark für alkoholfreien Tanznachmittag

Teil 3: „Lennon, übernehmen Sie !“

Teil 4: Mittendrin statt nur dabei

Ab 15 Uhr kamen die Jugendlichen aus dem Flecken und umzu zusammen, um sich ihren Hobbys, dem Tanzen und der Musik, zu widmen. Dafür machten sie sich richtig schick – Kleider und Krawatten waren angesagt. Oft brachten die Eltern ihre Kinder zum Veranstaltungsort, vor Einbruch der Dunkelheit waren die Treffen in der Regel beendet. Alkohol, das legten die Jugendlichen selbst fest, wurde nicht ausgeschenkt. Auch die Erwachsenen mussten sich beugen: „So schluckten die Herren im gesetzten Alter weiter ihren Saft oder ihren Brunnen oder ein anderes alkoholfreies Getränk“, schrieb die Kreiszeitung damals.

Lutz Roeder, dessen Vater Karl die Tanznachmittage als Vertreter des Volksbildungswerks begleitete, erinnert sich heute noch an die launigen Nachmittage: „Wir haben die Zeit an diesen Sonntagen absolut ausgenutzt und tanzten ohne Unterlass.“ Verschiedene Kapellen kamen nach Bruchhausen-Vilsen: zum Beispiel „The Reds“, die „Blue Teddys“ (beide Verden) und „The Chain-Gang“ (Bremen).

Archiv-Mitarbeiterin Elisabeth Meyer greift zu der Akte über die Tanz-Bälle.

In den Tanzpausen gab es unterschiedliche Aktivitäten: Bei Modenschauen präsentierten Handel und Handwerk des Orts die aktuellen „Jugendmoden für Tanz und Party“. Beim Preistanzen galt es, die eigenen Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Fast immer dabei: eine Skiffle-Jazz-Band, die sich Anfang 1960 in Bruchhausen-Vilsen gegründet hatte. Jörn Puckhaber, Volker Schmarje, Peter Früchtenicht, Karl-Heinz Brandes und Holger Eichhorn spielten diese kurzzeitig sehr populäre Jazz-Form mit witzigen englischen Texten und mitunter ungewöhnlichen Instrumenten.

„Diese Musik hatte für uns eine große Faszination“, sagt Holger Eichhorn heute. Er habe sich früh mit dem Jazz infiziert. Eichhorn und Peter Früchtenicht waren die treibende Kraft hinter dem Skiffle-Projekt. „Ich war derjenige, der die neuesten Lieder auf einem britischen Soldatensender hörte, Holger Eichhorn hat sie für unsere Band umgesetzt“, erinnert sich Früchtenicht. Bis heute ist er dem Jazz treu geblieben und organisiert das Bremer Festival „Ein Sonntag im Park“.

Kurz nach dem Ende der Bruchhausen-Vilser Jugend-Bälle 1962 endete auch die gemeinsame Zeit der „Washboard Rhythm Five“, wie sich die fünf Skiffle-Musiker nannten – Grund waren schulische und berufliche Pflichten. „Ende der 50er-Jahre war dieser Stil auf dem Land total neu“, blickt Peter Früchtenicht zurück. „Später gab es auch eine Gruppe in Syke. Als jedoch die Beat les ab 1962 populär wurden, hörte man deren Musik. Unser Jazz war damals eine Modeerscheinung, mit der wir uns, ohne arrogant wirken zu wollen, von anderen abhoben.“

„Jazz-Musik gab es damals vor allem in den großen Städten. Skiffle-Gruppen sahen wir sonst nur im Fernsehen“, erzählt Holger Eichhorn, den diese Zeit nachhaltig geprägt hat. Damals wie heute sei seine Musik geprägt von Lebendigkeit und Improvisation, sagt der Professor für Alte Musik. Er denkt gerne an den Zeitgeist zurück, den der Skiffle-Jazz transportierte.

Auch Archivar Karl Sandvoß kann sich noch gut an die vielen Tanzlokale erinnern, die es früher in Bruchhausen-Vilsen und Hoya gab: „Wir hatten als erste Generation die Möglichkeit, uns nach dem Krieg wieder auszutoben. Mit dem Moped waren wir zum ersten Mal mobil – Geld und Zeit waren jetzt vorhanden.“

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