20 Jahre Übernachtungsstelle

An der Hinterstraße 10: 150 wohnungslose Gäste im Jahr

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Das Team der Diepholzer Übernachtungsstelle „Rasthaus“ in einem der Zimmer (von links): Werner Radzei, Leiter Rüdiger Fäth, Christina Paul, Uwe Dammeier und Heiko Hecksel. Es fehlen Heinrich Finkenstädt und Reinhard Cheema.

Diepholz - Von Eberhard Jansen. Gerald ist Stammgast. Jeden Monat kommt der 49-Jährige ins „Rasthaus“. Seit mehr als 30 Jahren ist er wohnungslos – wie alle, die im Haus Hinterstraße 10 in Diepholz übernachten.

Seit 20 Jahren gibt es diese Übernachtungsstelle, die anfangs von der Diakonie Freistatt betrieben wurde. Heute ist das Diakonische Werk des Kirchenkreises Grafschaft Diepholz Betreiber. Sozialarbeiter und Leiter Rüdiger Fäth wird unterstützt von zwei 450-Euro-Kräften und vier ehrenamtlichen Helfern. Etwa 150 Wohnungslose begrüßen sie jedes Jahr zur Übernachtung in sauberen und warmen Räumen.

Zwei Übernachtungszimmer mit insgesamt fünf Schlafplätzen hat das „Rasthaus“. Weibliche Gäste übernachten allein in dem Zweibett-Zimmer. Aber Frauen, die als Wohnungslose umherziehen, sind selten: „Vergangenes Jahr waren es bei uns nur drei“, weiß Werner Radzei. Der Diepholzer ist ehrenamtlich im „Rasthaus“-Team engangiert. 

Jeweils einer der Helfer oder angestellten Kräfte ist jeden Tag von 16 bis 21 Uhr im Haus, um Gäste zur Übernachtung zu begrüßen und als Ansprechpartner bereit zu stehen. Manchmal kommt niemand, manchmal ist das Haus überfüllt und die anklopfenden Wohnungslosen müssen nach Freistatt weiter geschickt werden, wenn sie nicht irgendwo „auf Platte“ – also draußen – übernachten wollen.

Im Diepholzer „Rasthaus“ erwartet die Gäste ein frisch bezogenes Bett, ein Aufenthaltsraum mit Küchenzeile, gefülltem Bücherregal und Fernsehgerät. Zudem gibt es eine Dusche und eine Möglichkeit, Wäsche zu waschen.

Die Übernachtung ist kostenlos. Aber die Nutzer müssen nachweisen, dass sie wohnungslos sind. Das geht aus ihrem Personalausweis hervor: Dort steht bei ihnen nur der Ort der ausstellenden Kommune, nicht aber eine Straße als Wohnsitz.

Hunde dürfen die Gäste nicht mitbringen. Und in allen Räumen herrscht striktes Alkoholverbot. „Wer dagegen verstößt, muss raus und bekommt Hausverbot“, erklärt Uwe Dammeier. Er ist neben Christina Paul, die auch Reinigungkraft ist, einer der beiden „geringfügig Beschäftigten“ im „Rasthaus“.

Ab 21 Uhr sind die Übernachtenden allein, was sich nach anfänglichen Bedenken als unproblematisch herausgestellt hat. Morgens um 9.30 Uhr müssen die Gäste das Haus verlassen, dürfen erst um 16 Uhr wiederkommen – für maximal drei Übernachtungen, zweimal im Monat.

„Der Alltag von Wohnungslosen ist nicht so frei wie viele denken“, erklärt Rüdiger Fäth, der als Kirchenkreis-Sozialarbeiter einer der Mitbegründer der Übernachtungsstelle ist und sie heute leitet: „Viele haben genau geplant, wohin sie als nächstes gehen.“ Sie müssen sich an Öffnungszeiten von Behörden und sozialen Einrichtungen halten, sich auch um ihr Geld kümmern.

Die meisten der „Rasthaus“-Gäste sind in ganz Norddeutschland unterwegs, viele kommen irgendwann wieder zur Übernachtung nach Diepholz. Sie schätzen die Sauberkeit, Ordnung und Betreuung „auf Augenhöhe“ im „Rasthaus“, wo sie „als Mensch“ willkommen sind, wie es Werner Radzei ausdrückt.

Eng arbeitet das „Rasthaus“-Team mit der Caritas-Beratungsstelle für Wohnungslose zusammen, die praktischerweise im gegenüberliegenden Haus an der Hinterstraße ist.

Die Idee zur Übernachtungsstelle hatte 1996 der damalige Superintendent Klaus Haarmann. Er fand Unterstützung durch Alfred Loschen von der Diakonie Freistatt sowie Ralf „Charly“ Spahr und Günther Kock von der „Arche“ (Tagestreffpunkt für Wohnungslose) und Rüdiger Fäth. 

Das „Rasthaus“ besteht seit 20 Jahren. In diesem Gebäude an der Hinterstraße 10 ist die Übernachtungsstelle für Wohnungslose seit 1999.

Ende 1996 wurde mit gebrauchten Möbeln im Haus Hinterstraße 10 die Übernachtungsstelle eingerichtet. Doch das Haus war abbruchreif und auf Dauer nicht geeignet. Nachdem der Kirchenkreis die Übernachtungsstelle übernommen hatte, ließ er das Gebäude abreißen und erstellte 1999 das jetzige Fachwerkhaus, in dem auch die Jugendberufshilfe „RazzFazz“ ist.

In den Anfängen waren als Betreuer lange Zeit Menschen tätig, die mit dem Gesetz in Konflikt gekommen waren und die ein Gericht zu Sozialstunden verurteilt hatte. Das jetzige sechsköpfige Kernteam ehrenamtlichen und bezahlten Kräften ist schon seit mehreren Jahren zusammen, würde sich aber über Verstärkung von Menschen freuen, die nach Absprache von 16 bis 21 Uhr Ansprechpartner für Gäste im „Rasthaus“ sind. Wer Interesse hat, kann sich bei Rüdiger Fäth unter Tel. 05441/987910 melden.

Unterstützung erfährt das „Rasthaus“ auch von der „Diepholzer Platte“ der Kirchengemeinde St. Michaelis, die jeden Dienstag ein warmes Essen für die Gäste liefert. Zwei Diepholzerinnen bringen zudem regelmäßig selbst gestrickte Socken und Schals vorbei. Willkommen sind aber auch Geldspenden. So hat der Automobilzulieferer ZF in Diepholz das „Rasthaus“ zu seinem jährlichen großen Spendenprojekt gemacht.

Die Gäste des „Rasthauses“ sind zwischen 18 und über 70 Jahre alt. Wer die 60 erreicht hat, sucht sich in der Regel eine feste Bleibe, ist die Erfahrung des Diepholzer Teams, das sich auch schon wieder auf Stammgast Gerald freut. Er kommt aus Ostdeutschland. Mehr ist im „Rasthaus“ nicht bekannt. Nicht alle Gäste erzählen gern ihre Lebensgeschichte.

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