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Heimatverein Diepholz diskutiert über Bedeutung des Ehrenamtes

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Von: Sven Reckmann

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Bürgermeister Florian Marré (r.) begrüßte die Diskussionsrunde.
Bürgermeister Florian Marré (r.) begrüßte die Diskussionsrunde. © Reckmann

Diepholz – „Stell Dir vor, es brennt und keiner kommt.“ Mit Sätzen wie diesen machten die Feuerwehren vor einiger Zeit bei einer Kampagne darauf aufmerksam, dass es ohne die vielen Freiwilligen in unserer Gesellschaft im wahrsten Sinne des Wortes brandgefährlich wird.

Der Hintergrund: Ehrenamtliches Engagement scheint nicht mehr den Stellenwert zu haben wie vielleicht vor zwei, drei Jahrzehnten einmal. Viele Vereine und Organisationen leiden unter Mitgliederschwund. Die Auflösung des mitgliederstarken Hausfrauenbundes mangels Vorstandsmitgliedern ist vielen in Diepholz noch in Erinnerung; gleichzeitig rangen auch die Sportgemeinschaft Diepholz und die Fördergemeinschaft Lebendiges Diepholz um ihr Fortbestehen, weil sich keine Vorstände finden ließen.

Warum ist das so und wie kann man gegensteuern? Das versuchte eine Podiumsdiskussion zu ergründen, zu der der Heimatverein Diepholz ins Rathaus eingeladen hatte.

„Der Heimatverein Diepholz ist 40 Jahre alt, was können wir tun, damit es diesen Verein auch in zehn Jahren noch gibt?“ fragte der Vorsitzende Richard W. Bitter in die Runde.

Unter der Überschrift „Welche Bedeutung hat das Ehrenamt für unsere Gesellschaft?“ diskutierten Bürgermeister Florian Marré, Landtagsabgeordneter Marcel Scharrelmann, Superintendent Marten Lensch, GFS-Schulleiter Lars Buse, Kreisheimatbund-Vorsitzender Claus-Dieter Lösche sowie Paula Tabke und Johannes Luber aus der Schülervertretung der GFS über das Thema. Etwa 40 Zuhörer hatten mit reichlich Abstand im Ratssaal Platz genommen, die meisten kannten sich im Thema gut aus: „Wir haben hier hunderte Jahre Vereinserfahrung im Publikum sitzen“, hatte Heimatvereins-Vorsitzender Richard W. Bitter erkannt. Claus-Dieter Lösche regte an, die Vereine mögen viel stärker Netzwerke bilden, von Erfahrungen gegenseitig profitieren, sozialen Raum besetzen, Präsenz zeigen. Daneben wurden weitere Aspekte diskutiert:

Wertschätzung

Der Begriff „Wertschätzung“ zog sich wie ein roter Faden durch den Abend. „Die Wertschätzung ist uns abhandengekommen“, hatte Florian Marré beobachtet. „Ehrenamt ist ein Geben und Nehmen. Wir müssen den Menschen zeigen, dass sie dabei etwas wiederbekommen“, berichtete Lars Buse aus langjähriger Tätigkeit in einem Sportverein.

„Aber Wertschätzung sollte nicht nur beim Neujahrsempfang geschehen“, fügte Johannes Luber hinzu.

Nachwuchs ohne Lust?

„Wir sind bereit, etwas zu tun“, sagte Paula Tabke, die zusammen mit Johannes Luber regelmäßig an der Spitze der „Fridays-for-Future“-Demonstrationen steht. „Aber wir wollen auch an die Hand genommen werden.“

Regularien

Machen immer neue Regularien das Ehrenamt unattraktiv? „Als ich im Vorstand anfing, mussten wir alle drei Jahre einen A4-Fragebogen ausfüllen, heute braucht unser kleiner Verein einen Steuerberater“, berichtete ein Vorstandsmitglied eines hiesigen Sportvereins.

Im Niedersächsischen Landtag hat sich in diesen Tagen die Enquete-Kommission „Ehrenamt“ konstituiert. Marcel Scharrelmann ist Mitglied dieser Runde und will sich mit solchen Themen auseinandersetzen, wie er sagte.

Zu wenig Zeit

Wer hat heute eigentlich noch Zeit für ehrenamtliche Arbeit? Auf die Frage, ob Schülerinnen und Schüler für ehrenamtliche Arbeit auf Anfrage freibekommen, antwortete Lars Buse eindeutig: „Ja.“ Wenn es mit der Situation zu vereinbaren ist.

Doch es geht auch anders: Eine Zuhörerin im Publikum berichtete, dass sie gern ahrenamtlich tätig wäre, aber das mit ihrem Arbeitgeber „absolut nicht zu machen“ sei. „Ja älter ich werde, desto weniger Zeit habe ich für ein Ehrenamt“, stellte die 17-jährige Paula Tabke fest. Ausbildung, Studium, Familie – mit den Jahren steht das Ehrenamt mitunter verloren da.

Verantwortung

Die Jugendfeuerwehr macht gute Erfahrungen damit, Jugendlichen früh Stück für Stück Führungsverantwortung zu übertragen; für Buse der richtige Weg: „Wir sollten ihnen zutrauen, Veranstaltungen zu organisieren, eigene Teams zu führen. Ähnlich sieht es in der Kirche aus, wo ehrenamtliche Lektoren eigenverantwortlich Gottesdienste leiten, berichtete Marten Lensch.

Die Zuhörer der Podiumsdiskussion im Rathaus.
Die Zuhörer der Podiumsdiskussion im Rathaus. © Reckmann

Internet

Aus dem Publikum kam der Ratschlag an die Vereine und Organisationen, doch mal nachzusehen, wo und vor allem wie sie sich im Internet präsentieren und wie sie ansprechbar sind, hier gebe es oftmals Luft nach oben.

Moderatorin Julia Wilcken (im Hauptberuf ständige Vertreterin des Schuleiters an der GFS), verstand es souverän, die thematischen Bälle zwischen Publikum und Podium hin und her zu spielen. „Ich habe einige Impulse mitgenommen“, resümierte Richard W. Bitter zum Abschluss der etwa zweistündigen Runde im Rathaus.

So mögen die Chancen des Heimatvereins auf einen 50. Geburtstag durchaus wieder gestiegen sein.

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