Sanierung des Schlossturmes: 130 Besucher bei spannendem Info-Abend

Unbekannter Zugang in in luftiger Höhe entdeckt

Eines der Geheimnisse des Schlossturmes: Ein zugemauerter Zugang in 23 Metern Höhe am Nordflügel-Dach wurde bei der Sanierung entdeckt. Richard Bitter, Vorsitzender des Heimatvereins Diepholz, zeigt davor ein gefundenes Eisenteil. - Fotos: Jansen

Diepholz - Von Eberhard Jansen. Ein großes Loch in der Wand des Diepholzer Schlossturmes ist seit vielen Jahren zugemauert und war zudem durch einen Schrank verdeckt. Beim Herausnehmen des alten Holzfußbodens im Rahmen der Turm-Sanierung wurde darunter ein kleiner, verputzter Raum sichtbar, von dem niemand etwas wusste.

Christoph Probst leitet die Sanierung.

Durch ihn führt ein unbekannter Zugang zum Turm. Doch nicht etwa am Boden, sondern in 23 Metern Höhe – genau über dem First des Nordflügel-Daches – ist die bislang unbekannte, auch von außen zugemauerte – Öffnung im Diepholzer Wahrzeichen. Das war eine der Entdeckungen, von denen die Besucher des zweistündigen Informationsabends zur Schlossturm-Sanierung am Montagabend im Rathaus erfuhren. Etwa 130 Interessierte waren zu der öffentlichen Veranstaltung gekommen, zu der der Heimatverein Diepholz und die Diepholzer Wirtschaftsförderungsgesellschaft (im Rahmen ihrer „Diepholzer Gespräche“) eingeladen hatten. Bürgermeister Dr. Thomas Schulze freute sich über die vielen Zuhörer – darunter auch Amtsgerichtsdirektor Matthias Wawrzinek als „Hausherr“ des Schlosses.

Der neue Heimatvereins-Vorsitzende Richard W. Bitter informierte über die Geschichte des Diepholzer Wahrzeichens, in dem seit einigen Monaten nicht nur die alten, vom „gescheckten Nagekäfer“ befallenen Balken und morsches Mauerwerk aufwändig erneuert werden, sondern für den der Heimatverein auch ein neues Museumskonzept hat. Den Turm will der Verein zum Grafensonntag am 16. Oktober wiedereröffnet präsentieren.

Dessen Anfänge gehen auf die erste Hälfte des 12. Jahrhunderts zurück, die Fundamente sind also etwa 1 000 Jahre alt. Veränderungen nach Schäden durch Kriege und Brände ergeben das heutige Aussehen. Nach dem 30-jährigen Krieg (1618 - 1648) wurde der Turm wieder aufgebaut. Das geschah offenbar 1660 bis 1663, denn nach dem Entfernen des wuchernden Efeus, das große Schäden am Mauerwerk verursacht hatte, wurde jetzt ein Eisen-Anker sichtbar, der die Form dieser Jahreszahlen hat.

Ein Bleirohr, das in der abmontierten Kugel auf dem Turmdach gewesen war, hatte Peter Bröker, Leitender Baudirektor des Staatlichen Baumanagements Weser-Leine (Nienburg), mit ins Rathaus gebracht. Darin ein Brief, den er vorlas. Er stammt von den Handwerkern, die die Kugel im Jahr 1961 erneuert hatten.

Merkwürdig: In der Kugel war ein Einschussloch.

„Wir sind im Kostenrahmen von 650 000 Euro“, sagte Bröker und zeigte auch einen Stein: Dieser war 2012 aus der Fassade des Turms gefallen. Daraufhin war die Holzkonstruktion im Eingang gebaut worden, um Schloss-Besucher vor weiteren herabfallenden Steinen zu schützen. Schließlich gab das Land Niedersachsen als Eigentümer Geld für die Turmsanierung.

Wie aufwändig aber auch interessant diese ist, verdeutlichte der bauleitende Restaurator Christoph Probst den 130 Zuhörern in sehr unterhaltsamer und humorvoller Weise.

Angesichts der heftigen Mauerschäden, die er mit Bildern dokumentierte, ist für Probst klar: „Efeu gehört nicht an Gebäude!“ Der Baufachmann hatte vor Beginn der Arbeiten auch viele Schäden durch Feuchtigkeit erfasst, die teils durch die Konstruktion des Turmes bedingt sind.

Um den „gescheckten Nagekäfer“ zu vernichten, wurde der Turm aufgeheizt – 75 Grad Celsius hatte er im Inneren, in den Balken 55 Grad. Bei dieser mehrwöchigen Aktion verbrauchte eine Spezialfirma aus Lippstadt 14 500 Liter Heizöl.

Christoph Probst nannte weitere Sanierungsdaten, nachdem er über die schwierigen Arbeiten berichtet hatte, die die Handwerker sehr gut meistern: 21 420 Ziegelsteine wurden ausgetauscht – damit könnte man zwei Häuser verklinkern. Dazu brauchten die Maurer 31 350 Liter Mörtel – umgerechnet 181 Badewannen voll.

Die Zimmerleute erneuerten 35 Kubikmeter Eichenholz – damit könnte man Dachstühle von vier Einfamilienhäusern bauen. Ein Balken wiegt 730 Kilo.

Eine vorgegangene Vermessung des Diepholzer Wahrzeichens per Laser-Scan ergab übrigens: Der Turm mit seinen wehrhaften, bis zu 3,60 Meter dicken Wänden ist nicht ganz rund. Eine Verformung im Laufe der Jahrhunderte? Pfusch beim Bau? Das ist noch ein Geheimnis – so wie auch der Sinn des jetzt entdeckten Zugangs in luftiger Höhe – vermutlich früher vom 1550 gebauten Nordflügel aus. Um den Zugang später noch genauer untersuchen zu können, wurde davor im Innenraum ein Teil des neuen Fußbodens zum Herausnehmen vorgesehen.

Die Geschichte der „Schutz- und Trutzburg“ Diepholzer Schloss bleibt also spannend.

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