Rufbereitschaft gestoppt

Ungewissheit im Frauenhaus: Corona raubt Normalität

Aufgrund körperlicher Gewalt fliehen einige Frauen ins Frauenhaus. In Coronazeiten ist die Aufnahme nicht ganz so leicht.
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Aufgrund körperlicher Gewalt fliehen einige Frauen ins Frauenhaus. In Coronazeiten ist die Aufnahme nicht ganz so leicht.

Diepholz – Körperliche Gewalt, Isolation oder Beleidigungen auf offener Straße: Viele Frauen leider unter den Einflüssen ihrer Lebenspartner oder der Familie. Einige Medien berichten über immer mehr Fälle häuslicher Gewalt mit Beginn der Pandemie und der vermehrten Home-Office-Arbeit. Den Eindruck hat Doris Wieferich, Leiterin des Netzwerks gegen häusliche Gewalt im Landkreis Diepholz, nicht. Dennoch ist das Frauenhaus in Diepholz fast voll.

Am Anfang der Pandemie hat das Frauenhaus einen dreiwöchigen Aufnahmestopp gehabt. „Die Situation war einfach zu ungewiss“, erklärt die Leiterin. 36 Anfragen habe sie in diesem Jahr schon ablehnen müssen. Zehn davon mangels Platz. Ein Raum wurde zum Quarantäne-Einzelzimmer umgewandelt. Eine Frau mit maximal einem Kind hat dort Platz. Zwei Wochen sollen sie nach der Aufnahme dort verbringen, bevor sie in ein anderes Appartement umziehen können, wo sie gemeinsam mit einer weiteren Frau und Kindern leben – coronakonform. Das Quarantänezimmer ist immer reserviert für Neuankömmlinge und wird nicht zum permanenten Wohnen genutzt.

Auf Covid-19 getestet werden die Frauen nicht. „Da haben wir zwar kurz drüber nachgedacht“, doch schien es den Mitarbeitern nicht händelbar. Zeige eine Frau oder ein Kind aber eindeutige Corona-Symptome, werden sie vorerst nicht aufgenommen und stattdessen zum Arzt geschickt. Wieferich sei klar, dass eine Covid-19-Erkrankung ohne Symptome möglich sei. Trotzdem halte sie an dem Vorgehen fest. Wenn Symptome in den ersten zwei Wochen im Einzelzimmer ausbleiben, ziehen die Frauen in ein geteiltes Appartement um.

Rufbereitschaft gestoppt

Zu normalen Zeiten gab es laut Wieferich die Möglichkeit, dass Schutzsuchende rund um die Uhr aufgenommen werden können. „Die Rufbereitschaft haben wir erst einmal gestoppt.“ Grund dafür: Ehrenamtliche würden diese Aufgabe übernehmen. Die Freiwilligen „machen sich viele Gedanken darüber wie sie eine hilfsbedürftige Frau unterbringen können“, hebt Wieferich hervor. Doch sie möchte die Ehrenamtlichen in Coronazeiten nicht damit belasten. Sie sollen nicht auch noch die Verantwortung dafür tragen, dass im schlimmsten Fall eine infizierte Frau aufgenommen wird. „Das muss ein Hauptamt tun.“ Und das geht im Moment eben nur von montags bis freitags, 8 bis 18 Uhr. Danach ist niemand zu erreichen. „Wir können nur das tun, wofür wir Verantwortung tragen können“, begründet die Netzwerkleiterin.

Aktuell lebe im Diepholzer Frauenhaus ein schulpflichtiges Kind mit seiner Mutter. Die anderen Kinder seien deutlich jünger. Eines sei sogar dort geboren und ist mittlerweile zwei Monate alt. Die sonst übliche Betreuung fällt nun in Coronazeiten weg. Und auch die wöchentlichen Treffen, bei denen die Frauen und Mitarbeiter des Hauses zusammenkommen und sprechen. „Stattdessen machen wir eine Art Hausbesuche zwei- bis dreimal die Woche. Dort besprechen wir mit den Frauen in ihren Appartements, was erledigt werden muss und wo der Schuh drückt“, erklärt Wieferich. „Natürlich mit Mundschutz.“

Zusammengehörigkeit fehlt

Die Leiterin ist nicht glücklich mit der aktuellen Situation. Zwar können während der Hausbesuche in der Regel alle Probleme besprochen werden, doch „die Zusammengehörigkeit fehlt“. Gerade die Vorzüge des neuen Gebäudes, in das das Frauenhaus Ende Dezember 2019 umgezogen ist, können derzeit nicht genutzt werden. Eine Spielecke für Kinder, ein Gemeinschaftsraum mit Tischen und Stühlen zum Reden sowie eine Schleuse, damit Fremde nicht sofort im Haus sind, gibt es dort. Doch Schulfreunde der Kinder oder Verwandte dürfen momentan nicht zu Besuch kommen. Der einzige Besuch seien Erziehende aus Kitas, die zu einem vereinbarten Termin vorbeischauen und mit den Kindern spielen. „Der Raum wird mindestens vorher und hinterher gut gelüftet und die Spielzeuge nach Gebrauch desinfiziert“, so Wieferich. „Schwer zu desinfizierende Spielsachen kommen ganz raus.“

Für die Tischgruppen im Gemeinschaftsraum habe sie zumindest schon einen Lösungsansatz, um das Tragen der Maske zu vermeiden: Eine Acrylglasscheibe. „Dann kann man wenigstens die Mimik seines Gegenübers sehen.“

Die Hauptursachen, die Frauen dazu bringen, überhaupt ein Frauenhaus aufzusuchen, seien körperliche Gewalt jeglicher Art, Zwangsheirat und psychische Gewalt wie Beleidigungen – zum Teil auf offener Straße – und Isolation. Häufig dürften Frauen mit Migrationshintergrund keinen Kontakt nach außen haben. Sie leben fremdbestimmt. Ehemänner bringen ihre Frauen höchstens zum Einkaufen und holen sie danach wieder ab. „Dadurch sprechen viele Frauen schlecht Deutsch“, erklärt Wieferich. Früher sei das ein Grund gewesen, sie nicht im Frauenhaus aufnehmen zu müssen. „Doch heute arbeiten wir viel mit Dolmetschern zusammen.“

Wenn Frauen ihren Familien eine zweite Chance geben, „können sie wiederkommen, wenn es schwierig wird“. Darüber hinaus gibt es ambulante Beratungsstellen und Paarberatungen.

Wie viele Frauen und Kinder leben im Frauenhaus?

2019 lebten Schutz suchende Frauen im Schnitt 36 Tage im Diepholzer Frauenhaus. Manche bleiben zwei Wochen, andere sechs Monate. Etwa 80 Prozent von rund 140 Aufnahmen haben einen Migrationshintergrund. Ihre Wurzeln liegen häufig in der Türkei, dem Irak, Polen, Afrika oder dem Kosovo. Rund 25 Prozent seien in ihr altes Leben zurückgekehrt, 14 Prozent in ein neues mit eigener Wohnung oder einer Zwischenlösung bei Freunden oder Verwandten. Viele würden heimlich ausziehen. Der Kontakt zu den Mitarbeitern des Frauenhauses breche ab.

Mit den Frauen lebten im vergangenen Jahr 63 Kinder im Frauenhaus. 55 davon hätten einen Migrationshintergrund. 2018 waren es noch 43 Kinder, wovon 31 ausländische Wurzeln haben.

Von Lisa-marie Rumann

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