Immunotherapie für Ferkel

Kastration per Spritze: Zweimal impfen – wie gegen Corona

Ein Mann impft ein junge Schwein in einem Stall.
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So wird geimpft: Die Immunokastration in der Praxis.

Eberferkel ohne Betäubung kastrieren – das ist seit Jahresbeginn in Niedersachsen verboten. Ferkelerzeuger im Landkreis Diepholz setzen unterschiedliche Alternativen um.

  • Immunokastration gilt als unblutige Alternative im Stall.
  • Chirurgischer Eingriff ist in Niedersachsen aber weiterhin erlaubt.
  • Narkose und Schmerzmittel sind im Schweinestall Pflicht.

Landkreis Diepholz –Jürgen Langhorst aus Diepholz, der 250 Sauen hält und deren Ferkel er auch selbst mästet, hat sich schon vor mehr als einem Jahr auf die neue Gesetzgebung eingestellt – und setzt auf eine Immunimpfung, die sogenannte Immunokastration.

Botenstoff - kein Hormon

Genau die muss zweimal erfolgen, um die gewünschte Wirkung zu entfalten. Es ist also fast wie beim Coronaschutz. Den Eberferkeln werde ein Botenstoff verabreicht, erklärt Langhorst, der auf das Immunsystem reagiere. „Das ist kein Hormon“, betont der Landwirt. Die erste Gabe sei praktisch die Vorbereitung auf die Wirkung der zweiten. Die Tiere erhalten letztere, wenn sie in die Geschlechtsreife kommen – genau die wird mit dem Botenstoff verhindert. Der Landwirt aus Diepholz formuliert es so: „Die Ferkel kommen nicht in die Pubertät, die Hoden wachsen nicht weiter.“

So kann sich vor allem der gefürchtete Ebergeruch nicht verbreiten. Das Fleisch sogenannter „Stinker“ gilt als ungenießbar. Genau deshalb ist die Ferkelkastration fast so alt wie die Schweinemast selbst.

Hoden wachsen nicht weiter

Die Wirkung der Impfung halte etwa zehn Wochen an, berichtet der Diepholzer Landwirt. In diesem Zeitraum müssen die immunokastrierten Schweine also vermarktet werden. Auf seinem Hof geschieht das in einem Zeitfenster von etwa vier bis fünf Wochen nach der entscheidenden Impfung.

Die 250 Sauen auf dem Hof Langhorst werfen rund 7000 Ferkel pro Jahr. Etwa die Hälfte sind Eberferkel. Jürgen Langhorst hat mittlerweile mehr als ein Jahr Erfahrung mit der Immunokastration. Wirkt die Impfung bei allen Tieren? „Die Auffälligkeiten liegen im 0,0-Prozentbereich“, antwortet der Landwirt, „bei mehr als 3000 Eberferkeln ist vielleicht eine dabei.“ Man bewege sich also „im Promillebereich“.

Ganz bewusst hat sich der Diepholzer gegen die chirurgische Kastration entschieden: „Wir wollen unsere Ferkel nicht bluten lassen.“ Dass Berufskollegen die physische Alternative wählen, kann Jürgen Langhorst aber nachvollziehen: „Diese Tiere kann man besser vermarkten.“

Die Impfungen im Stall von Jürgen Langhorst führt ein Team des Botenstoff-Herstellers Zoetis durch – und übernimmt genauso die regelmäßigen Überprüfungen: „Vor der Vermarktung wird noch einmal kontrolliert, ob die Impfung gewirkt hat.“

Die physische Alternative, also die Operation, müssen deutsche Landwirte mit dem Betäubungsmittel Isofuram umsetzen. Der Aufwand ist weit größer als bei der Immunimpfung, weil in ein spezielles Narkosegerät investiert und Nachsorge für die operierten Tiere getragen werden muss. Die holländischen Landwirte, so erläutert Stefan Meyer als Öffentlichkeitsreferent des Landvolks Grafschaft Diepholz, dürften CO2 als Betäubungsmittel einsetzen.

Mehrkosten für Landwirte

Das ist kostengünstiger und völlig natürlich. „Aber das ist in Deutschland leider nicht zugelassen, obwohl es genauso zuverlässig ist“, sagt Stefan Meyer. Den deutschen Landwirten würden dadurch Wettbewerbsnachteile entstehen. Denn mittlerweile komme bereits die Hälfte der Ferkel aus Ländern wie Holland oder Dänemark. Der Öffentlichkeitsreferent verweist auf eine Untersuchung des Braunschweiger Thünen-Instituts für Betriebswirtschaft: Demnach müssen deutsche Landwirte durch die Isoflurannarkose je nach Betriebsgröße und -struktur Mehrkosten in Höhe von 1,93 bis 3,81 Euro je kastriertem männlichen Ferkel schultern. Dabei ist der Markt für Ferkel schlecht, wie sein Berufskollege Christoph Bode weiß.

Zu ihnen gehört Stefan Scharrelmann aus Heede. Er hält 300 Sauen, die jährlich 9 000 Ferkel werfen. Anders als Jürgen Langhorst mästet er sie nicht, ist also auf Abnehmer am Markt angewiesen. Dass sie lediglich geimpfte Eberferkel kaufen, glaubt Stefan Scharrelmann nicht. Deshalb hat er das spezielle Narkosegerät angeschafft, eine umfangreiche Schulung durchlaufen und mit Erfolg eine Prüfung abgelegt – nachdem er, wie vorgeschrieben, gemeinsam mit einem Tierarzt 200 Ferkel kastriert und weitere praktische Übungen absolviert hatte. Die Vorgaben sind also streng.

Mittel gegen Wundschmerz

Seit der zweiten Januarwoche arbeitet Stefan Scharrelmann mit der Isoflurannarkose. Jeweils vier Ferkel werden dafür etwa zwei Minuten lang in das Spezialgerät gelegt und 75 Sekunden mit Isofluran narkotisiert – nachdem sie bereits eine halbe Stunde zuvor ein Mittel gegen etwaige Wundschmerzen erhalten haben, betont der Landwirt: „Das ist schon seit Jahren so.“

Ebermast keine Alternative

Sechs Jahre hat Christoph Bode aus Drentwede Eber gemästet und ihr Fleisch vermarktet. „Man hält und füttert sie genauso wie andere Mastschweine, aber in getrennten Gruppen“, betont der Landwirt. Eber seien agiler, unter ihnen gebe es auch schon Mal Rangkämpfe. Bei Schlachtreife werden die Eber ganz normal vermarktet. Am Schlachtband jedoch wird das Fleisch intensiv auf Geruch geprüft und sogenannte „Stinker“ werden aussortiert. Deren Fleisch könne nur noch für geräucherte oder gepökelte Produkte verwendet werden, erläutert Bode: „Der Markt ist allerdings nicht so groß.“ In anderen Ländern Europas würden die Eber vor ihrer Pubertät geschlachtet, mit etwa 90 Kilogramm. Auch in Deutschland wäre das eine Lösung. „Aber die Deutschen sind sehr exquisit, was das Fleisch angeht“, weiß Christoph Bode aus Erfahrung. Teilstücke wie Schinken oder Lachsfleisch wären bei jungen Tieren deutlich kleiner – was nicht erste Wahl sei. Und sich in spürbar geringeren Preisen für die Mäster spiegelt. Um seinen Betrieb langfristig sichern zu können, setzt Christoph Bode seit November wieder auf Kastration – mit der Isoflurannarkose.

Nach der Kastration werden die Ferkel in einer speziellen Box überwacht, bevor sie wieder in die Ferkelbucht kommen. „Die meisten laufen dann schon wieder“, betont der Landwirt aus Heede, „ich habe bisher noch keine Zwischenfälle gehabt“. Will heißen: Alle 600 Eberferkel, die er bisher kastriert hat – allein oder gemeinsam mit dem Tierarzt – haben den Eingriff demnach ohne Komplikationen überstanden. Auf seinem Hof sind es in einem Jahr etwa 4 500 Tiere, die diese Prozedur durchlaufen werden – und später an Mäster gehen.

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