„Wir sind eine Bürgerpolizei“

Der neue Leiter der Polizeiinspektion Diepholz über Leitsätze und Herausforderungen

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Thomas Kues (51) ist der neue Leiter der Polizeiinspektion Diepholz, die rund 380 Mitarbeiter hat. Er ist der Nachfolger von Bernd Kittelmann.

Diepholz - Einbrüche, schwere Unfälle, Straftaten und tragische Unglücksfälle – die Schattenseiten des Lebens prägen den Alltag der Polizei, die für Sicherheit und Ordnung sorgt. Rund 380 Mitarbeiter sind bei der Polizeiinspektion Diepholz Tag für Tag im Einsatz – mit einem neuen Chef an der Spitze: Polizeidirektor Thomas Kues hat die Leitung von Bernd Kittelmann übernommen. Im Interview bezieht der neue 51-jährige Inspektionsleiter Stellung zu Herausforderungen und neuen Aufgaben. Die Fragen stellte Anke Seidel.

Herr Kues, seit 42 Tagen sind Sie Leiter der Polizeiinspektion Diepholz. Was war das erste Thema, mit dem Sie sich als neuer Chef befassen mussten?

Thomas Kues: Das war ein Aufeinandertreffen von Jugendgruppen, die sich gewalttätig auseinandergesetzt haben und wo noch entsprechende Ermittlungen laufen. Dieser Fall hat zu einem runden Tisch mit Vertretern verschiedener Behörden und Institutionen geführt. Das macht deutlich, dass es nicht allein Aufgabe der Polizei ist, sich um diese Menschen zu kümmern und Lösungen zu finden. Man muss Konflikten auf den Grund gehen. 

Das zweite war das aggressive Verhalten einer Großfamilie in Diepholz, das zu einem großen Polizeieinsatz geführt hat. Auch hier gilt das gleiche Prinzip: Da hat ein runder Tisch stattgefunden mit Vertretern der Polizei, des Landkreises, der Stadt und weiterer Behörden. Mir ist es einfach wichtig, dass wir konsequent auftreten, um die ersten Ansätze von Gewalt im Keim zu ersticken – und dabei mit anderen Behörden zusammenarbeiten.

Gibt es ein Motto oder einen Leitspruch für Ihre neue Aufgabe?

Kues: Meine Grundüberzeugung ist: Wir sind eine Bürgerpolizei! Das bedeutet, dass ich von meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern erwarte, dass sie jedem mit Respekt begegnen. Andererseits erwarte ich genauso, dass meinen Kolleginnen und Kollegen Respekt entgegengebracht wird. 

Unabhängig davon ist es erforderlich, dass wir unsere notwendigen Maßnahmen konsequent umsetzen. Ganz wichtig ist für mich, die richtigen Schwerpunkte unserer Arbeit zu setzen. Die Aufgaben sind sehr vielfältig und wir können nicht alles gleichzeitig mit der gleichen Intensität machen.

Sie waren bereits Chef des Polizeikommissariats Weyhe und Leiter des Zentralen Kriminalermittlungsdienstes, kennen den Landkreis Diepholz also sehr gut. Wo liegen die besonderen Herausforderungen für die Polizei in diesem Lebensraum, was ist typisch für ihn?

Kues: Wir haben zum einen den kriminalgeografischen Raum Bremen und umzu, zu dem auch Weyhe, Stuhr und Syke gehören. Dieser Raum ist geprägt von einer hohen Bevölkerungsdichte, was zu entsprechenden Einsätzen führt. 

Straftäter, die aus dem Raum Bremen herauskommen, finden im Nordkreis ein Wohnumfeld vor, in dem sie gute Gelegenheiten wittern. Deshalb ist der Norden stärker von Einbrüchen betroffen als der Süden. Trotzdem ist die Zahl der Einbrüche deutlich zurückgegangen. Sie ist von 422 Taten im Jahr 2016 auf 358 im Jahr 2017 gesunken – und damit um etwa 15 Prozent. 

Die Verkehrsdichte im Norden ist viel höher. Deshalb ist die Zahl der schweren Unfälle geringer als im Süden des Landkreises, wo sich bei geringerer Verkehrsdichte und auf einem gut ausgebauten Bundesstraßennetz entsprechend häufiger schwere Verkehrsunfälle ereignen.

Dass die Tatortgruppe nach Gewaltverbrechen, Bränden oder Einbrüchen in unserem Flächenlandkreis von Diepholz aus starten und weite Wege auf sich nehmen muss, erscheint vielen Bürgern nicht effektiv. Ist das zeitgemäß – oder gibt es bessere Möglichkeiten?

Kues: Die Einrichtung der Tatortgruppe vor etwa einem Jahrzehnt hat sich aus meiner Sicht sehr bewährt. Wir haben sehr gut ausgebildete, qualifizierte Kolleginnen und Kollegen, die in der Tatort-Aufnahme besonders geschult sind. Dadurch wird ein hoher Standard in der Arbeitsqualität erreicht. 

Der Standort der Tatortgruppe bringt logischerweise geografische Nachteile mit sich. Die organisatorische und räumliche Anbindung an den Hauptsitz der Polizei ist aber zwingend – und Standort der Polizeiinspektion ist nun einmal Diepholz.

Drei von vier Bürgern wünschen sich einer Umfrage zufolge mehr Polizeipräsenz auf der Straße. Die Landesregierung hat mehr Beamte versprochen. Ist die Verstärkung in der Polizeiinspektion Diepholz schon angekommen?

Kues: Natürlich wünsche ich mir auch mehr Verstärkung (lacht). Aber angekommen ist sie noch nicht. Wir erwarten sie im Oktober 2019, weil die zusätzlich eingestellten Anwärter dann ihr duales Studium beendet haben werden.

Kommt durch das neue Polizeigesetz, mit dem die Landesregierung den Schutz vor Terror verbessern will, nicht weitere Arbeit auf die Polizei zu?

Kues: Die Bekämpfung des Extremismus gehört schon seit Jahren zu den Aufgaben der Polizei und insofern ändert sich nichts. Das neue Gesetz wird aber einige Konkretisierungen vornehmen und Begriffe definieren. Wir nehmen diese Aufgabe, die Bekämpfung des Extremismus, sehr ernst. Denn auch im Landkreis Diepholz gibt es Personen und Objekte, die unsere volle Aufmerksamkeit verdienen.

Ganz zu schweigen vom – Pardon – „Terror“ auf den Straßen, sprich gefährlichen Überholmanövern, auch durch Laster. Müsste es da nicht deutlich mehr Kontrollen geben?

Kues: Die Verkehrssicherheitsarbeit ist ein Schwerpunkt unserer Tätigkeit. Wir analysieren Unfälle ganz genau, um Ursachen zu erkennen und entsprechende Maßnahmen zu ergreifen. Dazu gehören natürlich insbesondere Geschwindigkeitsüberwachungen im täglichen Dienst, aber auch in Form von Schwerpunktaktionen.  

Weiteres Augenmerk legen wir auf die Handy-Nutzung im Fahrzeug, weil die Ablenkung durch das Handy sehr schwere Folgen haben kann. Das Thema wird von den Autofahrern zum Teil unterschätzt. Für die Kontrolle von Lkw setzen wir speziell geschulte Beamtinnen und Beamte ein. Diese kommen zum Teil aus den Kommissariaten, zum Teil aber auch aus der Verfügungseinheit der Polizeiinspektion Diepholz.

Wo sehen Sie in der Zukunft die größte Herausforderung für die Polizei?

Kues: Eine große Herausforderung ist die Digitalisierung, die ja in allen Bereichen des Lebens stattfindet. Für uns heißt das, dass wir technisch aufrüsten und unser Personal entsprechend qualifizieren müssen. Die Auswirkungen der Digitalisierung auf unsere Ermittlungsarbeit sind erheblich. 

Außerdem verändert sich das Einsatzgeschehen. Wir müssen uns auf Einsatzzenarien im Terror-Bereich vorbereiten. Es gibt Einsatzkonzepte auf Landesebene, in denen auch wir als Polizeiinspektion Diepholz eine Rolle spielen.

Und was wünschen Sie sich für die Zukunft in Ihrer neuen Aufgabe?

Kues: Dass meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von jedem Einsatz und Tatort gesund wieder zurückkehren! Wenn ich noch einen zweiten Wunsch frei hätte, dann würde ich mir wünschen, dass meine Kolleginnen und Kollegen bis zu ihrer ersten Beförderung nicht so lange warten müssen. Denn heute erfolgt die Beförderung vom Kommissar zum Oberkommissar erst durchschnittlich nach elf Jahren.

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