Landkreis und Polizei kooperieren

Wenn Reh gegen Auto prallt: Schnelle Hilfe bei Wildunfällen

Blättern im Ordner ist Geschichte: (v.l.) Landrat Cord Bockhop, Polizeidirektor Bernd Kittelmann sowie Josef Blömer und Claudia Enders vom Geoinformationssystem-Büro des Landkreis freuen sich über die neue digitale Karte, die mit wichtigen Informationen hinterlegt ist und im Notfall schnelle Hilfe ermöglicht. - Foto: Seidel

Diepholz - Von Anke Seidel. Es ist der Albtraum eines jeden Autofahrers: Mitten in der Nacht auf einer einsamen Straße urplötzlich ein Knall – und ein tödlich verletztes Reh liegt vor dem stark beschädigten Wagen. Damit bei solchen Wildunfällen möglichst schnell Hilfe vor Ort ist, bündeln der Landkreis und die Polizeiinspektion Diepholz jetzt ihre Kräfte.

Eine digitale Karte, die mit wichtigen Informationen hinterlegt ist, erleichtert den Beamten in den Polizeikommissariaten des Landkreises Diepholz nun die Arbeit. Josef Blömer, Koordinator im Geoinformationssystem-Büro des Landkreises, und seine Kollegin Claudia Enders stellten diese Partnerschaft gestern vor – und hatten einen etwa zehn Zentimeter dicken, prall gefüllten Aktenordner als Relikt der bisherigen Praxis mitgebracht.

Denn in einem solchen Ordner mussten die Polizeibeamten im Kommissariat bisher mühsam blättern, um an Name und Adresse eines bestimmten Jagdpächters zu kommen – derjenige, der im Falle eines Wildunfalls für die Bergung des Tierkadavers oder den erlösenden Schuss auf das verletzte Tier zuständig ist.

Tag für Tag ist genau das bis zu sieben Mal im Landkreis Diepholz notwendig. Denn pro Jahr, so erläutert Polizeidirektor Bernd Kittelmann als Chef der Polizei im Landkreis Diepholz, ereignen sich im Schnitt zwischen 2.000 und 2.500 Wildunfälle. Zum Vergleich: Pro Jahr muss die Polizei im Landkreis Diepholz etwa 4.700 Unfälle mit Sachschäden aufnehmen. „Das ist eine ganze Menge, aber nicht so besorgniserregend“, blickt Kittelmann auf die Wildunfälle, bei denen in der Regel keine Menschen zu Schaden kommen.

Schneller richtigen Jagdpächter finden 

Vor einigen Jahren jedoch war es bei einem Wildunfall zu einem Ausweichmanöver mit Todesfolge gekommen. „Aber das ist die absolute Ausnahme“, erklärt Kittelmann, der selbst Jäger ist. Aus diesem Blickwinkel weiß er, was die Suche nach dem zuständigen Jagdpächter bedeutet. Allein im Bereich der Stadt und des Hegerings Diepholz sind es 112 Personen, unter denen im Fall eines Wildunfalls die richtige herausgefunden werden muss. Ganz zu schweigen von der Recherche, wenn es womöglich einen Wechsel gegeben hatte oder der betreffende Jagdpächter in Hamburg wohnt.

Ein Blick auf alle 15 Städte und Gemeinden des Landkreises erklärt, warum die Vollendung des neuen digitalen Suchsystems fast vier Jahre in Anspruch genommen hat. Basis ist ein Kooperationsvertrag zwischen dem Landkreis und der Polizei – ein buchstäblich wichtiger Pfeiler sind die Stationsnummern an den Leitpfählen. Landesweit waren sie systematisch vergeben worden. Sie sind an kleinen Schildern vor Ort abzulesen und damit eine wichtige Orientierungshilfe für Autofahrer.

Vor allem aber sind sie der Schlüssel zum neuen Suchsystem: Über die Stationsnummer – oder auch einfach nur über den Ortsnamen – kann die Polizei noch während des Notrufs auf der neuen, digitalen Karte den Ort eines Wildunfalls mit einem Klick lokalisieren – und mit einem zweiten die dazugehörigen Daten öffnen. Dazu gehören Name, Adresse und Rufnummer der zuständigen Jagdpächter genauso wie Angaben über Eigen- und Gemeinschaftsjagden, Hegeringe und Forstreviere. „Ein Vorteil sind die Luftbilder mit den Ortsangaben“, weist Josef Blömer auf den naturgetreuen Blick auf die Gegebenheiten vor Ort hin.

Deutlich schneller als bisher können die Polizisten also einen Jagdpächter direkt zum Unfallort schicken. „Sie sind verpflichtet, das Wild ordnungsgemäß zu entsorgen“, beschreibt Bernd Kittelmann ihre Aufgabe vor Ort. Den Hintergrund erläutert der Landrat so: Der Landkreis Diepholz hatte vor einigen Jahren die Jagdsteuer abgeschafft und im Gegenzug die Jagdpächter mit der Aufgabe betraut, sich nach einem Wildunfall um die Kadaver zu kümmern.

„Sie sind zur Nachsuche verpflichtet“, beschreibt Bernd Kittelmann den Fall, wenn ein Wildtier bei einem Unfall verletzt wird und flüchtet. Ihre Aufgabe sei es dann, dass Tier zu erlösen. Diese Regel gilt nach Auskunft des Fachmanns für Haarwild – nicht aber für Federwild, sprich Fasane oder Tauben.

Jäger müssen sich um verletzte Tiere kümmern

Wer kümmert sich um die hoffnungslos verletzten Tiere, wenn ein Jagdpächter nicht zu erreichen ist? „Nachts ist es in der Regel so, dass die Polizei hinfährt und das Tier erlöst“, so Kittelmann. Bei einem Wildschwein sei das mit der Ausrüstung der Polizei aber nicht möglich, ergänzt der Jäger. Er selbst fährt in der Nacht zum Unfallort, wenn er einen Anruf von einem Kollegen erhält.

Landrat Cord Bockhop ist erleichtert, dass es bei Wildunfällen mit dem neuen System jetzt „schnelle, zeitnahe Antworten“ gibt. Laufend lassen sich aktuelle Daten – sprich der Wechsel eines Jagdpächters – einpflegen, ergänzt Josef Blömer.

Bleibt zu hoffen, dass die Zahl der Wildunfälle nicht steigt, sondern möglichst sinkt. Wann sollten Autofahrer ganz besonders vorsichtig sein? „Es ist immer damit zu rechnen“, erinnert Bernd Kittelmann an die Möglichkeit, dass jederzeit ein Wildtier die Straße überqueren kann. Besonders aber im Juli und August, der Brunftzeit der Böcke, sowie im Frühjahr und jetzt im Herbst.

Um Autofahrer zu warnen, hatte die Jägerschaft an vielen Straßen rote Warndreiecke aufgestellt. Den gewünschten Effekt hatten sie am Ende nicht: „Das hat leider nicht dazu geführt, dass die Zahl der Wildunfälle zurückgegangen ist“, stellt Bernd Kittelmann fest – und führt diese Tatsache auf den Gewöhnungseffekt bei den Autofahrern zurück.

Lesen Sie auch:

Vorsicht Wild! Das sollten Autofahrer wissen

Vorsicht in der Dämmerung: Damwild-Brunftzeit beginnt

Bald beginnt der gefährliche Autoherbst

Polizei warnt vor vermehrten Wildunfällen

Mehr zum Thema:

Fünf Tote bei Zug-Inferno in Bulgarien

Fünf Tote bei Zug-Inferno in Bulgarien

Tanks explodiert: Fünf Tote bei Zug-Inferno

Tanks explodiert: Fünf Tote bei Zug-Inferno

Verdener Weihnachtszauber

Verdener Weihnachtszauber

Zehntausende durch Erdbeben in Indonesien obdachlos

Zehntausende durch Erdbeben in Indonesien obdachlos

Meistgelesene Artikel

Festnahme am Diepholzer Bahnhof

Festnahme am Diepholzer Bahnhof

Bundesweites Interesse an Diepholz

Bundesweites Interesse an Diepholz

Grausiger Fund auf der Rinderweide

Grausiger Fund auf der Rinderweide

Kommentare