Alkoholiker geht hart mit seinem Umfeld und sich selbst ins Gericht

„Nie wieder in die Verachtung kommen!“

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Eberhard Lempelius

Twistringen - Von Udo Scholz. Abstinenz ist für Eberhard Lempelius zur Lebenshaltung geworden. Warum, das schilderte der 72-jährige „trockene“ Alkoholiker bei der Lesung aus seiner Autobiografie „Dreizehn Meter Flur“ im Twistringer Rathaus. Aus Anlass der bundesweiten Aktionswoche Alkohol hatten Caritasverband und Kreuzbund den Autor eingeladen.

Vor rund 60 Zuhörern beschrieb Suchttherapeut Johannes Kaluza (Caritas) die Alkoholsucht als gesellschaftliches Problem. Etwa 9,5 Millionen Menschen in Deutschland trinken zu viel Alkohol und 1,3 Millionen von ihnen sind abhängig – wie einst auch Eberhard Lempelius.

In seiner Autobiografie „Dreizehn Meter Flur“ zeigt er offen und schonungslos seinen eigenen Weg in und durch die Sucht auf, vermittelt plastische Eindrücke seiner jeweiligen Verfassung und Empfindungen bis hin zum Ausstieg aus der Sucht und zu seinem zweiten Leben als „trockener“ Alkoholiker, das er seit mittlerweile fast 39 Jahren führt.

In seinen authentischen, teilweise drastischen Schilderungen geht er hart mit seinem Umfeld, aber auch mit sich selbst ins Gericht. Er zeichnet ein Bild von einem Elternhaus, in dem psychischer Druck und physische Gewalt an der Tagesordnung waren, bis er sich als Jugendlicher gegen seinen Stiefvater auflehnte und ihm androhte, sich zur Wehr zu setzen. „Als ich seine ängstliche Reaktion verspürte, war ich schon ein wenig stolz auf mich“, so Lempelius. Nicht zuletzt dieser Vorfall führte dazu, dass seine Mutter ihn recht früh vor die Tür setzte. Fortan bestimmten Alkoholexzesse und Schlägereien seinen Tagesablauf. Wenn er nicht bei Freunden oder Saufkumpanen übernachten konnte, schlief er im Bundeswehr-Schlafsack in Parks oder er suchte sich in besonders kalten Nächten unverschlossene Autos für zwei bis drei Stunden Schlaf. In dieser Phase fand Lempelius keinen beruflichen Halt. Entlassungen in immer kürzeren Zeitabständen waren die logischen Folgen seiner Alkoholsucht, bis hin zum Höhepunkt einer fristlosen Kündigung auf hoher See: „Das kommt ausgesprochen selten vor, da muss schon einiges vorgefallen sein.“ Man könne in einer solchen Situation nicht einfach nach Hause geschickt werden, also setzte er die Fahrt als Passagier fort, wobei er sich nun ungehemmt seinem „Freund Alkohol“ hingeben konnte, bis er mit etwa 32 Jahren versuchte, seiner Todessehnsucht mit Whisky und einer größeren Menge Valium nachzugeben.

Der Bruch mit besten Freunden und eine Suchtverlagerung zur Kaufsucht waren weitere Stationen seiner Suchtkarriere, ehe Lempelius an einen Punkt gelangte, an dem er für sich beschloss, „nie wieder in die Verachtung zu kommen!“ Das war für ihn letztlich der Anlass, den Weg in die Abstinenz zu gehen. Nach drei Monaten in der Suchtklinik und Gesprächstherapien gaben ihm Selbsthilfegruppen Halt – jahrelang waren sie seine „Familie“. Seine unverblümten und beeindruckenden Schilderungen vermittelten die Zuversicht, dass es Wege aus der Sucht gibt, wenn Betroffene ein Bewusstsein und eine Einsicht entwickeln, krank zu sein und sich Hilfe suchen. Die vielen Fragen des Publikums und zahlreiche seiner Bücher, die Lempelius zum Abschluss signieren und verkaufen konnte, zeugten vom bleibenden Eindruck, den seine autobiografische Lesung hinterlassen hatte.

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