200 Tiere auf nur einem Hof

Tierschutz im Landkreis Diepholz: Animal Hoarding und „mafiöse Strukturen“

21 Hundewelpen sitzen in einem engen Kofferraum.
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Quer durch Europa werden Hundewelpen für den Verkauf oft transportiert. In diesem Fall entdeckte die Bundespolizei 21 Welpen in einem Kofferraum.

Landkreis Diepholz – „Es ist, als würde man gegen eine Wand laufen“, beschreibt Antje Tittmann. Die Luft nehme einem den Atem, die Augen tränen, der Ammoniak-Geruch brenne in der Lunge. Es sei eine enorme Herausforderung für alle Beteiligten, auch nur einen Tag dort auszuhalten. Umso mehr schockiere vor allem eins: „Dass da Menschen leben.“

Antje Tittmann ist weder Horrorbuch-Autorin noch leidet sie unter einer ausufernden Fantasie. Tittmann ist Amtstierärztin im Landkreis Diepholz und leitet das Team Tierschutz. Sie geht Verstößen in der Landwirtschaft und in der privaten Hobbytierhaltung – oder im Fachjargon: Luxustierhaltung – nach. Dabei muss sie die Dinge möglichst objektiv und aus Augen des Gesetzgebers betrachten – auch, wenn das nicht immer leicht ist.

Kürzlich gab sie dem Kreisausschuss für Feuerschutz, Verkehr und Sicherheit einen der seltenen Einblicke in ihre Arbeit und berichtete von Familie X, einem anonymisierten Fall aus dem Landkreis. Das Hauptproblem lässt sich mit zwei Wörtern zusammenfassen: Animal Hoarding – die Sucht, Tiere zu sammeln. Dass das zwangsläufig zulasten des Tierwohls geht, zeigt auch dieser Fall.

Die Geschichte von Familie X beginnt schon in den 90er-Jahren, als „wiederholt erhebliche Verstöße“ gegen das Tierschutzgesetz dokumentiert wurden. Richtig Fahrt nahm das Ganze allerdings erst auf, als die Familie 2008 einen Resthof kaufte. Zwei Jahre später gab es einen Hinweis aus der Bevölkerung. Was Tittmann und ihre Kollegen dann vor Ort fanden, zeigt sie den Ausschussmitgliedern mit eindrücklichen Fotos. Aus Datenschutzgründen dürfen diese hier nicht abgebildet werden. Rund 200 Tiere fanden sich auf dem Hof: Hunde, Katzen, Pferde, Esel, Ziegen, Degus, Vögel und Frettchen. Die Tiere lebten hinter zugeklebten Fenstern in Gäste-WCs, Abstellkammern oder vollgemüllten Räumen. Sie seien überwiegend gut genährt, die Hygiene jedoch sehr schlecht gewesen, so Tittmann.

Geruchs-Fotos gibt es zwar noch nicht, doch Tittmanns Schilderungen sind eindrücklich – und ihre Verärgerung nachvollziehbar. Es sei unfassbar schwierig, alle Tiere auf einem unübersichtlichen Resthof zu finden, wenn der Besitzer aggressiv sei und in keinster Weise kooperiere.

Der Reingewinn im Welpenhandel liegt oft höher als im Drogenhandel.

Silke Fraune, Vorsitzende des Tierschutzvereins Diepholz und Umgebung

Doch das ist nur eine Herausforderung, vor der der Landkreis steht. Danach kommt immer öfter auch eine rechtliche Auseinandersetzung. Die Zeit, in der schon das Wort des Amtstierarztes Wirkung zeigte, sei vorbei, schildern Tittmann und Dr. Karljosef Graf, Fachdienstleiter Veterinärwesen. Heute würden sich die Beschuldigten mit Anwälten wehren. Diese würden oft wechseln, jeder fordere erneut Akteneinsicht. Der Landkreis müsse jedes Mal Hunderte Seiten kopieren. Das koste Zeit und Geld. Alleine im Fall von Familie X etwa 730 Arbeitsstunden pro Jahr. Das sind etwa 90 Arbeitstage – oder eine halbe Stelle. 60 000 Euro an Personalkosten und 56 000 Euro an Tierarztkosten musste der Steuerzahler für den Fall X vergangenes Jahr zahlen. Fälle wie diesen gibt es etwa zwei bis drei mal pro Jahr, größere Gerichtsverfahren alleine 2021 schon zehn mal.

Unbeeindruckt von Verfahren und Tierhaltungsverboten gehe das Tieresammeln bei den Betroffenen oft weiter. Manchmal, sagt Tittmann, würde sie die Leute gerne in eine Zwangsjacke stecken und in die Psychiatrie bringen. Aber so einfach ist das nicht – auch wenn sich im Ausschuss alle einig sind: Animal Hoarding ist eine Krankheit – eine Krankheit die zunimmt.

Das bestätigt auch Silke Fraune, Vorsitzende des Vereins hinter dem Tierschutzhof Dickel. „Das Animal Hoarding hat zugenommen“, bestätigt sie. Unter anderem bei ihr landen Tiere wie aus dem Fall X. Und Fraunes Heim stößt immer öfter an seine Kapazitätsgrenzen. So habe sie etwa 35 Plätze für Katzen im Heim. Wenn dann jedoch auf einmal 20 Katzen aus einem Haushalt untergebracht werden müssten, werde es eng. Dann müssten Tierheime zusammenarbeiten.

Gleichzeitig kämpfen Fraune und ihr Team an einer weiteren Front: Überteuerte Hunde aus Osteuropa, die Besitzer oft nach wenigen Wochen wieder loswerden wollen. Ungeimpfte Mischlinge ohne Papiere würden teils für mehr als 1 000 Euro im Internet verkauft. Ein Problem, dass auch Tittmann in ihrem Bericht anspricht. Seriöse Züchter würden dabei nur selten dahinterstecken, es gehe ausschließlich ums Geld. Tittmann sagt, ihre Behörde kämpfe gegen „mafiöse Strukturen“ an. „Der Reingewinn liegt oft höher als im Drogenhandel.“

Am Ende müssen Tierheime wie das in Dickel Welpenboom und Animal Hoarding auffangen. Vom Landkreis erhalte sie für letztere Fälle immerhin eine „durchaus angemessene“ Bezahlung, so Fraune. Doch das Problem bleibt. Ob Welpen aus Osteuropa oder Animal Hoarding, eines bestätigen alle Beteiligten: Die meisten Tierschutzverstöße gibt es nicht in der Landwirtschaft, sondern in der privaten Luxustierhaltung – und das mit steigender Tendenz.

Bereits im Mai haben sich mehr als 60 Tierschutzpartner in Deutschland an einer vom Hamburger Tierschutzverein initiierten Kampagne „Süße Ware, schneller Tod“ angeschlossen, darunter auch das Tierheim in Stuhr-Brinkum.

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