EON-Avacon investiert Millionen im Kreis

Immer mehr grüner Strom, aber dem Netz droht Kollaps

Einerseits wachsende Strommengen, die produziert werden, andererseits Stromnetze, die an ihre Kapazitätsgrenzen gelangen. Millionen-Investitionen sind erforderlich

Syke - Von Heinrich Kracke. Doch, es gibt sie noch, die Energiepreise, die tatsächlich fallen. Beim Sonnenstrom zum Beispiel. Wer vor sechs Jahren noch eine Photovoltaik-Anlage auf sein Hausdach montieren ließ, durfte sich über mehr als 50 Cent je erzeugter Kilowattstunde freuen, und das 20 Jahre lang.

Wer indes heutzutage genau denselben Schritt wagt, findet weniger als 20 Cent je erzeugter Kilowattstunde auf seinem Konto. Ein Preissturz von 60 Prozent. Und das Erstaunlichste: Niemanden stört's. Der Aufbau von Photovoltaikanlagen setzte sich auch 2012 mit unglaublichem Tempo fort. Allein im Einzugsbereich der Eon-Avacon Syke, so Sprecherin Christina Schulz, stieg die Zahl der Photovoltaik-Anlagen noch einmal um satte 850, und damit um 25 Prozent. Mehr als 4200 Eigenheimbesitzer zapfen im Einzugsgebiet des Versorgers mit dem Nordkreis Diepholz, dem Sulinger Land sowie den Samtgemeinden Harpstedt und Thedinghausen die Sonne an.

Und ein Ende ist nicht in Sicht. „Wir gehen von weiteren großen Zuwächsen aus,“ heißt es bei der Avacon. Dass in ein paar Jahren schon jedes dritte Haus mit Stromkollektoren auf dem Dach ausgestattet ist, gilt als nicht mehr unwahrscheinlich. Das wären dann 18.000, ein weiteres Wachstum um 400 Prozent. Aber nicht nur der Einzug der Photovoltaik feiert fröhliche Urständ. Auch die Windenergie schreitet mit neuen Anlagen im zweistelligen Bereich voran. Und die Blockheizkraftwerke, die oft an Biogas-Anlagen angeschlossen sind und sowohl Wärme als auch Elektrizität produzieren, sie vermehren sich geradezu explosionsartig.

Kein Wunder also, dass Flächenregionen wie der Raum zwischen Kirchweyhe und Kirchdorf die Energiewende klammheimlich schon vollzogen haben. Frei von allen Sorgen sind ist man dennoch nicht. Im Gegenteil. Das ganz dicke Problem muss erst noch bewältigt werden: Die alten Stromnetze sind kaum noch in der Lage, die gigantischen Mengen an Elektrizität abzuführen. Und das macht die Wende teuer, selbst dort, wo sie in vollem Gange ist. Rund 30 Millionen Euro will allein die Eon-Avacon Syke in den nächsten 20 Jahren in ihr Stromnetz pumpen. Knapp sieben Millionen fließen bereits in den Jahren 2012 und 2013 in neue und immer stärkere Leitungen.

Die mächtigen Investitionen lösen freilich lediglich eines von zwei Problemen, die die Energie-Wende begleiten. Der Netzausbau trägt lediglich dazu bei, dass die produzierte Energie überhaupt abtransportiert werden kann. Ursprünglich dienten die Leitungen lediglich dem Verteilen mit immer kleinere Verästelung bis hin zur letzten Kate, in den vergangenen Jahren sprudelte der Strom aus Sonnenenergie noch so gering, dass er vernachlässigt werden konnte, doch inzwischen hat die Einspeisung zu ernstzunehmenden Leitungs-Engpässen geführt. „Als Energieversorger dürfen wir keine Einspeise-Anträge ablehnen, in einigen Orten sind wir bereits an unsere Grenzen gelangt.“ Als erstes hat die Avacon deshalb im sonnenstromreichen Bruchhausen-Vilsen rund 25 Kilometer leistungsstarker neuer Kabel verlegt. Kostenpunkt: 2,3 Millionen Euro. Gegenwärtig erhält der Raum Wagenfeld für 2,7 Millionen eine 33 Kilometer lange Leitung, und im nächsten Jahr sind Bassum und Twistringen für 1,5 Millionen an der Reihe. Kleinere Maßnahmen im Sulinger Land komplettieren das Investitionspaket.

Millionen über Millionen, die erstmal den Stromtransport vor Ort sicherstellen. Doch die Pläne gehen noch einen deutlichen Schritt weiter: Regenerativer Strom soll über weite Strecken transportiert werden. Offshore-Anlagen liefern ihre Megawatt nach Bayern, so ist der Plan, Binnenlandanlagen verschieben die Elektrizität in Regionen, in denen gerade Flaute herrscht, und gleichen damit die ständigen Erzeugungs-Schwankungen aus. Auch dies ein milliardenschweres Programm, das noch in den Kinderschuhen steckt, aber schon pressiert. Allein im Einzugsbereich des Syker Umspannwerkes musste in den vergangenen drei Jahren an die 50 mal die Leistung von Windanlagen reduziert werden – einfach, weil die Strommengen nicht mehr in der näheren Umgebung verbraucht werden konnten. „Das ist die teuerste Form von regenerativer Energie,“ schimpft ein Windmüller. Zwar bleibe er nicht auf den Kosten sitzen, das werde über das Gesetz für erneuerbare Energien an den Verbraucher weitergereicht, aber ehrgeizigen Erweiterungspläne droht damit ein Imageschaden.

Vor allem die Windenergie ist es, die den Landkreis Diepholz zum Strom-Exporteur gemacht hat. Schon vor zweieinhalb Jahren war die Region in der Lage, sich komplett selbst zu versorgen. Mit dem rapiden Zuwachs bei den Anlagen erwarten Beobachter für den kommenden Sommer den nächsten Rekord: Nur drei Jahre wurden gebraucht, um die produzierte Strommenge zu verdoppeln.

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