Jugendamt ist rund im die Uhr im Einsatz

Pflegefamilien nehmen traumatisierte Kinder auf

Die Zahl der Inobhutnahmen steigt. Darüber sprechen (v.l.) Claudia Enders, Landrat Cord Bockhop und Verena Schwartz. - Foto: Seidel

Diepholz/Syke - Wie lange die drei Kinder nach dem tödlichen Beziehungsdrama in Syke bei ihrer toten Mutter ausharren mussten, ist unklar. Fakt ist: Sie sind seit Sonntag in einer Bereitschaftspflegefamilie des Jugendamtes untergebracht. Bei Pflegeltern, die immer wieder Kinder nach extremen Situationen aufnehmen müssen – im Auftrag des Jugendamtes, das rund um die Uhr in Bereitschaft ist.

„Am Wochenende, abends und in der Nacht müssen schwierigste Situationen gemeistert werden“, erklärt Landrat Cord Bockhop. Viel zu oft gehe es um kleine Kinder – wie das neunjährige Mädchen und seine Geschwister, drei Jahre und ein Jahr alt.

Ein Mitarbeiter und eine Mitarbeiterin des Jugendamtes hatten die Kinder am Sonntag im Polizeikommissariat Syke in Obhut genommen, so Verena Schwarz als stellvertretende Leiterin des Jugendamtes. Wie berichtet, hatte der Vater sich auf der Wache gestellt, nachdem er seine Lebensgefährtin getötet hatte. Die Polizei hatte die Kinder aus dem Haus geholt.

Eltern in Bereitschaft werden geschult 

Sieben Bereitschaftspflegefamilien stehen der zuständigen Fachkraft im Jugendamt, Claudia Enders, für akute Fälle zur Verfügung. Alle Bereitschaftspflegeeltern haben sich in speziellen Kursen auf diese Aufgabe vorbereitet. Und alle sieben Familien betreuen zurzeit Kinder nach akuten Situationen. „Die drei Geschwister hat eine Familie aufgenommen, in der schon zwei Kinder untergebracht sind“, so Verena Schwartz.

Claudia Enders wünscht sich mehr Bereitschaftspflegeeltern. „Aber es ist schwierig, diese Menschen zu finden.“ Denn es ist eine herausfordernde, nicht selten belastende Aufgabe: „Jedes Kind bringt seine eigene Geschichte mit.“ Bei Kindern mit Migrationshintergrund komme noch die fremde Sprache und die fremde Kultur hinzu, ergänzt Verena Schwartz. Die Bereitschaftspflegefamilie für die Syker Kinder sei „wie ein Sechser im Lotto“, sagt sie. Denn ein Familienmitglied habe eine notfallseelsorgerische Ausbildung.

51 Kinder musste das Jugendamt im vergangenen Jahr in solchen Bereitschaftsfamilien unterbringen.

Jugendamt holt Säugling aus Klinik

Das Jüngste war vier (!) Tage alt. Direkt aus der Entbindungsklinik holten Mitarbeiter des Jugendamts den Säugling. Das älteste Kind war 16 Jahre alt.

„Das ist nur die Spitze des Eisbergs“, blickt Landrat Cord Bockhop auf andere Problemfälle, um die sich das Jugendamt kümmern muss – und auf die Dunkelziffer. Immer öfter muss das Jugendamt notgedrungen als Mediator zwischen hoffnungslos zerstrittenen Eltern vermitteln. Nach der Trennung hätten sie nur ihre eigenen Verletzungen im Blick, sagt Verena Schwartz – nicht aber die gemeinsame Verantwortung für das Wohlergehen ihrer Kinder. Das ist der Grund dafür, dass Jugendamts-Mitarbeiter sogar Besuche von Kindern bei einem Elternteil begleiten müssen.

Claudia Enders weiß, welche Lebens-Hypothek das für diese Kinder bedeutet. Wer nicht gelernt hat, Konflikte zu lösen, kann schwer anders handeln – und begründet im schlimmsten Fall die nächste Problemfamilien-Generation.

Bürokratie nimmt im Jugendamt viel Zeit in Anspruch 

Auch das ist Alltag: In die Betreuung kann das Jugendamt nur die Hälfte seiner Zeit investieren, berichtet Verena Schwartz. Bürokratie und Dokumentationspflichten saugen die andere Hälfte restlos auf.

Landrat Cord Bockhop stellt klar, welche extremen Ansprüche Verwaltung und Kommunalpolitik erfüllen sollen: „Ohne Ende sollen wir Personal vorhalten, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist. Außerdem sollen wir Prävention, Beratung sowie Hilfsangebote bereitstellen und finanzieren.“ 

Und das, so formuliert Bockhop es bewusst drastisch, „weil die Gesellschaft es nicht mehr gebacken kriegt, normale Familie zu sein.“ Die steigende Zahl der Problemfälle und der extremen Situationen macht den Landrat sprachlos: „Irgendwie funktioniert das System nicht mehr!“

sdl

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