Interview

Landvolk-Vorsitzende zur Ernte in Corona-Zeiten: Vorgaben sind hart, aber alternativlos

Wie überall, herrscht auch in der Landwirtschaft Unsicherheit, berichten die Landvolk-Vorsitzenden Christoph Klomburg (l.) und Theo Runge. Fotos: Landvolk
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Wie überall, herrscht auch in der Landwirtschaft Unsicherheit, berichtet der Landvolk-Vorsitzende Theo Runge.

Landkreis Diepholz - Während mancherorts gezittert wird, ob in diesem Jahr ausreichend oft Spargel den Esstisch ziert, geht es bei den Landwirten der Region in diesem Moment um viel mehr: das Aufrechterhalten des Betriebs. Fragen zur Erntesaison beantworten Christoph Klomburg, Vorsitzender Landvolk Mittelweser, und Theo Runge, Vorsitzender Landvolk Diepholz.

Wie ist die Stimmung unter den Landwirten in Ihrem Kreisverband derzeit?

Theo Runge: Wie bei allen Menschen zurzeit, herrscht auch in unserem Berufsstand Unsicherheit, wie es weitergeht aufgrund der Corona-Pandemie. Wirtschaftliche Abschwünge wirken sich auch auf die Landwirtschaft aus. Einige Märkte wie Milch und Kartoffeln sind in Turbulenzen geraten. Zum einen wissen die Landwirte um ihre Verantwortung, gerade in Krisenzeiten die Bevölkerung mit hochwertigen und sicheren heimischen Lebensmitteln zu versorgen. Andererseits können sie nicht verstehen, warum ihnen die Politik mit der Düngeverordnung und die Einzelhändler mit Preiskämpfen Knüppel zwischen die Beine werfen.

Wie viele Erntehelfer fehlen den Landwirten in Ihrem Kreisverband?

Christoph Klomburg: Im Prinzip sind ausreichend Leute da. Auch wenn man schon merkt, dass erfahrene Leute fehlen, auch in der Verarbeitung auf den Betrieben. Es werden aber etwa 30 Prozent der Fläche weniger beerntet, daher reichen die Kapazitäten aus. Das Angebot passt zum Markt, wo ja die Gastronomie fehlt. Erntehelfer fehlen sicher noch bei Erdbeeren und Gemüse und bei den späteren Kulturen. Man hofft auf Lockerungen bis dahin. Es sind auch hier einige Flächen nicht bepflanzt worden. Gut wäre es, wenn sich dies in höheren Preisen niederschlagen würde, da die Lohnkosten enorm gestiegen sind durch die Hygiene-Auflagen. Es müssen noch einige Helfer zur Erdbeerernte kommen.

Nutzen Arbeitnehmer in Kurzarbeit das Angebot, sich als Erntehelfer Geld dazuzuverdienen?

Klomburg: Ja, zum Teil. In einigen Fällen helfen Mitarbeiter aus der Gastronomie – vielfach sind Schüler und Studenten im Einsatz. Runge: Es wird genutzt, aber im überschaubaren Rahmen. Es gibt zwei Probleme dabei. Zum einen dürfen Kurzarbeiter ohne Abzüge nur bis zu ihrem eigentlichen Nettolohn verdienen. Dabei bleibt meist nur ein 450-Euro-Job, was zu hoher Fluktuation führt. Alles darüber hinaus ist für die Leute aufgrund der Abzüge wieder uninteressant. Zum anderen sind bei Weitem nicht alle bereit, die schweren Arbeiten zum Beispiel Spargelstechen zu machen. Sie können dann zwar im Verkauf, bei der Verarbeitung und bei vorbereitenden Arbeiten eingesetzt werden, aber der Spargel kommt so noch nicht vom Feld.

Christoph Klomburg

Die IG Bau fordert für Saisonarbeiter und Stammbelegschaften eine Erschwerniszulage, da beide Gruppen sich mit dem Gang nach draußen einem Risiko aussetzen. Wie stehen Sie dazu?

Klomburg: Draußen auf dem Feld besteht aus unserer Sicht das geringste Risiko – ausreichend Abstand und frische Luft sind gewährleistet. Eine Erschwerniszulage scheint aus unserer Sicht nicht notwendig.

Runge: Gerade in der jetzigen Situation, in der die Betriebe nicht wissen, wie groß der wirtschaftliche Schaden am Ende sein wird, zum Beispiel durch den Wegbruch der Abnahme aus der Gastronomie, wäre eine verpflichtende Zulage ein fatales Signal. Ich begrüße eher, dass die Bundesregierung die Sonderzahlungen von bis zu 1.500 Euro für Arbeitnehmer steuerfrei gestellt hat. Wenn ein Betrieb sich das leisten kann, kann er so seinen Mitarbeitern und den Helfern einen Bonus auszahlen.

Wie lange dauert es in etwa, neue Erntehelfer einzuweisen?

Klomburg: Für engagierte Arbeitskräfte wenige Stunden oder Tage.

Runge: Das ist wie bei jedem Job. Einigen muss man es nur einmal zeigen, andere kapieren es nie. Spargel stechen und Beeren pflücken hört sich leicht an, aber man muss vieles beachten. Daher gilt schon bei Leuten, die nur kurz da sind: Mit der nötigen Einweisung verringert sich die effektive Arbeitszeit. Es können also nicht jeden Tag Neue aufs Feld geschickt werden.

Hat die Corona-Pandemie zu Veränderungen bei der Ernte geführt?

Runge: Die Vorgaben der Bundesregierung für die Einreise osteuropäischer Erntehelfer sind zu Recht streng. Die Abstandsregelungen führen dazu, dass die Gruppen auf dem Feld kleiner sind als normal. Die Kontrollen dieser Erntegruppen, die weiter gestreut eingesetzt werden, binden zusätzliche Arbeitskraft. Die Ernte in Kleingruppen kosten auch sehr viel mehr Geld, Kraft und Zeit. Es dürfen nicht mehr als 15 Arbeiter in einem 46er-Bus mitgenommen werden. Das gilt bei der Anreise vom Flughafen und dann auch vom Hof zum Feld. Bei der Zimmerbelegung darf nur noch die Hälfte besetzt werden und es müssen in jedem Zimmer Desinfektionsmittelspender da sein. Die Vorgaben sind hart, aber sicherlich alternativlos.

Blicken wir auf die kommenden Monate. Zahlreiche Felder wirken mangels Feuchtigkeit, als würde der Boden spröde werden und aufplatzen. Lässt sich daraus bereits auf Probleme für die Sommer- und Herbsternte schließen?

Klomburg: Der letzte Regen hat erst mal geholfen und wenn die Sommerfrüchte jetzt regelmäßig ausreichend Regen bis zur Ernte bekommen, sehe ich es positiv. Bei den Winterungen sehe ich bei Raps die Trockenschäden noch als vertretbar an, bei Wintergetreide wird standortbedingt reduziert worden sein.

Runge: Die Situation ist auf jeden Fall angespannt. Ob es Ertragsminderungen bei Mais, Kartoffeln oder Rüben gibt, lässt sich momentan nicht sagen, da in den nächsten Wochen und Monaten noch viel passieren kann. Es zeichnet sich aber ab, dass eine Beregnungsmöglichkeit für die Landwirte immer wichtiger wird und bei einigen Betrieben mittlerweile schon existenzielle Bedeutung hat.

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