Faszination Heiligenberg: Selbst Zusatztermin für Vortrag über Fundstücke überfüllt / Licht im Dunkel der Geschichte

Ende eines rätselhaften Dornröschenschlafs

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Eine Kugeltopf-Randscherbe aus dem 12. Jahrhundert präsentierte Bezirksarchäologe Friedrich-Wilhelm Wulf im Gespräch mit Adelheid Brüning, dem Archäologen Andreas Hummel und Hans-Heinrich Brüning (v.l.) gestern im Forsthaus. ·

Br.-Vilsen - Das Ende eines rätselhaften Dornröschenschlafs sorgte gestern im Forsthaus Heiligenberg für Überfüllung. Selbst im Zusatztermin reichten die Stühle nicht – so groß war die Faszination Heiligenberg.

Forsthaus-Chefin Adelheid Brüning sorgte persönlich dafür, dass alle Gäste einen Platz bekamen, und freute sich über das enorme Interesse von mehr als 150 Menschen. Bezirksarchäologe Friedrich-Wilhelm Wulf staunte, erstmals in seiner Laufbahn einen Vortrag zweimal halten zu müssen – vor allem aber darüber, dass die Geschichte des acht Meter hohen, 20 Meter breiten und heute noch erkennbaren Walls, der einst eine dreieinhalb Hektar große Burganlage umschloss, so lange unerforscht geblieben war. Erst der Bauantrag für ein Gästehaus hatte im Herbst 2011 den Anstoß für archäologische Untersuchungen gegeben (siehe Ausgabe vom 16. November). Aus dem Nebel der Vergangenheit waren Scherben und Spuren aus dem 9. Jahrhundert aufgetaucht – Belege für eine bewohnte Hauptburg mit zwei Vorburgen auf dem Heiligenberg und damit für die drittgrößte in der Region Hannover sowie die größte im Landkreis Diep holz.

Mit Luftaufnahmen, Landschaftsfotos und alten Karten spürte Wulf gestern der Frage nach, warum der Wall 1860 zwar kartiert, aber nicht als archäologisches Denkmal klassifiziert worden war – auch noch nicht 1932. Erst 1934 spekulierten die Bremer Nachrichten über das Phänomen Heiligenberg. Hatten hier die Germanen ihren Göttern geopfert? Oder lagerten hier römische Legionen? Schlug Karl der Große hier sein Lager auf? Antworten gab es nicht. Erst 1962 maßen Archäologen des Landesmuseums mit Hilfe von Studenten den Wall am Heiligenberg auf. Doch Licht in das Dunkel der Geschichte brachten erst die Ausgrabungen im Herbst 2011. Rund 100 Befunde stellten der Archäologe Andreas Hummel und seine Mitarbeiter von Denkmal3D, einer privaten Grabungsfirma, auf einer 1 100 Quadratmeter großen Fläche fest. Die Spuren lassen den Schluss zu, dass dort ein 13 mal 15 Meter großer Bau mit Ziegeldach gestanden hat, erklärte Hummel gestern: womöglich eine Kirche des Prämonstratenser-Klosters. Diese Bruderschaft lebte in der Zeit zwischen 1217 und 1543 nachweislich auf dem Heiligenberg. Unter dem 1 000 sicher gestellten Einzelfundstücken stammen etliche aus dieser Zeit: Die Scherben eines Kachelofens zum Beispiel. Stück für Stück trugen die Archäologen einen Spiegel der Geschichte zusammen: Musketen-Kugeln, Tierknochen, Ton- und Dachziegelscherben. Und besondere Kleinode: Zwei winzige Fibeln (Gewandschließen) aus dem 9. oder 10. Jahrhundert mit 1,5 und zwei Zentimetern Durchmesser. Zu erkennen sind eine Kreuzform und eine menschliche Figur – womöglich Abbild eines Heiligen. Die Standorte der Häuser aus dem 9. und 10. Jahrhundert fanden die Forscher bisher nicht: Ein Rätsel, das bleibt. „Wir wirtschaften mit sehr viel Erfurcht auf dem Heiligenberg“, so Adelheid Brüning – und fügte hinzu: „Wir wollen Geschichte wieder erlebbar machen.“ · sdl

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