Meldeverzug-Problem behoben

Kreis Diepholz schickt Inzidenzwert nun pünktlich in Richtung RKI

Das Robert Koch-Institut (RKI) hat eine Standard-Antwort, wenn es Nachfragen wegen ungewöhnlicher Inzidenzwerte gibt: „Meldeverzug“. Für den Landkreis Diepholz gibt es nun eine Verbesserung.

Update vom 6. Mai: Es geht doch! Unsere Berichterstattung über die falschen Inzidenzen auf dem Dashboard des Robert Koch-Instituts (RKI) hat Wirkung gezeigt. Seit Dienstag vermeldet das RKI Werte, die mit den Zahlen des Landkreises vereinbar sind – zuletzt lag der Inzidenzwert am Mittwoch bei 137,3.

Das Robert Koch-Institut allerdings hat mit dieser positiven Entwicklung nichts zu tun. Auf der RKI-Seite prangten auch am Mittwoch wieder eine ganze Reihe von zu niedrigen Sechs-statt-sieben-Tage-Inzidenzwerten – etwa für Salzgitter, Emden, Wittmund und Northeim (wobei für Northeim mangels gemeldeter Daten sogar eine „Fünf-Tage-Inzidenz“ errechnet wurde, die für eine wundersame annähernde Halbierung des dortigen Inzidenzwertes sorgte).

Landkreis Diepholz meldet Wert an RKI jetzt tatsächlich um 14 Uhr

Dass der Wert für Diepholz jetzt richtig war, hatte vielmehr damit zu tun, dass der Grund für den berüchtigten „Meldeverzug“ gefunden wurde. Seit Dienstag meldet der Landkreis Diepholz den zu diesem Zeitpunkt aktuellen Wert tatsächlich um 14 Uhr an das Landesgesundheitsamt (NLGA) in Hannover, sodass die Daten rechtzeitig in Berlin beim RKI ankommen.

Wie Sprecherin Mareike Rein einräumte, war dies entgegen ihrer vorherigen Aussage in den vergangenen Wochen und Monaten nicht so gehandhabt worden. Sie erklärte, man habe sich vor Monaten entscheiden sollen, die Tageszahlen entweder um 19 Uhr oder um 6 Uhr morgens des folgenden Tags zu schicken, und sich für die Frühaufsteher-Variante entschieden.

Infektionszahlen fließen nun korrekt in Auswertung des RKI

Die Folgen für den Inzidenzwert waren dem Landkreis offenbar nicht bewusst. In Absprache mit dem NLGA habe man nun das Prozedere verändert und sich für die Meldung um 14 Uhr entschieden, um zu gewährleisten, dass die Werte noch in die aktuelle Auswertung des RKI einfließen.

Über die Problemlösung ist auch Mareike Rein glücklich. Die Diskrepanzen zwischen den Werten hätten zu Verunsicherungen in der Bevölkerung geführt und auch „die Akzeptanz der Regelungen beeinflusst“, zeigt sie sich sicher. „Wir alle wünschen uns niedrigere Zahlen“, betonte Rein, „aber nur, wenn sie auch der Realität entsprechen.“ (fj)

Ursprungsartikel vom 3. Mai: Landkreis Diepholz – Die Diskussionen waren in den vergangenen Wochen allgegenwärtig – in den sozialen Medien, in privaten Gesprächen: Warum sind die Inzidenzwerte des Robert-Koch-Instituts (RKI) für den Landkreis Diepholz so niedrig, obwohl es so viele gemeldete Fälle gibt? Nach einem Hinweis aus unserer Leserschaft und Recherchen der Kreiszeitung gibt es dafür einen ebenso bizarren wie einfachen Grund: Das RKI rechnet nicht richtig.

Deutliche Unterschiede: Die Grafik zeigt die vom RKI angegebenen Inzidenz-Werte im Landkreis Diepholz in den vergangenen Wochen (blaue Linie) und die tatsächlichen/später korrigierten Werte (orangefarbene Linie).

Zum Hintergrund: Die Bundes-Notbremse ist für jeden Landkreis allgemein gültig, sobald die Sieben-Tage-Inzidenz an drei aufeinanderfolgenden Tagen über 100 liegt. Ausschlaggebend dafür sind die Inzidenzen des RKI. Seit Wochen handelt es sich bei diesen Werten für den Landkreis Diepholz aber gar nicht um eine Sieben-Tage-Inzidenz. In Wahrheit ist es nämlich nur eine Sechs-Tage-Inzidenz (siehe Info-Box).

Sechs Werte für sieben Tage

Durch diese Sechs-Tage-Inzidenz, die das RKI als Sieben-Tage-Inzidenz verkauft, ist der Landkreis bislang um die Bundes-Notbremse herum gekommen. Bei korrekter Berechnung einer Sieben-Tage-Inzidenz sähe das Ganze anders aus. Dann hätte die Inzidenz für den Kreis Diepholz seit dem 13. April ununterbrochen über 100 gelegen.

Das bedeutet, dass die Bundes-Notbremse für den Landkreis Diepholz eigentlich schon von Tag Eins an hätte greifen müssen. Doch es kam anders.

Was sagt das RKI dazu? Die Pressestelle verweist gern darauf, dass einige Meldungen verspätet beim RKI eintreffen. Meldeverzug nennt es das. Die eigentliche Frage aber ist in diesem Fall: Wie geht das RKI im Falle eines Meldeverzugs mit den Werten um? Wie versucht das Institut, das Infektionsgeschehen mit seinen Inzidenzwerten möglichst nahe an der Wirklichkeit abzubilden?

Die Antwort ist ernüchternd: Gar nicht. Immer wenn die Neumeldungen eines Landkreises zu spät beim RKI eintreffen, berechnet das Institut die Sieben-Tage-Inzidenz mit den Werten von nur sechs Tagen.

RKI: „Kein Rechenfehler“

Das RKI vertritt die Meinung: „Ein Rechenfehler ist es nach unserer Ansicht nicht. Die vom RKI für die Rechnung verwendeten Zahlen stimmen ja.“ Ja – aber es fließen nur sechs statt sieben in die Berechnung ein.

Das RKI räumt auf Nachfrage am 29. April ein, dass „aus dem Kreis Diepholz gestern Fälle übermittelt wurden, die im Gesundheitsamt vorgestern erfasst worden waren“. Die Neumeldungen aus Diepholz kamen also nicht rechtzeitig beim RKI an.

Die Recherchen und der Vergleich der Sechs-Tage-Inzidenz mit den RKI-Werten belegen, dass die täglichen Neumeldungen aus Diepholz seit Wochen nicht rechtzeitig beim RKI vorliegen. Wenn das der Fall sei, „sollte das vor Ort beziehungsweise auf der Landesebene geklärt werden“, so das RKI weiter.

Kreis: Neumeldungen gehen um 14 Uhr raus

Auf Anfrage versichert der Landkreis, dass dessen Gesundheitsamt die täglichen Neumeldungen immer um 14 Uhr über ein Online-Meldeportal an das Niedersächsische Landesgesundheitsamt (NLGA) übermittele. Von dort gehen sie an das RKI. Holger Scharlach, Pressesprecher des Landesgesundheitsamtes, kann diese Aussage allerdings nicht bestätigen. „Wir können keine genaue Übermittlungsuhrzeit entnehmen, aber anhand der Einleseinformationen aus der Meldedatenbank darauf schließen, dass der Landkreis Diepholz bislang seine Daten im Zeitraum zwischen unserem täglich letzten Einlesezeitpunkt (ca. 17.30 Uhr) und unserem ersten Einlesezeitpunkt (ca. 8  Uhr) am Folgetag übermittelt hat“, erklärte Scharlach.

Wo sich die Meldung auf ihrem digitalen Weg vom Landkreis zum Landesgesundheitsamt stundenlang herumtreibt, ist unklar. Fest steht: Ihr spätes Eintreffen in Hannover ist einer der Gründe dafür, dass das RKI die zu niedrigen Inzidenzwerte errechnet.

Sowohl Landkreis als auch Landes-Gesundheitsamt versichern, dass das Problem nicht bei ihnen liege. Und das RKI verweist bei der Schuldfrage auf die Kreis- und Landesbehörden. Warum also ausgerechnet die Zahlen aus Diepholz dem RKI immer zu spät vorliegen, kann nicht abschließend geklärt werden.

Auch Montagswert wieder zu niedrig

Deutlich wird nur eines: Am Ende der Rechnung haben sich die Bürger des Landkreises Diepholz wochenlang an einem Wert orientieren müssen, der zu niedrig war. Und sie müssen es noch. Denn das RKI vermeldet auch am Montag einen zu niedrigen Wert.

Kommentar zum Thema

Wo liegt der Berechnungsfehler?

Eigentlich ist die Rechnung ganz einfach. Der Landkreis Diepholz hat rund 217 000 Einwohner. Das heißt: Gibt es in einer Woche 217 gemeldete Fälle, ist ein Inzidenz-Wert von exakt 100 erreicht. Pro Tag dürften also rechnerisch 31 neue Fälle gemeldet werden. 7 x 31 = 217.

Die RKI-Zahlen für den Landkreis Diepholz funktionieren allerdings seit Wochen anders. Dort wird die aktuellste vom Landkreis gemeldete Zahl gar nicht erfasst, sondern nur die sechs vorherigen.

In unserem Beispiel käme der Landkreis demnach nur auf 6 x 31 = 186 Fälle. Mit dem Ergebnis, dass in diesem Beispielfall nur ein Wert von 85,5 herauskommen würde.

Ein reales Beispiel der vergangenen Woche: Donnerstag meldete das Gesundheitsamt des Landkreises 54 Neuinfektionen. Addiert man alle Werte vom 23. bis 29. April (17+51+0+44+46+59+54), so kommt man für diesen Zeitraum auf 271 neu gemeldete Fälle. Das ergibt für den 29. April eine Sieben-Tage-Inzidenz von 124,7. Das RKI meldete für den gleichen Tag aber eine Inzidenz von 100. Wir erinnern uns: Ein Inzidenzwert von genau 100 würde 217 gemeldete Fälle bedeuten, und nicht 271.

Wie kommt das Institut nun also darauf? Es setzt statt der neu gemeldeten 54 Fälle eine Null, addiert den Rest und kommt also auf – siehe da! – 217.

Um das Problem zu lösen, gibt es zwei mögliche Wege: Man addiert den eigentlich weggefallenen Wert des achten Tages hinzu - und hat damit einen um einen Tag veralteten, aber präzisen Wert. Oder man addiert den Durchschnittswert der anderen sechs Tageswerte als „virtuellen“ siebten Wert hinzu. Damit kommt man auf eine recht präzise Prognose der zu erwartenden Inzidenz. Beide Werte wären deutlich näher an der Wirklichkeit als der derzeit gemeldete RKI-Wert.

Bereits im Oktober hatte der „Spiegel“ auf diese Schwäche der RKI-Berechnungen hingewiesen. SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach forderte seinerzeit, dass man diesen Mangel unbedingt abstellen müsse.

Geschehen ist seitdem offenbar nichts.

Wie die Meldungen zum RKI kommen

Landkreis Diepholz – Die Inzidenzwerte vom RKI für den Landkreis Diepholz fallen seit Wochen zu niedrig aus. Die Ursache sind unter anderem zu spät beim Institut eingehende Corona-Neumeldungen, die bei der Berechnung der Inzidenz nicht eingerechnet werden. Der genaue Grund für den Verzug lässt sich noch nicht ermitteln, obwohl der Weg einer Corona-Meldung vom Gesundheitsamt über das Niedersächsische Landesgesundheitsamt (NLGA) zum RKI immer gleich aussieht. Wie kommt eine Corona-Meldung also zum Institut?

Stellt ein Labor fest, dass eine Probe einen positiven Befund aufweist, wird das kommunale Gesundheitsamt darüber informiert. Das ist dann die sogenannte „Meldung“. Das Gesundheitsamt muss im Anschluss weitere Daten zu dem Fall recherchieren – beispielsweise zum Infektionsumfeld und zur Ermittlung weiterer Kontaktpersonen – und leitet notwendige Maßnahmen wie die Isolation ein. Jeder angelegte Fall wird dann in eine Software eingegeben. Die Meldungen gehen danach mindestens einmal werktäglich auf elektronischem Weg an das Landesgesundheitsamt. Meist zusammengefasst in Datenpakete.

Sobald die Daten dem NLGA vorliegen, erfolgt dort eine Qualitätskontrolle. „Wir überprüfen, ob alle Meldungen plausibel sind oder, ob sich Angaben widersprechen“, erklärt NLGA-Sprecher Holger Scharlach. Manchmal kann es zu Unstimmigkeiten kommen. „Dann halten wir Rücksprache mit den Gesundheitsämtern“, so Scharlach weiter. So lange nicht alles geklärt ist, werden keine Daten an das RKI weitergegeben. Scharlach: „Das sind nur wenige Einzelfälle.“

Wenn alles in Ordnung ist, leitet das NLGA die Daten ohne große Verzögerung an das Robert-Koch-Institut weiter. Die letzte Übermittlung erfolgt täglich am späten Nachmittag bis etwa 17.30 Uhr. Für alle Meldungen, die bis 16 Uhr beim NLGA eingehen, versichert Holger Scharlach, dass sie „sicher am nächsten Tag in die Zählung des RKI eingehen“. Alles, was danach kommt, landet möglicherweise mit einem Tag Verspätung beim RKI.

Rubriklistenbild: © Marc Lentvogt

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