Nach Zwangsräumung 87,5 Prozent des Hausrats vernichtet

Vorwürfe gegen Gerichtsvollzieher

Kollegen des zwangsgeräumten Mitarbeiters der Firma Malz Polytec, der fast keinen Hausrat mehr besitzt, halfen beim Umzug in eine neue Wohnung.
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Kollegen des zwangsgeräumten Mitarbeiters der Firma Malz Polytec, der fast keinen Hausrat mehr besitzt, halfen beim Umzug in eine neue Wohnung.

Diepholz – Familienfotos, Geburtsurkunden, Möbel, Kleidung: Alles weg. Der junge Mann, seine Lebensgefährtin und die beiden Kinder stehen fast nur noch mit dem da, was sie am Leibe tragen. Doch die Familie ist nicht etwa Opfer eines Feuers geworden, sondern erlebte diesen Horror nach einer Zwangsräumung.

„Das ist ein mittelschwerer Skandal“, findet Dr. Hauke Malz, der sich als Arbeitgeber des betroffenen Diepholzers, der seinen Namen nicht öffentlich genannt haben möchte, persönlich um Klärung des komplizierten Sachverhalts bemüht.

Die Berechtigung der erzwungenen Wohnungsauflösung zweifelt der Chef der Diepholzer Firma „Malz Polytec“ nicht an: „Das ist schon alles in Ordnung, wenn man seine Miete nicht mehr zahlt.“ Allerdings erlebte der Schuldner gleich in der Woche nach der Räumung den Schock: Als er bei der vom Gerichtsvollzieher beauftragten Spedition seine eingelagerten Habseligkeiten abholen wollte, bekam er dort zu hören, dass das Meiste davon bereits entsorgt war.

Unterstützung von Arbeitgeber

Aktuell hat die Familie eine neue Wohnung gefunden. Das löst aber nur ein Problem für den im vergangenen Jahr säumigen Mieter: Zu den bisherigen Außenständen gesellt sich nun die offene Rechnung über 6 000 Euro für die Räumung, wichtige Dokumente wie Personalausweise und die Geburtsurkunden der Kinder müssen neu beantragt werden.

Einen Anwalt hat er nach langem Suchen gefunden. Dabei unterstützte Dr. Hauke Malz seinen Mitarbeiter. Der promovierte Chemiker hakte beim Amtsgericht Diepholz nach, bezog eine Mitarbeiterin aus seinem Büro mit in die Recherche ein – und befragte Kollegen des Betroffenen.

Erste Erkenntnisse: Aus den Rechnungen der Abfallwirtschaftsgesellschaft (AWG) Bassum geht hervor, dass die Spedition 2,98 Tonnen Hausrat und Möbel aus der Wohnung entsorgt hat – darunter offenbar auch einen Großteil der 168 gepackten Kartons. Nach Angaben des Gerichtsvollziehers gegenüber „Malz Polytec“ sei der Inhalt stark verschmutzt und von Unrat befallen gewesen.

Der Chef hegt hingegen so seine Zweifel: „Einer meiner Beschäftigten war bei ihm erst vor Kurzem zu Besuch – und er hat mir versichert, dass sich die Wohnung in einem normalen Zustand befand“, schildert der Diplom-Chemiker. Er sieht daher keinen Grund für diese groß angelegte Entsorgung.

Bestätigt sieht er sich mit dieser Auffassung durch die Aussagen einer weiteren Angestellten, die dem jungen Vater erst kürzlich ein fast neues Kinderbett überlassen habe.

Stellungnahme des Amtsgerichts

Wie sieht das Amtsgericht Diepholz, dessen Mitarbeiter der Gerichtsvollzieher ist, den Fall?

„Der zuständige Gerichtsvollzieher hat sich bei der Räumung strikt an die Vorgaben der Zivilprozessordnung und an die Geschäftsanweisung für Gerichtsvollzieher gehalten“, antwortete Amtsgerichts-Direktorin Beate Pönisch auf eine Anfrage unserer Zeitung. Sie führte weiter aus: „Das Räumungsurteil wurde den Schuldnern bereits im November 2020 zugestellt, die Räumungsmitteilung vier Wochen vor dem Räumungstermin. Es bestand also ausreichend Zeit, die Wohnung freiwillig zu räumen. Am Tag der Räumung wurde den Schuldnern Gelegenheit gegeben, das Notwendige – einschließlich wichtiger Dokumente – zu packen. Vorgefunden wurde die Wohnung sodann stark verunreinigt, unter anderem befanden sich an einigen Wänden Fäkalien.“ Die einzulagernden Gegenstände seien in Kartons verpackt und eingelagert worden. Beate Pönisch: „Einige Gegenstände waren so stark verschmutzt, dass eine Einlagerung nicht zumutbar gewesen ist. Nur dieser Unrat und Müll wurden direkt vernichtet.“

Nach einer Aufstellung des Betroffenen wurden von 168 Kartons lediglich 21 nicht entsorgt, 87,5 Prozent seines Hausrates also vernichtet – darunter auch viele Gegenstände, die man problemlos hätte reinigen können. Der Familienvater fragt sich: „Wenn so viel Hausrat Müll war, warum wurde er dann zunächst in Kartons verpackt, die dann ja auch in Rechnung gestellt worden sind?“

Die Beurteilung des Hausrat-Zustandes habe der Gerichtsvollzieher in Absprache mit der Spedition vorgenommen, so die Amtsgerichts-Direktorin Pönisch.

Dr. Hauke Malz kritisiert: „Der Zustand von Hausrat, Möbel und Kleidung wurde in keiner Form dokumentiert. Es gibt weder eine Liste noch Fotos noch sonst irgendeinen Beleg für die aufgestellten Behauptungen. Ich habe den Eindruck, als wurden hier Fakten geschaffen, die hinterher begründet werden. Zumindest aber wurden die Interessen des Zwangsgeräumten nicht berücksichtigt.“

Der betroffene Diepholzer und seine Familie haben nun eine Betreuung durch Fachkräfte des Landkreises. Auch sein Arbeitgeber Dr. Hauke Malz hilft ihm, dass er nicht noch einmal in solche Schwierigkeiten gerät wie durch die Zwangsräumung und den Verlust von Besitztümern danach. Möglicherweise wollen die Betroffenen den Fall noch juristisch klären lassen.

Von Cord Krüger Und Eberhard Jansen

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