WOCHE DER DIAKONIE Interview mit Geschäftsführerin Marlis Winkler

„Wer in Not ist, kann nicht warten“

Marlis Winkler.
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Marlis Winkler.

Diepholz – Das Diakonische Werk des Kirchenkreisverbandes Diepholz-Syke-Hoya beteiligt sich an der landesweiten Aktion „Woche der Diakonie“. Geschäftsführerin Marlis Winkler sieht in der Kampagne eine gute Möglichkeit, den Bekanntheitsgrad des umfangreichen Angebots zu erhöhen – auch über den Kreis der eigentlichen Zielgruppen hinaus. Die Fragen an sie stellte Martina Kurth-Schumacher.

Das Thema der Diakoniewoche lautet „Unerhört - Mitreden - Einmischen“. Was bedeutet das?

Wir möchten mit Menschen ins Gespräch kommen, die nicht gehört werden. Viele fühlen sich in unserer Gesellschaft ‚abgehängt‘. Ihnen wollen wir eine Stimme geben, für sie wollen wir uns einmischen – auch auf politischer Ebene. Telefonisch waren wir immer erreichbar, die Corona bedingte Schließung beschränkte sich auf acht Wochen. Wer in Not ist, kann nicht warten. Zur Woche der Diakonie haben wir auf unserer Homepage eine Kommentarfunktion eingestellt. Wir informieren nicht nur, sondern sind auch interessiert an Reaktionen.

Wie viele Mitarbeiter beschäftigen die Dienste des Diakonischen Werks Diepholz-Syke-Hoya?

Wir haben 42 hauptamtliche Mitarbeitende unter Vertrag, ebenso viele Ehrenamtliche unterstützen uns. Unsere sieben Fachbereiche – Schuldner-, Sucht, Schwangeren- und Schwangerschaftskonfliktberatung, Kirchenkreissozialarbeit, Jugendmigrationsdienst, Flüchtlingssozialarbeit, und Jugendberufshilfe – sind mit unterschiedlichen Angeboten an den Standorten Diepholz, Sulingen, Bassum, Syke und Hoya präsent. Wir versuchen, dezentral erreichbar zu sein, damit die Klienten kurze Wege haben.

Wie finanzieren sich die Angebote?

Ein Drittel des Budgets stellt die Kirche zur Verfügung; ohne diese Gelder wäre unsere diakonische Arbeit nicht denkbar. In fast alle Angebote fließen öffentliche Mittel. Die Zahl der Förderer ist zweistellig. Wir erhalten Unterstützung von den Kommunen und vom Landkreis, manche Leistungen rechnen wir mit Krankenkassen oder Rentenversicherungsträger ab, Projektmittel fließen außerdem von der Fernsehlotterie und anderen. Durch die Corona-Pandemie ist die finanzielle Situation angespannt. Überall wird gespart – wir müssen sehen, wie sich das entwickelt.

Müssen potentielle Klienten Mitglieder der evangelischen Kirche sein, um die Dienste in Anspruch nehmen zu können?

Diese Frage beschäftig viele, die vor unserer Tür stehen. Klare Antwort: Wir sind offen für alle Menschen in Not – unabhängig von ihrer Konfession, kostenlos und natürlich vertraulich.

Wie hat sich der Hilfe- und Unterstützungsbedarf in den letzten Jahren entwickelt?

Unsere Beratungsstellen gibt es schon sehr lange. Ich habe den Eindruck, dass die Nachfrage jedes Jahr ein wenig steigt. Die Themen verändern sich, unser Angebot wird jeweils zugeschnitten auf aktuelle Notwendigkeiten. Dass wir vor fünf Jahren die Flüchtlingssozialarbeit ausgebaut haben, war dem Bedarf geschuldet.

Gibt es genügend Fachpersonal?

Auch bei uns ist der Fachkräftemangel angekommen: Wir haben zunehmend Probleme, freie Stellen qualifiziert zu besetzen. In unseren Einrichtungen bilden wir selbst aus, um diese Situation zu entspannen. Und um Mitarbeitern aus der Region interessante Arbeitsplätze vor Ort anbieten zu können.

Welchen Stellenwert haben Schulungen und Weiterbildungsmaßnahmen?

Gut ausgebildete Mitarbeiter sind ein fachlicher Gewinn, daher investieren wir gern in die Weiterbildung. In unseren Fachbereichen ist Spezialwissen gefragt. Unsere Schuldner- und Suchtberater etwa haben eine dreijährige Zusatzausbildung absolviert.

Wie eng ist die Zusammenarbeit zwischen Kirche und Staat

Wir pflegen intensive Kontakte zu den Kirchengemeinden, aber auch zu Ämtern und Behörden; das ist Teil unseres Profils. Zu einigen Themen haben wir Netzwerke und Arbeitskreise eingerichtet, bei denen wir mit Kollegen von der Ausländerbehörde, vom Jobcenter oder der Arbeitsagentur an einem Tisch sitzen. Die Bereitschaft zur Kooperation ist auf allen Seiten gegeben. In vertrauensvoller Zusammenarbeit suchen wir nach der besten Lösung für die Menschen – natürlich unter Wahrung des Datenschutzes.

Ist das Diakonische Werk im Austausch mit anderen diakonischen Trägern?

2019 haben wir die Initiative zur Gründung der ‚Diakonischen Konferenz‘ ergriffen. Das war ein großer Schritt. Schon beim ersten Treffen haben wir erkannt, wie wichtig es ist, dass wir voneinander wissen und wir uns miteinander vernetzen. Wir brauchen uns gegenseitig. In der Woche hatten wir gemeinsame Aktionstage geplant, die aber wegen Corona zurückgestellt wurden.

Ein Blick in die Zukunft?

Die Spaltung der Gesellschaft wird immer mehr erkennbar. In den letzten Monaten hat sich gezeigt, dass sich die Lage derjenigen, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens sind, durch Corona weiter verschärft hat. Das Armutsproblem und der Wohnraummangel werden uns in Zukunft beschäftigen.

Stichwort: „Mitreden!“ So heißt das Jahresthema der Diakonie in Niedersachsen. „Mitreden bedeutet zunächst: Andere reden lassen und zuhören. Mitreden bedeutet aber auch: Partei ergreifen.“ Für das Recht und die Schwachen. Sich nicht heraushalten, nicht im Sowohl-als-auch bleiben. Stellung beziehen. Im Rahmen unserer Serie zur „Woche der Diakonie“ vom 6. bis zum 12. September kommen Mitarbeiter zu Wort, beziehen sie Stellung.

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