Zukunftsstruktur der Kliniken sorgt im Regionalgespräch sowie im Fachausschuss für intensive Diskussionen

Zähes Ringen – heftige Bürgerproteste

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Im Prinzip sind sie sich einig: (vl.) Die Landräte Herbert Winkel und Cord Bockhop mit Staatssekretär Jörg Röhmann.

Barnstorf/Diepholz - Von Anke Seidel. Es muss ein zähes Ringen um einen machbaren Kompromiss in einem hochsensiblen Bereich gewesen sein. Darauf lässt die Tatsache schließen, dass gestern das zweite – nichtöffentliche – Regionalgespräch über die Zukunftsstruktur der Kliniken in der Region Diepholz/Vechta deutlich länger dauerte als vorgesehen.

Rund 200 Bürger aus Diepholz und Vertreter des Klinikverbunds verfolgten gestern die zeitweise emotionsgeladene Diskussion im Diepholzer Haus Herrenweide.

Im Pressegespräch beschrieb Staatssekretär Jörg Röhmann die Diskussion im Barnstorfer Hotel Roshop als lebhaft und intensiv, aber auch als offen und wertschätzend. Das war zwei Stunden später im Diepholzer Haus Herrenweide völlig anders. Im Landkreis-Gesundheitsausschuss machten etwa 200 Bürger ihrem Unmut darüber Luft, dass es an der Diepholzer Klinik Abstriche geben soll. Der Diepholzer Ratspolitiker Manfred Albers (SPD) verließ sogar unter Protest den Saal. Diepholz würde die Fachabteilung der Urologie verlieren – dafür aber eine psychiatrische Abteilung mit bis zu 50 Betten erhalten. Eine Strukturveränderung, mit der sich Herbert Winkel, Landrat in Vechta, gestern in der Pressekonferenz nach dem Regionalgespräch einverstanden zeigte. 2014 hätten von 532 psychiatrischen Patienten im Landkreis Vechta 42 nicht versorgt werden können, sagte Winkel – und betonte, dass die Erarbeitung eines nachhaltigen Klinikkonzeptes die Aufgabe des Landkreises Diepholz sei: „Wir in Vechta sind gut aufgestellt.“

Der Umzug der Urologie von Diepholz nach Bassum hätte für den Landkreis Vechta einen Vorteil: Er würde die Wettbewerbssituation mit dem zehn Kilometer entfernten Krankenhaus in Lohne bereinigen, das ebenfalls eine Urologie besitzt.

Aus qualitativen Gründen stelle sich aber die Frage, so Staatssekretär Röhmann gestern, ob eine große Urologie-Abteilung nicht besser wäre als zwei kleine. Deshalb gehört die Urologie zu den drei Punkten, die in einem Spitzengespräch mit dem Sozialministerium, den Krankenkassen und der Krankenhausgesellschaft erörtert werden sollen. Ebenso die neue psychiatrische Abteilung an der Klinik Diepholz: Sie erscheine auf den ersten Blick „unlogisch“, so Röhmann, weil in Bassum zurzeit ein Neubau für die Psychiatrie entsteht.

Dritter Punkt: Die chirurgische Notfallversorgung, die es rund um die Uhr künftig nur noch in Bassum geben soll. Doch darauf seien die meisten Patienten nicht angewiesen: „Die meisten Erkrankungen laufen über die Innere Abteilung“, so Röhmann. Die gebe es weiterhin an allen drei Kliniken im Landkreis Diepholz – in Bassum, Sulingen und Diepholz – und das rund um die Uhr.

Gleichwohl müsse die Zentralisierung der chirurgischen Notfallversorgung eng verzahnt werden mit dem Rettungsdienst. Es sei wichtig, dass bei einem Unfall schnell das erste Rettungsfahrzeug vor Ort sei. „Da sind wir sowieso dran“, erklärte Landrat Cord Bockhop. Ihm war klar: Das Zukunftskonzept ist „nicht das Optimum aus Sicht eines jeden“, sondern ein Kompromiss.

Mit dem Konzept werde sich am 8. Juli der Landesplanungsausschuss befassen, kündigte Röhmann an.

Es war Kreisrat Markus Pragal, der den aktuellen Sachstand im Landkreis-Fachausschuss für Jugend, Gesundheit und Soziales im Diepholzer Haus Herrenweide darstellte – vor rund 200 aufgebrachten Bürgern und unter der Leitung von Michael Albers (SPD). Jolanta Malan legte für die Diepholzer Bürgerinitiative mehr als 12000 Unterschriften vor. „Und wir hören nicht auf!“ Die Sprecherin forderte kämpferisch ein zweites Gutachten über die Klinikstrukturen und behauptete, dass bereits vor zwei Jahren Ärzte aus dem Diepholzer Krankenhaus „rausgeekelt“ worden seien.

Auch Volker Jürgens aus Diepholz forderte ein zweites Gutachten, weil im jetzt vorliegenden „irreführende“ Sachverhalte dargestellt würden – zum Beispiel beim Versorgungsgrad der Kliniken. Die Gutachter hätten nicht berücksichtigt, dass die 60000 Einwohner der Gemeinden Stuhr und Weyhe Bremer Krankenhäuser nutzen würden – und nicht die Bassumer Klinik. Seinen eigenen Berechnungen zufolge, so Jürgens, hätten die Kliniken in Diepholz und Sulingen einen Versorgungsgrad von mehr als 62 Prozent, Bassum jedoch nur von 14 Prozent.

Ohrenbetäubender Beifall brandete auf, als Jürgens in den Saal rief: „Das ganze Management des Krankenhauses wird völlig außer Acht gelassen. Man muss hinterfragen: Warum gehen die Ärzte?“

Der ehemalige Diepholzer Klinik-Chefarzt Dr. Heribert Bongartz forderte einen fairen Umgang mit Menschen. Seinen Schilderungen zufolge war ein Chefarzt, der ordentlich gekündigt hatte und vertragsgerecht seiner restlichen Verpflichtung nachkommen wollte, am Betreten der Klinik gehindert worden.

Was im Saal für Empörung sorgte, hatte unbestätigten Informationen dieser Zeitung zufolge einen Grund. Demnach hatte besagter Chefarzt Visitenkarten seines neuen Arbeitgebers an seine Patienten verteilt – was als Abwerbung gewertet worden war.

Politiker aller Kreistagsfraktionen stellten gestern klar, wie wichtig ihnen die Kliniken sind. Über ihre Stellungnahmen berichten wir noch gesondert.

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