Wilken Hartje: Stimmung seiner Berufskollegen ist auf dem absoluten Tiefpunkt

„Landwirte sterben leise“

+
Kreislandwirt Wilken Hartje mit dem neuen Strukturheft der Landwirtschaft, das mit Zahlen und Fakten die Entwicklung in den einzelnen Sparten zeigt.

Landkreis Diepholz - Von Anke Seidel. Er ist kein Pessimist. Aber das, was Landwirte zurzeit preislich schultern müssen, beschreibt Kreislandwirt Wilken Hartje mit einem Wort: „Desaströs!“ Gerade Milchviehhalter und Schweinemäster stehen demnach vor einem „langen, tiefen Tal, das durchschritten werden muss“. Welche Fakten dafür verantwortlich sind und welche Folgen die Kellerpreise für den Berufsstand haben, das dokumentiert die Ausgabe 2015 von „Landwirtschaft in der Region Diepholz/Nienburg“, die nun erschienen ist.

Allgemein sei die Stimmung bei seinen Berufskollegen auf dem Tiefpunkt, stellt der Kreislandwirt fest – und verweist auf ein spezielles Kapitel in dem Strukturheft: „Mit klarem Kurs ins Bankgespräch“. Denn Preise weit unter den Erzeugerkosten – wie zum Beispiel bei der Milch – können etliche Betroffene nur mit Krediten auffangen.

„Landwirte sterben leise“, sagt Wilken Hartje. Bei ihnen gebe es keine Insolvenzen. „Sie hören auf, wenn sie keine Perspekive haben.“ 2237 Betriebe wirtschaften noch im Landkreis Diepholz – sage und schreibe 568 weniger als noch vor zehn Jahren (2805). Bereits 18 Prozent (399) haben heute eine Größe von mehr als 100 Hektar. Vor einem Jahrzehnt waren es noch zwölf Prozent (354).

„Betriebe, die gewachsen sind und einen Kredit aufgenommen haben, die haben ein Problem“, sagt der Kreislandwirt. „Denn sie können ihre Produktion ja nicht einfach und schnell umstellen.“ Anders gesagt: Milchviehhalter zum Beispiel können die Milch ihrer Kühe nicht einfach abstellen. 27 Cent erhalten Landwirte für ein Kilogramm des hochwertigen Lebensmittels Milch. Um sie zu produzieren, müssen sie allerdings zwischen 35 und 40 Cent investieren. 87 Milchkühe hat ein Landwirt im Landkreis Diepholz im Schnitt in seinem Stall stehen. Jede Kuh gibt pro Jahr 9464 Kilogramm Milch (Durchschnitt). Wieviel Geld ihre Besitzer beim aktuellen Keller-Milchpreis buchstäblich zubuttern müssen, ist schnell errechnet. Bliebe es das ganze Jahr bei einem Preis von 27 Cent pro Kilogramm, müsste ein Durchschnittsbetrieb mehr als 82000 Euro pro Jahr drauflegen – statt Geld zu verdienen.

372 Milchviehhalter wirtschaften im Kreis Diepholz mit insgesamt 32248 Kühen. Vor zehn Jahren waren es noch 610 Milchkuhhalter mit 40800 Tieren. Im Schnitt hatten die Landwirte damals 66 Kühe im Stall – deutlich weniger als heute. Geringer war damals auch die Milchleistung mit 8215 Kilogramm pro Kuh und Jahr. Will heißen: Heute gibt ein Tier im Schnitt sage und schreibe 1249 Kilogramm Milch mehr als noch vor zehn Jahren.

Einen Euro und 31 Cent – soviel Geld erhalten Schweinemäster für ein Kilogramm (Schlachtgewicht) Fleisch. Und Züchter erzielen für ein Ferkel gerade mal 45 Euro. „Solche Preise hat es schon immer gegeben“, sagt Hartje. „Aber damals waren die Kosten anders. Sie sind gestiegen“, blickt der Kreislandwirt beispielsweise auf die Energie oder auf eine immer weiter ausufernde Bürokratie.

585 Schweinehalter wirtschaften im Landkreis – weniger als die Hälfte als noch vor zehn Jahren: Damals hatten noch 1295 Bauern Schweine in ihren Ställen. 685450 Masttiere waren es damals insgesamt. In einem Stall standen im Schnitt 806 Tiere. Und heute? 367763 Mastschweine weist die aktuelle Statistik aus – mit einem Durchschnittswert von 686 Tieren pro Stall.

Extrem geschrumpft ist die Zahl der Zuchtsauenhalter, sprich Ferkel-Produzenten – in nur einem Jahrzehnt von 614 auf 154, sprich auf ein Viertel.

Sie wirtschaften offensichtlich in größeren Ställen, denn die Zahl der Zuchtsauen sank in diesem Zeitraum weniger stark, sprich von 48900 auf 23888, also um annähernd die Hälfte.

Trotz allem blickt der Kreislandwirt hoffnungsvoll in die Zukunft: „Landwirt – das ist immer noch ein toller Beruf!“ Das selbstständige Arbeiten in der Natur und mit Tieren sei eine spannende Aufgabe: „Kein Jahr ist wie ein anderes.“ Ein großer Vorteil sei auch, Beruf und Familienleben wunderbar miteinander vereinbaren zu können. „Wir haben noch relativ viel Nachwuchs“, blickt Wilken Hartje auf die aktuellen Ausbildungszahlen. Zurzeit erlernen 86 junge Menschen den Landwirtsberuf.Wirtschaft

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema:

20. Etappe: Froome hat vierten Toursieg so gut wie sicher

20. Etappe: Froome hat vierten Toursieg so gut wie sicher

Gute Stimmung auf dem Campingplatz beim Deichbrand

Gute Stimmung auf dem Campingplatz beim Deichbrand

Bartels trifft gegen Ex-Club, aber Werder verliert

Bartels trifft gegen Ex-Club, aber Werder verliert

Israel nimmt nach Anschlag Bruder des Attentäters fest

Israel nimmt nach Anschlag Bruder des Attentäters fest

Meistgelesene Artikel

Mächtiger Allrounder im Team - 300.000 Euro schwer

Mächtiger Allrounder im Team - 300.000 Euro schwer

14-Jähriger kracht auf der Flucht vor Polizei in Gaststätte

14-Jähriger kracht auf der Flucht vor Polizei in Gaststätte

„Summer in the City“: Besucher wünschen sich Fortsetzung

„Summer in the City“: Besucher wünschen sich Fortsetzung

Weyhe nimmt‘s locker mit „Singing in the rain“

Weyhe nimmt‘s locker mit „Singing in the rain“

Kommentare