Vater und Sohn spielen Vater und Sohn: Rufus und Jonathan Beck in „Zorn“

Auf dem Schlachtfeld der schmerzhaften Erkenntnisse

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Rufus Beck (links) spielt mit seinem Sohn Jonathan Beck in „Zorn“ das Vater-Sohn-Gespann. Jonathan spielt den Jugendlichen, der die islamfeindliche Parole an eine Moschee sprayt. Es geht in dem Stück neben vielen anderen menschlichen Themen darum, dass ein Kind aus dem Ruder läuft. Und die Eltern fragen sich: Warum?

Von Simone Brauns-Bömermann. Es ist eine gewaltige Entwicklung: Von der heilen, gut situierten, der Karriere geschuldeten Kleinfamilie mit intellektuellen erfolgreichen Eltern bis hin zu dem Punkt, an dem solche Aussagen möglich sind: „Wir sind Deine Strafe und Du bist unsere.“ Diese Entwicklung und dazu den Exkurs in die allzu aktuellen Themen Rassismus, Werte- und Familienvorstellungen, Lebensfragen und Vergebung bietet das Stück „Zorn“ der australischen Dramatikerin Joanna Murray-Smith.

Am Ende ist es mit vielerlei Bedeutung gefüllt, und man wird unweigerlich an die Dramen von Yasmina Reza erinnert. Die etwa 230 Besucher des Diepholzer Theaters verließen es nachdenklich.

Das spannende wortreiche und mit Pointen gespickte Konversationsstück ist von Harald Clement in knappe Szenen unterteilt. Es spielt vor einem Rundhorizont mit variabler aalglatter weiß-grauer Möblierung mit Möbelklassikern in der Art, wie sie in Häusern zu finden sind, dessen Bewohner es in der Gesellschaft „zu etwas gebracht haben“.

Die Geschichte der Harpers, der hyper-erfolgreichen Neurologin Alice, ihrem Mann und erfolgreichen Romancier Patrick und ihrem voll in den Tiefen der Pubertät steckenden Sohn Joe ist in knapp zwei Stunden erzählt. Mit der Spontan-Idee des Sohnes, die nahe gelegene Moschee aus Frust zu besprühen, entsteht bei den Eltern die Initialzündung, eine Zwischenbilanz im Leben zu ziehen. Was ist schief gelaufen in der eigenen Beziehung, in der liberalen Erziehung des Sohnes im Geist der Toleranz und der Empathie? Diese Art von Eruption kam in ihrer Welt bisher doch nicht vor, oder doch?

Nach und nach entblättern die Schauspieler der Hamburger Kammerspiele auf das Brillanteste das Dilemma des Verdrängens von Fehlern der Vergangenheit und Erinnerungen, die nicht das Gefühl der Harmonie stützen. Der Zorn scheint sich langsam seinen Weg an die Oberfläche zu suchen und findet mit Rebecca, der jungen Journalistin, die Alice eigentlich zu ihrem Wissenschaftspreis interviewt, plötzlich einen Teil in der Geschichte. Rebeccas und Joes Zorn spielen auf der persönlichen Ebene, Alices Zorn fußte in der Studienzeit als Mitglied der terroristischen Vereinigung „The Fury“ („Der Zorn“) ideologisch und persönlich und sie ist mitschuldig am Tod von Rebeccas Vater als Polizist.

Eigentlich war Zorn immer der Ansporn in Alices beruflicher Karriere, gibt sie zu, manchmal auch ohne Rücksicht. Bevor sie sich allerdings in letzter Konsequenz zu ihrer damals kriminellen Energie ihrer Familie gegenüber bekennt, sucht sie erst noch die Schuld für das nach ihrer Meinung nicht entschuldbare Fehlverhalten des Sohnes bei dessen Schulfreund Trevor aus einfachen Verhältnissen. Mit den Eltern Bob und Annie treffen die Harpers jedoch auf viel ehrlichere Menschen, als sie selbst sind. „Warum haben sie versagt als Eltern?“, eine Frage, die millionenfach, weltweit vor allem in der Pubertät viele Eltern umtreibt.

Die eingangs glatte Oberfläche der Familie wird ein Schlachtfeld der Emotionen, quälenden Lebensfragen und schmerzhafter Erkenntnisse. Das klingt bis in die Herzen und Köpfe der Besucher. Alices Frage bleibt: „Woher kommt der Zorn des wundervollsten Jungen der Welt?“. Auf der Suche nach Antworten zerfällt das politisch korrekte Bild der Familie Harper, sie quält sich mit längst vergessenen Jugendtaten, Lebenslügen Schuld und Unschuld.

Die längsten Schatten wirft dabei die Vergangenheit von Mutter Alice. Sie hat mit dem Mitwissen um die Bombe in dem Koffer, die letztlich ein Leben kostete, die Grenze überschritten. Ihr Sohn verzeiht ihr, ihr Mann nicht, er zieht die radikalste Konsequenz und trennt sich. Die Antwort auf die Frage von Alice „Wann kippt der schöne Schein?“ ist: „Jetzt!“. Denn „Fury“ kann positiv übersetzt als Leidenschaft, negativ als Wüten interpretiert werden.

Joe hatte zwar nicht „Islam rockt“ an die Moschee gesprayt, aber er war als junger Mensch auch nicht fertig in seiner Meinungsbildung. Es war wohl eher Rebellion, statt Hass. Ein Drama, dass überall angesiedelt sein kann – darin lag die Brillanz dieses Stückes.

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