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Ehemaliger Diepholzer Verdi-Chef Stöver: Konfrontation notwendig

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Von: Anke Seidel

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Ludwig Stöver engagiert sich seit 50 Jahren in der Gewerkschaft.
Ludwig Stöver engagiert sich seit 50 Jahren in der Gewerkschaft. © Jantje Ehlers

Seit Verdi im Landkreis Diepholz existiert, war Ludwig Stöver Vorsitzender der Gewerkschaft. Nun tritt er ‒ zufrieden ‒ einen Schritt zurück.

Seit einem halben Jahrhundert engagiert sich Ludwig Stöver gewerkschaftlich – drei Jahrzehnte in entscheidender Funktion. Nun hat der 69-jährige Diepholzer den Chefsessel von Verdi im Landkreis Diepholz geräumt. Im Interview spricht er über Durchsetzungsfähigkeit, Erreichtes und Zukunftsaufgaben. Die Fragen stellte Anke Seidel.

Herr Stöver, Sie haben auf gewerkschaftlicher Seite seit Jahrzehnten für die Interessen von Beschäftigten gekämpft. Sind Sie mit dem Erreichten zufrieden?

Als Gewerkschaftler ist man kein Einzelkämpfer. Man tritt gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen für gemeinsame Forderungen ein. Deshalb ist die Frage der Durchsetzungsfähigkeit eine wichtige Voraussetzung, um erfolgreich zu sein. Das gilt für den allgemeinen tarifpolitischen Bereich, aber auch für lokale Forderungen. Wenn man denen nicht Nachdruck verleiht durch Stärke, dann werden sie verpuffen! An der Durchsetzungsfähigkeit, auch der lokalen, habe ich sehr intensiv gearbeitet und kann auch sagen, dass ich mit dem Erreichten durchaus zufrieden bin.

Welche Forderung war besonders schwierig durchzusetzen?

Wir haben uns in verschiedenen politischen Feldern bewegt. Ein wichtiger Punkt ist die kommunale Daseinsvorsorge. Da hat es immer wieder Versuche gegeben, Bereiche zu privatisieren. Das zu verhindern, war ein Hauptanliegen – insbesondere bei den Fragen der tariflichen Einkommensabsicherung, der Beschäftigungssicherung und auch der politischen Steuerung. Beispielsweise bei der Kreisabfallwirtschaft (Anm. d. Red.: heute AWG), der Kreismusikschule und insbesondere im Bereich der Kreiskrankenhäuser. Hier bedurfte es besonderer Anstrengungen und gewerkschaftlicher Stärke, um Entscheidungen zu verhindern oder die Auswirkungen für die Beschäftigten abzumildern.

Und welche bisher gar nicht?

Das ist eine bittere Erkenntnis: Im Bereich der einkommensschwächsten Beschäftigtengruppe, nämlich den kommunalen Reinigungskräften, haben wir die negative Entwicklung für die Beschäftigten – insbesondere auf der Landkreis-Ebene – nicht verhindern können.

Die Herausforderungen haben sich im Laufe der Jahrzehnte gewandelt, waren in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit völlig andere als heute. Wofür hat Ihr Herz besonders geschlagen?

Einmal für den Bereich der Ausbildung. Da geht es um die Frage: Welche Perspektiven schaffe ich für junge Leute, die die Schule beenden? Da geht es auch um die Übernahme nach der Ausbildung. Dann die Frage der Vereinbarkeit von Familie und Beruf – und natürlich Fragen der Beschäftigungssicherung.

Wie viele Streiks haben Sie im Laufe der Jahrzehnte organisiert und begleitet?

Ich habe gar keine Streiks organisiert, weil ich von den tarifpolitischen Forderungen als Beamter nicht betroffen war! In meiner Funktion als Verdi-Ortsvereinsvorsitzender Landkreis Diepholz habe ich natürlich die Arbeitskampfmaßnahmen durch den Ortsvereinsvorstand logistisch und politisch unterstützt. Selbstverständlich war ich häufig vor Ort, wenn sich die Kolleginnen und Kollegen im Arbeitskampf befunden haben.

Ist diese Konfrontation mit den Arbeitgebern effektiv, führt sie zum Erfolg?

Ich wüsste keinen besseren Weg, der zum Erfolg führt. Die Alternativen, die ich mir vorstellen kann, gefallen mir überhaupt nicht! Erstens wäre man Bittsteller bei den Entscheidern. Wir sehen das am Beispiel von Levare: Dieser Betrieb der Krankenhaus-Gesellschaft im Landkreis Diepholz ist nicht tarifgebunden.

Unsere politische Forderung nach Übernahme der Beschäftigten durch die Krankenhaus-Gesellschaft wird seit Jahren nicht erfüllt – obwohl CDU- und SPD-Fraktion im Kreistag das in ihrer Vereinbarung beschrieben haben. So können wir keinen gewerkschaftlichen Druck aufbauen. Deshalb passiert auch nichts. Wir sind vom Wohl und Wehe anderer abhängig.

Der zweite Weg wäre, die Forderungen der Gewerkschaft – insbesondere nach Lohn und Gehalt – durch Verordnung des Gesetzgebers zu regeln. Damit haben wir geschichtlich ganz schlechte Erfahrungen gemacht. In der Weimarer Republik war das ein Instrument, das letztendlich ins Chaos geführt hat. Also bleibt nur die Auseinandersetzung zwischen den verfassungsmäßig garantierten Tarifparteien. Und das setzt voraus, dass einige Forderungen mit Durchsetzungskraft hinterlegt sind.

Woran erinnern Sie sich besonders?

2005 ist der Landkreis aus dem kommunalen Arbeitgeberverband ausgetreten. Wir haben uns darauf vorbereitet, im „Häuserkampf“ unsere Forderungen durchsetzen zu müssen. Damals hat uns der Verdi-Bundesvorsitzende Frank Bsirske sehr unterstützt! Unter anderem bei seinem Besuch unserer Kundgebung in Diepholz. Dabei hat er auch das ehrenamtlich geführte Verdi-Büro in Diepholz eröffnet.

Welche Hauptaufgabe hat die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi heute?

Die klassischen Aufgaben der Tarifpolitik: Einkommenssicherung, Arbeitsschutz, Kündigungsschutz, Beschäftigungssicherung. Eine weitere Aufgabe ist es, das Thema Digitalisierung zu sehen – und diesen Bereich sozial zu flankieren. Es kommt darauf an, der Individualisierung der Arbeit entgegenzutreten! Die Arbeit muss weiterhin in den Betrieben stattfinden und darf nicht über Outsourcing den freien Kräften des Markts überlassen bleiben. Dafür benötigen wir Tarifverträge, die dieses sichern, und haben im Bereich der Logistik auch schon erste positive Ergebnisse erreicht.

Was hätten Sie als Verdi-Chef im Landkreis Diepholz noch gern verwirklicht?

So einiges (lacht). Ich sage noch mal: Der offene Punkt, der mich wurmt, ist das Thema Levare! Hier kann ich nicht akzeptieren, dass es in einem Betrieb tariflich abgesicherte Beschäftigte und andere Beschäftigte gibt, die zu schlechteren Bedingungen – insbesondere, was die Altersvorsorge betrifft – arbeiten müssen.

Und was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Erreichtes zu bewahren, ist nicht selbstverständlich. Es muss immer wieder verteidigt werden! Auf neue Entwicklungen müssen wir auch im Sinne der Beschäftigten-Interessen reagieren können. Diese Herausforderung können wir nur mit gewerkschaftlicher Stärke meistern. Ich hoffe und wünsche mir, dass diese Erkenntnis immer mehr Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer gewinnen und sich gewerkschaftlich organisieren.

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