Psychosozialer Arbeitskreis warnt

Wohnen auf dem Sofa - weil bezahlbarer Wohnraum fehlt

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Wünschen sich eine Beschleunigung des sozialen Wohnungsbaus im Landkreis Diepholz: (v.l.) Christin Haase und Sevilay Yaksi.

Landkreis Diepholz - Das Sofa eines Kumpels muss fürs erste reichen: Was als Übergangslösung gedacht ist, wird für manche Menschen viel zu oft zur ungeliebten Dauerlösung – weil bezahlbarer Wohnraum fehlt. „Eine Wohnung zu finden, die sowohl durch ihre Größe und durch die Kaltmiete als auch durch die Nebenkosten als angemessen eingestuft wird, ist zum Glücksspiel geworden“, heißt es in einem Brief des Psychosozialen Arbeitskreises Nord, kurz PAN, der sich um Menschen in schwierigen Lebenssituationen kümmert.

Das können Christin Haase und Sevilay Yaksi, die sich beruflich bei der Wohnungssuche für ihre Klienten engagieren, nur bestätigen. „Es gibt viel verdeckte Wohnungslosigkeit“, berichtet Christin Haase (27), die seit fünf Jahren als Sozialarbeiterin in einem Wohnungsnotfall-Hilfeprojekt arbeitet. 71 Klienten hat sie im vergangenen Jahr betreut. Bei weitem nicht allen konnte sie helfen: „Manche suchen noch immer eine Wohnung.“ Andere würden sich einfach nicht mehr melden. Oft gehe es darum, eine Kündigung abzuwenden – oder bei Schulden für Strom und Gas eine Lösung zu finden. Auch dann, wenn Vermieter Eigenbedarf geltend machen – oder es andere Probleme gibt.

„Manche Menschen können einfach nichts dafür“, betont Christin Haase – und berichtet über den Fall eines Mannes im Landkreis Diepholz, der seit 25 Jahren in seiner Wohnung lebt, sich dort wohlfühlt, seine Miete zahlt und trotzdem in Schwierigkeiten geraten ist. „Dem Vermieter bezahlt er eine Pauschalmiete“, erklärt die Sozialarbeiterin. Will heißen: mit Abschlägen für Strom und Gas. „Doch weil der Vermieter das Geld dafür nicht weitergeleitet hat, sind dem Mann Strom und Gas abgestellt worden.“

Eine Kündigung der Wohnung kann für manche Menschen eine Katastrophe sein.

Einen neuen Vertrag habe der Mann mit den Versorgungsunternehmen nicht abschließen können: „Es gibt für die Wohnung ja schon bestehende Verträge.“ Mittlerweile habe wenigstens das Stromversorgungsunternehmen aus Kulanzgründen einen neuen Zähler eingebaut, der Strom fließe jetzt wieder. Jetzt kümmere sich ein Anwalt um den Fall. Eine neue Wohnung zu finden, sei so gut wie aussichtslos.

Christin Haase erzählt von einem Mann, der drei Monate lang nicht ein einziges Wohnungsangebot in seinem Ort entdecken konnte – mit Ausnahme jenes einer Wohnungsbaugesellschaft, deren Kriterien der Suchende aber nicht erfüllen konnte.

Bei betreuten Mietern sind viele Vermieter skeptisch

Sevilay Yaksi (37), die als Heilerziehungspflegerin seit zehn Jahren die ambulante Wohnbetreuung für die Stiftung Waldheim leitet, kann diesen Mangel nur bestätigen. Sie berichtet von einer 20-Jährigen, die auf dem zweiten Arbeitsmarkt beschäftigt ist („das schreckt viele Vermieter schon ab“) und zwei Jahre lang nach einer Wohnung gesucht habe. Denn Vermieter seien besonders skeptisch, wenn die Wohnungssuchenden eine Betreuung hätten.

„Das ist eine Hürde!“, weiß Sevilay Yaksi – und gibt zu bedenken: „Aber diese Menschen können mit einer Betreuung besser leben.“ Denn sie helfe ihnen, ihren Alltag besser zu bewältigen. Wie im Fall des Mannes, dessen Katze plötzlich und unerwartet Junge bekommen hatte. Durch die Betreuung sei der tierische Nachwuchs entdeckt und in gute Hände vermittelt worden.

Es sind Menschen mit starkem Hilfebedarf – mit geistiger Behinderung, in einer psychischen Krise oder mit Lernbehinderungen – die in der Stiftung Waldheim Unterstützung und Begleitung finden.

Vorgaben im Jobcenter werden restriktiv angewendet

Wo hatte die 20-Jährige gelebt, bevor sie endlich ein Zuhause fand? „In einer Wohnung mit Schimmelbefall“, so Sevilay Yaksi. „Es ist gutachterlich bestätigt, dass die Frau dafür nichts konnte.“

Unabhängig davon hat Christin Haase den Eindruck gewonnen, dass Vorgaben im Jobcenter restriktiv angewendet würden: Ein Klient habe eine passende Wohnung nicht bekommen, weil die Heizkosten um monatlich 3,50 Euro zu hoch gewesen seien. Gemeinsam mit Sevilay Yaksi wünscht sich Christin Haase, dass solche Vorschriften flexibler gestaltet und angewandt werden – dass der Mensch im Mittelpunkt steht und nicht die Vorgabe.

„Wir wissen, dass man damit sehr vorsichtig umgehen muss“, sagt Sevilay Yaksi. „Wenn die Vorgaben erleichtert werden, gehen viele Vermieter mit der Miete hoch. Das ist ein sehr sensibler Bereich.“

Vor allem aber müsse dringend passender Wohnraum geschaffen werden – und zwar in Bereichen, in denen es Bus und Bahn gibt. Christin Haase und Sevilay Yaksi wissen: „Bei der Wohnungssuche hat schon der Normalbürger kaum noch eine Chance.“ Familien mit Kindern und Menschen mit Haustieren ohnehin nicht, fügen sie hinzu. Sie wünschen sich, dass der soziale Wohnungsbau im Landkreis Diepholz beschleunigt wird. In diesem Sinne habe sich der psychosoziale Arbeitskreis Nord mit seinem Brief an Landrat Cord Bockhop und die Kreistagsfraktionsvorsitzenden gewandt.

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