Klärung eines Soldatenschicksals nach 79 Jahren

Wie ein Diepholzer Neuseeländern half

Matthias Zeisler am Fundort des 1942 abgeschossenen Flugzeuges in Vechta während der archäologischen Arbeiten im Jahr 2019.
+
Matthias Zeisler am Fundort des 1942 abgeschossenen Flugzeuges in Vechta während der archäologischen Arbeiten im Jahr 2019.

Diepholz/Vechta – „Nicht mehr vermisst“ heißt die Schlagzeile der neuseeländischen Tageszeitung „The Southland Times“. Auf Seite eins ist – unter dem Bild von Mitgliedern des britischen Königshauses – das Foto eines Diepholzers zu sehen: Matthias Zeisler. Der Hobby-Luftfahrtarchäologe half dabei, das Schicksal eines neuseeländischen Luftwaffenangehörigen aufzuklären.

Sergeant Henry Pullar war Heckschütze eines Bombers des seltenen Typs Short Stirling, der 1942 beim Anflug auf den damaligen Flugplatz Vechta abgeschossen wurde. Das Flugzeug der britischen Luftwaffe hatte eine australisch-neuseeländische Besatzung. Der Neuseeländer Henry Pullar galt 79 Jahre lang als vermisst.

2019 tauchte das Flugzeug bei Erdarbeiten auf dem früheren Vechtaer Flugplatzgelände auf, das heute ein Gewerbegebiet ist. Die Stadt Vechta informierte das Landesdenkmalamt in Hannover. Diese Behörde bat die „Arbeitsgruppe Luftfahrtarchäologie Niedersachsen“, sich der Sache anzunehmen.

Flugzeug und sterbliche Überreste der Besatzung in Vechta geborgen

Matthias Zeisler ist Mitglied dieser Gruppe und hatte es als Diepholzer nicht weit zum Fundort. Er förderte bei den archäologischen Arbeiten mit Beteiligung mehrerer Institutionen – darunter ein Kampfmittelräumdienst mit Bagger – nicht nur gut erhaltene Teile des seltenen Bombers zu Tage, sondern auch menschliche Überreste. Die Knochen des Heckschützen Henry Pullar, der im Alter von 25 Jahren gestorben war, waren durch ebenfalls gefundene Uniformteil klar zuzuordnen. Insgesamt hatte die Maschine fünf Besatzungsmitglieder. Die sterblichen Überreste der anderen wurden zunächst in Vechta beerdigt.

Ein Diepholzer auf der Zeitungs-Titelseite in Neuseeland: Mathias Zeisler half bei der Aufklärung eines Soldatenschicksals.

Der Pilot war seinerzeit kurz vor dem Aufprall aus der Maschine geschleudert und schon kurz darauf gefunden worden. Anhand seiner Uniform und von persönlichen Dingen an ihm waren Maschine und Besatzung bekannt. Um deren Schicksal und die Bergung hatte sich aber niemand gekümmert. Die Identität des durch den Abschuss 1942 getöteten Neuseeländers konnte vor Kurzem im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf durch einen DNA-Vergleich mit noch lebenden Verwandten Pullars eindeutig nachgewiesen werden. Der Kontakt nach Neuseeland kam über eine spezielle Seite für Vermisstensuche im Internet zustande.

Die Nachkommen des Luftwaffensoldaten hatten nach der Fund-Nachricht aus Deutschland beim britischen Verteidigungsministerium den DNA-Test beantragt. Nun haben sie Klarheit über das Schicksal. „Wir waren fassungslos und begeistert, als wir die Nachricht bekamen“, wird die Nichte von Henry Pullar, Pam Compton, in der Zeitung „The Southland Times“ zitiert.

Sergeant Henry Pullar war Heckschütze der Short Stirling

Henry Pullar hatte zunächst auf der Farm seiner Familie gearbeitet, bevor er 1941 zur Royal New Zealand Airforce (neuseeländische Luftwaffe) ging. Seine Ausbildung absolvierte er unter anderem in Kanada. Er war später Angehöriger der Royal Airforce in Newmark in der britischen Grafschaft Suffolk stationiert.

Matthias Zeisler: Auch abgestürztes Agentenflugzeug gefunden

Mattias Zeisler freut sich darüber, an der Klärung von Henry Pullars Schicksal mitgeholfen zu haben. Der Diepholzer sucht seit 1999 als Hobby nach historischen Hinterlassenschaften im Erdreich. In den ersten Jahren ging er mit Metalldetektoren über Äcker, fand dort auch im Raum Diepholz unter anderem alte Münzen und Knöpfe von Uniformen der Truppen Napoleons. Dabei arbeitete er immer mit Denkmalbehörden zusammen. In den letzten Jahren hat sich der 53-Jährige, der hauptberuflich Lagerist beim Automobilzulieferer ZF ist, auf Flugzeuge spezialisiert. Das spektakulärste, das der Diepholzer entdeckt hat, war ein Agentenflugzeug. Dieses war im März 1945 kurz vor Kriegsende am Südufer des Dümmers im Bereich des Kreisgrenzen-Dreiecks Diepholz/ Vechta/Osnabrück abgestürzt, nachdem es im Tiefflug Bäume gestreift hatte. Die fünf Insassen starben dabei. Einer war ein deutscher Agent, der vom amerikanischen Geheimdienst ins Ruhrgebiet geflogen werden sollte.

Vermutlich rund um den Dümmer noch 200 abgeschossene Flugzeuge in der Erde

„Im Umkreis von 20 Kilometern rund um den Dümmer sind noch etwa 200 im Zweiten Weltkrieg abgestürzte Flugzeuge in der Erde“, vermutet Matthias Zeisler. Trümmer von etwa 100 Maschinen hat der Diepholzer im Laufe der vergangenen Jahre entdeckt. Die Vielzahl der Flugzeuge erklärt er so: Die Besatzungen der alliierten Einsatzmaschinen orientierten sich am Dümmer, der von den Niederlanden aus sichtbar ist, um dann in Richtung Steinhuder Meer weiterzufliegen. Weil die Deutschen das wussten, warteten Abfangjäger und Flugabwehr am Dümmer und schossen viele der feindlichen Flugzeuge in diesen Bereich ab. Zahlreiche versanken beim Aufprall im weichen Moorboden. ej

Sergeant Henry Pullar.

Die sterblichen Überreste des 1942 in Vechta abgeschossenen neuseeländischen Sergeants Henry Pullar sind noch in Hamburg. Sie sollen in Rheinberg an einer Gedenkstätte ihre letzte Ruhe finden – zusammen mit Gebeinen der anderen Besatzungsmitglieder. Der Jahre zuvor aufgefundene Pilot hat dort ein separates Grab. Die im Jahr 2019 aus mehreren Metern Tiefe geborgenen Flugzeugteile hat die Stadt Vechta zunächst gesichert. Von dem britischen Bomber-Typen Short Stirling gibt es laut Matthias Zeisler kein intaktes Exemplar mehr.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Die beliebtesten Kuchenklassiker und Tortenträume

Die beliebtesten Kuchenklassiker und Tortenträume

Bill und Melinda Gates lassen sich scheiden

Bill und Melinda Gates lassen sich scheiden

Vettel ohne Chance bei nächstem Hamilton-Sieg

Vettel ohne Chance bei nächstem Hamilton-Sieg

Linke Demos zum 1. Mai - Krawalle in mehreren Städten

Linke Demos zum 1. Mai - Krawalle in mehreren Städten

Meistgelesene Artikel

Sicherheitsdienst kontrolliert bei Thiermann jetzt rund um die Uhr

Sicherheitsdienst kontrolliert bei Thiermann jetzt rund um die Uhr

Sicherheitsdienst kontrolliert bei Thiermann jetzt rund um die Uhr
Nach Corona-Ausbruch auf Spargelhof bei Diepholz: Neun weitere Infektionen bestätigt

Nach Corona-Ausbruch auf Spargelhof bei Diepholz: Neun weitere Infektionen bestätigt

Nach Corona-Ausbruch auf Spargelhof bei Diepholz: Neun weitere Infektionen bestätigt
Neues Leben für alte Matratzen: Sulinger Unternehmen entwickelt Recyclingverfahren

Neues Leben für alte Matratzen: Sulinger Unternehmen entwickelt Recyclingverfahren

Neues Leben für alte Matratzen: Sulinger Unternehmen entwickelt Recyclingverfahren
Corona: Zwei neue Schnelltestzentren gehen in Stuhr-Brinkum in Betrieb

Corona: Zwei neue Schnelltestzentren gehen in Stuhr-Brinkum in Betrieb

Corona: Zwei neue Schnelltestzentren gehen in Stuhr-Brinkum in Betrieb

Kommentare