Technologie-Wandel führt zu Job-Abbau

ZF arbeitet in Diepholz an „smarter Fabrik“

Vor einigen Veränderungen: Der im Diepholzer Werk produzierten Technik der Schaltwegverkürzung sagt ZF-Manager Peter Holdmann das „Ende seiner Lebenszeit“ voraus. Gleichwohl hat der Konzern am Standort viel Neues vor.
+
Vor einigen Veränderungen: Der im Diepholzer Werk produzierten Technik der Schaltwegverkürzung sagt ZF-Manager Peter Holdmann das „Ende seiner Lebenszeit“ voraus. Gleichwohl hat der Konzern am Standort viel Neues vor.

Diepholz/Wagenfeld/Damme – „Rettungsgasse“ – diesen recht drastischen Namen hat der Fahrzeug-Zulieferer ZF seinem Programm verpasst, mit dem er sich aus der Corona-Krise manövrieren will – in Richtung des Technologie-Wandels zur Elektro-Mobilität. Nicht alle Mitarbeiter dürfen diesen Weg mitgehen – und auch nicht alle Werke der Region rund um den Dümmer, wie Peter Holdmann als Leiter der ZF-Division Pkw-Fahrwerktechnik am Donnerstag nach der Bilanz-Pressekonferenz verdeutlichte.

Zu seinem Ressort gehören die ZF-Standorte in Diepholz, Wagenfeld, Dielingen, Lemförde und – für nur noch knapp drei Jahre – Damme. Dort muss ZF bis Ende 2023 die Hallen für den Eigentümer Boge Elastmetall räumen. Zusätzliche Schließungen seien aktuell nicht vorgesehen, betonte Holdmann: „Im Augenblick gibt es keine Pläne, ein weiteres Werk dichtzumachen.“

Andererseits müsse sich einiges ändern, erläuterte der Divisionsleiter. Als Beispiel nannte er das Diepholzer Werk, jahrelang Produzent des Verkaufsschlagers „Shifter“. Diese Technik verkürzt beim Schalten die Wege zwischen den einzelnen Gängen – in Zeiten der stärker gefragten E-Mobilität zunehmend überflüssig. „Der Shifter befindet sich am Ende seiner Lebenszeit“, brachte es Holdmann auf den Punkt. Die Folge: „Für dieses Werk müssen wir ein komplett neues Produkt finden, um dort die Beschäftigung zu sichern.“

Konzernergebnis mit deutlichem Minus

Wenige Stunden vor der Vorstellung der Zahlen seiner Standorte im Dümmerraum hatte ZF das Konzernergebnis für das vergangene Jahr präsentiert.

Der Autozulieferer schrieb demnach einen Nettoverlust von 741 Millionen Euro. Der Umsatz fiel um elf Prozent auf 32,6 Milliarden Euro. Im Vorjahr hatte der Gewinn nach Steuern noch bei 400 Millionen Euro gelegen.

Gründe für die Verluste sind demnach neben den Auswirkungen der Pandemie die Umbrüche in der Automobilbranche und weiter hohe Investitionen. Allein in der ersten Jahreshälfte sank der Umsatz im Vergleich zum Vorjahr um 27 Prozent.

„2020 war ein ambivalentes Jahr. Doch wir haben gemeinsam die Krise gemeistert, den Wandel des Unternehmens weiter vorangebracht und uns substanzielle neue Aufträge in den strategisch wichtigen Feldern der Zukunftstechnologien gesichert“, sagte der Vorsitzende des Vorstands von ZF, Wolf-Henning Scheider, bei der Bilanzvorlage.

Aufgrund der Zuwächse im Bereich E-Mobilität und der guten Auftragslage blicke ZF „zuversichtlich in die Zukunft“, so Scheider. Der Umsatz solle in diesem Jahr voraussichtlich auf 37 Milliarden bis 39 Milliarden Euro steigen. Der Vorstand geht davon aus, im zweiten Halbjahr wieder profitabel zu arbeiten. Die Pandemie bleibe aber ein großer Unsicherheitsfaktor, sagte Scheider. dpa/sr

Andererseits setzt der Global Player mit seinen weltweit 50 Standorten große Hoffnungen in Diepholz. Den Status einer „smarten Fabrik“ sagt Holdmann dem Querlenker-Werk in der Kreisstadt voraus, das konzernweite Pilotprojekt der Digitalisierung in Zusammenarbeit mit Microsoft sei dort bereits angelaufen. Im Mittelpunkt stehe die noch engere Vernetzung von ZF mit seinen Kunden und Lieferanten; die Daten der Maschinen seien jederzeit auslesbar. Bei kritischen Ölständen oder Unregelmäßigkeiten in der Stromzufuhr gebe es künftig Alarm noch vor einem Ausfall, was die Effizienz der Produktion über einen Zeitraum von mehreren Jahren um bis zu 20 Prozent steigern solle.

Ob dieser Form von „Industrie 4.0“ auch Arbeitsplätze zum Opfer fallen, ließ Holdmann noch unerwähnt. Gleichwohl erklärte er bereits jetzt, dass von den zurzeit 3 350 Beschäftigten rund um den Dümmer schon mehr als 300 das Angebot der Altersteilzeit angenommen hätten – „zu besseren Konditionen als üblich“. Als Vorteil für Konzern und Belegschaft nannte er die Tatsache, dass das ohnehin vor der Schließung stehende Dammer Werk „den höchsten Altersschnitt“ aufweise und „wir dort kaum Geld verdienen“.

Einen Stellenabbau rund um den Dümmer kündigte Peter Holdmann, Leiter der ZF-Division Pkw-Fahrwerktechnik, am Donnerstag an.

Fast ein Bild von „blühenden Landschaften“ zeichnete der Divisionsleiter hingegen für den Standort in Dielingen – nicht nur wegen der dort produzierten „Trend-Technologie“ der Hinterradlenkungen (frisch verbaut in der neuen Mercedes-S-Klasse). Zudem sprach Holdmann von einer „Kompetenz-Erweiterung in den Bereichen Software und Entwicklung“ für Dielingen. Die Tatsache, dass ZF voriges Jahr den Nutzfahrzeug-Zulieferer Wabco mit dessen deutschem Sitz in Hannover gekauft habe, verleitete Holdmann zur Vision eines „Silicon Valley für ZF“ zwischen Dielingen und der Landeshauptstadt.

Das Wagenfelder Werk streifte der Manager lediglich mit Blick auf den Verwaltungsapparat an dieser Stelle – und in Diepholz: „Wir brauchen eine Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit und streben für diese Standorte eine Veränderung der Overhead-Struktur an.“ Die kurzen Wege zwischen beiden Niederlassungen böten sich für diese Maßnahme an.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Die beliebtesten Kuchenklassiker und Tortenträume

Die beliebtesten Kuchenklassiker und Tortenträume

Bill und Melinda Gates lassen sich scheiden

Bill und Melinda Gates lassen sich scheiden

Vettel ohne Chance bei nächstem Hamilton-Sieg

Vettel ohne Chance bei nächstem Hamilton-Sieg

Linke Demos zum 1. Mai - Krawalle in mehreren Städten

Linke Demos zum 1. Mai - Krawalle in mehreren Städten

Meistgelesene Artikel

Ärger über Testpflicht: Tierpark Ströhen steuert mit Testzentrum gegen

Ärger über Testpflicht: Tierpark Ströhen steuert mit Testzentrum gegen

Ärger über Testpflicht: Tierpark Ströhen steuert mit Testzentrum gegen
Nach Corona-Ausbruch auf Spargelhof bei Diepholz: Neun weitere Infektionen bestätigt

Nach Corona-Ausbruch auf Spargelhof bei Diepholz: Neun weitere Infektionen bestätigt

Nach Corona-Ausbruch auf Spargelhof bei Diepholz: Neun weitere Infektionen bestätigt
Martin Both verlässt hausärztliche Gemeinschaftspraxis in Sulingen

Martin Both verlässt hausärztliche Gemeinschaftspraxis in Sulingen

Martin Both verlässt hausärztliche Gemeinschaftspraxis in Sulingen
Corona-Notbremse im Landkreis Diepholz: Ausgangssperre gilt ab Mittwoch

Corona-Notbremse im Landkreis Diepholz: Ausgangssperre gilt ab Mittwoch

Corona-Notbremse im Landkreis Diepholz: Ausgangssperre gilt ab Mittwoch

Kommentare