Minijobs im Landkreis

1.600 Minijobs sind im vergangenen Coronajahr im Landkreis Diepholz weggefallen

Ein Fensterreiniger putzt eine Fensterscheibe.
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Gegenläufige Trends: Minijobber in Reinigungsunternehmen sind Profiteure und Verlierer in der Krise zugleich.

Die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt Land Bremen und Umzu fordert eine Sozialversicherungspflicht von Minijobs ab dem ersten Euro

Landkreis Diepholz – Im Landkreis Diepholz sind im vergangenen Jahr rund 1 .600 geringfügig entlohnte Arbeitsverhältnisse (Minijobs) weggefallen. Das teilt die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG Bau) mit. Innerhalb von zwölf Monaten sank deren Zahl somit um sechs Prozent auf etwa 22.800 Stellen.

„Der Rückgang zeigt, dass Minijobs nicht krisenfest sind. In unsicheren Zeiten kürzen Unternehmen zuerst bei den 450-Euro-Kräften, die weder Anspruch auf das Kurzarbeiter- noch auf das Arbeitslosengeld haben“, kritisiert Inge Bogatzki, Bezirksvorsitzende der IG Bau Land Bremen und Umzu.

In der Gebäudereinigung, so die IG Bau, seien prekäre Arbeitsverhältnisse besonders verbreitet. Insbesondere für Frauen würden sie zum Karriere- und Armutsrisiko. Die Arbeitsagentur im Kreis zählte Ende 2020 rund 670 Beschäftigte in Reinigungsunternehmen, die einen Minijob als alleiniges Einkommen haben. Das seien rund 36 Prozent aller Beschäftigten in der Reinigungsbranche im Kreis.

Vollkommen anders sieht das Kerstin Stolz, Assistentin der Geschäftsführung der vdp facility Gesellschaft aus Twistringen. „Wir haben niemanden entlassen, wir sind die Gewinner in der Pandemie und wir haben sogar Leute neu eingestellt“, sagt Stolz. Das Unternehmen beschäftigt rund 500 Angestellte in der Reinigungsbranche. Darunter seien rund 270 Minijobber-Stellen. „Unser Unternehmen bedient den Schwerpunkt öffentliche Gebäude.“ Und der generiere aufgrund der umfassenden Hygienemaßnahmen mehr Aufträge von öffentlichen Trägern.

IG Bau will Sozialversicherungspflicht ab dem ersten Euro

Dennoch fordert Bogatzki, dass Minijobs ab dem ersten Euro sozialversicherungspflichtig werden. Sie will auch die Sozialversicherungsfreiheit für diese Jobs abschaffen. Nur wenn die Beschäftigten künftig Beiträge zur Arbeitslosen-, Kranken-, Pflege- und Rentenversicherung zahlen, könnten sie wirksam geschützt werden.

Doch welche Auswirkungen hätte die Sozialversicherungspflicht noch auf den Minijobber? Konkret schätzt Christian Wechselbaum, Regionalleiter der IG Bau, dass die Abgabenlast ab dem ersten Euro den Minijobber zunächst einmal rund zwei Euro pro Stunde kosten würden. Dafür erhielte der Arbeitnehmer die Vorzüge der sozialen Absicherung. Der Mindestlohn beträgt 9,60 Euro (9,82 Euro, Januar 2022).

Stolz widerspricht der Auffassung, dass Geringverdiener in der Reinigungsbranche in der Coronalage besonders gelitten haben. Im Gegenteil. Ihre Mitarbeiter würden alle gebraucht. Aufgrund des hohen Bedarfs in der Reinigungsbranche will das Unternehmen, das laut eigener Auskunft 11,11 Euro nach Tarifvertrag zahlt, seine bestehenden Minijob-Arbeitsverhältnisse am liebsten umwandeln. „Wir wünschen uns, dass die vorhandenen Mitarbeiter in sozialversicherungspflichtige Vollzeitbeschäftigungsverhältnisse wechseln“, so Stolz. Auch der Aussage, dass die Arbeitsverhältnisse prekär seien, widerspricht Stolz. Viele wollten sich neben der Rente oder nachdem das Kind in der Kita ist, etwas hinzuverdienen.

Minijobber erreichen Gehaltsgrenze immer schneller

Die Unternehmenssekretärin sieht ein ganz anderes Problem. Aufgrund des stetig steigenden Tariflohns erreichten Minijobber immer schneller die Gehaltsobergrenze von 450 Euro im Monat. Für den Mitarbeiter sei das gut, aber die Arbeitszeit fehle letztlich dem Unternehmen. Doch neue Arbeitskräfte seien – auch im Reinigungsgewerbe – schwer zu bekommen.

Das Problem kennt auch Unternehmer Udo Struth. „Unter 15 Euro will doch keiner mehr arbeiten“, sagt der Gebäudereiniger aus Diepholz. Zudem mangele es Bewerbern oft an Sprachkenntnissen.

Zur Motivation von Minijobbern hat die Agentur für Arbeit 2018 eine Studie des Instituts für Arbeitsmarktforschung und Berufsforschung in Auftrag gegeben, erklärtDaniel Bestvater, Pressesprecher der Agentur für Arbeit Verden-Nienburg. Demnach hatten jeweils rund 90 Prozent der erwerbstätigen Rentner nach eigenen Angaben Spaß bei der Arbeit, brauchten den Kontakt zu anderen Menschen oder wünschten sich weiterhin eine Aufgabe. Mehr als die Hälfte der Befragten führte allerdings auch finanzielle Gründe für ihre Erwerbstätigkeit an. Insbesondere Frauen seien häufiger auf den Hinzuverdienst angewiesen.

Das Fazit der Gewerkschaft ist mit Blick auf die Entwicklungen eindeutig: Die Politik setze mit den abgabenfreien Minijobs seit Jahren falsche Anreize. Es bedürfe einer grundlegenden Reform. Eine Anpassung auf 550 Euro sei nur eine Inflationsanpassung, so Wechselbaum.

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