Im Tiefflug über Felder und Wiesen

Mit Hubschraubern überprüfen Experten regelmäßig die Gasleitungen der Region

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Die Bell 206 Jet Ranger erreicht mit ihren 420 PS eine Geschwindigkeit von knapp über 200 Kilometern in der Stunde. Sie ist knapp 1,5 Tonnen schwer und die Flugzeit wird mit etwa dreieinhalb Stunden kalkuliert. 

Diepholz - Von Sven Reckmann. Vom Boden muss das Ganze abenteuerlich aussehen: In hundert Metern Höhe prescht der Hubschrauber über Felder, Wiesen, an Siedlungen vorbei, dreht hier und da einen Kreis in Augenhöhe mit den Windkraftanlagen und Stromleitungen. Doch der Tiefflug hat nichts mit einem waghalsigen Piloten zu tun, sondern dient der Sicherheit. Der Sicherheit von Versorgungsleitungen für Öl und Gas. Mit regelmäßigen sogenannten Pipeline-Flügen überprüfen Energieversorger wie die Wintershall, ob die wichtigen Leitungen beschädigt sind oder ob Beschädigungen drohen.

Zum Einsatz kommen dabei Hubschrauber des Unternehmens Rotorflug, die auch in Diepholz stationiert sind. Ein Besuch bei den Pipeline-Fliegern:

Ich stehe auf dem Vorfeld des Flugplatzes Diepholz-Dümmerland (fdd). Mein „Taxi“ an diesem Tag kommt aus der Luft, hat bereits eine morgendliche Etappe über dem Emsland hinter sich. Die D-HEFE der Firma Rotorflug, ein Hubschrauber vom Typ Bell 206 Jet Ranger, dreht einen weiten Kreis über dem fdd und setzt dann zur Landung an. Im Cockpit: Pilot Benjamin Rück und Jens Wagner, der als Fachmann der Wintershall die Pipeline-Überwachung im Auge hat. Der zweite Teil des Überwachungsflugs soll an diesem Tag im Landkreis Diepholz stattfinden und ich bin dabei.

Nach einer kurzen obligatorischen Sicherheitseinweisung drückt mir der Pilot die obligatorische Tüte in die Hand, vorsichtshalber. „Wird doch wohl nicht so schlimm?“, mache ich mir Mut. Doch es warten in den nächsten Minuten ein paar Flugmanöver auf mich, die an Achterbahnfahrten erinnern. Wie im Aufzug geht es gleich nach dem Start in die Luft, die Gebäude werden im Sekundentakt kleiner, bald lassen wir die Bahnstrecke hinter uns. Es geht nach Osten in Richtung Wetscher Bruch, dem Startpunkt unseres Kontrollfluges. Die GPS-gestützte Moving Map zeigt den beiden Männern den Verlauf der Pipeline an und somit uns den Weg. Konzentriert geht der Blick zur Erde. Gelbe Markierungspfähle, oft an Straßen und Wegen, sind aus der Luft meist gut zu erkennen und zeigen zusätzlich den Verlauf.

Mögliche Schäden an der Pipeline würden sich in der Vegetation bemerkbar machen und von oben besser festzustellen sein, erklärt Jens Wagner. Zusammen mit drei andere Kollegen vom Leitungsservice der Wintershall ist er der fachkundige Beobachter auf den Pipelineflügen, die mehrmals im Monat in Diepholz starten.

Das Netz, das vom fdd aus abschnittsweise beflogen wird, umfasst etwa 2 500 Kilometer Länge und reicht von der Nordseeküste bis Göttingen und von der niederländischen Grenze bis zur Lüneburger Heide. Aus der Luft seien diese enormen Strecken viel besser und schneller zu kontrollieren, erklären die Beiden.

Jens Wagner (r.) ist für die Firma Wintershall an Bord; Benjamin Rück ist Pilot und Diepholzer Stationsleiter von Rotorflug.

Das Wetter ist herrlich an diesem Tag, viele Landwirte sind auf den Feldern bei der Arbeit. Durch unsere geringe Flughöhe ist alles besonders gut zu erkennen. Autos, Häuser, Gärten, in einem könnte es sogar eine HSV-Flagge gewesen sein. Bekommt man gar keinen Ärger, wenn man den Häusern so nahe kommt? Gelegentlich komme es vor, berichtet Rück, dass jemand deswegen anruft, „aber für den Auftrag, den wir haben, lässt sich das leider nicht vermeiden.“

Neben möglichen Schäden der Leitung an sich sind aber vor allem die Gefahren „von Außen“ im Augenmerk der Pipeline-Flieger, also wenn Erdarbeiten in der Nähe der Leitung durchgeführt werden, Dränagen oder Kabel verlegt werden oder Landwirte bei der Feldarbeit die Leitung beschädigen könnten.

Wir lassen den Erdgasspeicher Rehden links liegen und fliegen weiter nach Osten. Ein kleiner Bagger, für mich erst auf den zweiten Blick zu erkennen, zieht die Aufmerksamkeit der Männer auf sich, aus dem ruhigen Geradeausflug wird plötzlich eine rasante Steilkurve. „Jetzt wird es etwas dynamisch“, sagt Rück eher nüchtern zum Fluggast. „Das gucken wir uns nochmal genauer an.“ Der Hubschrauber kreist über der Stelle. Hier arbeitet offenbar ein Landwirt an der Bewässerung seines Feldes. Sollte die Sachlage aus der Luft nicht zu klären sein, notiert Wagner die Position und seine Kollegen nehmen die Sache am Boden in Augenschein. Notfalls geht der Hubschrauber direkt an der Stelle zur Landung, was aber nicht häufig passiere, berichtet Rück.

Der Flug geht weiter und beschert einen kurzen Abstecher in den Kreis Nienburg, wo Staffhorst und Vogtei als Wegpunkte abzufliegen sind. Ab hier geht der Kurs wieder in Richtung Norden. Mächtige Windparks liegen vor uns. „Da fliegen wir jetzt direkt durch“ – in Narbenhöhe der Windkraftanlagen. Noch drei, viermal auf der Route gibt es Dinge, die die Männer näher unter die Lupe nehmen, zumeist Baggerarbeiten nahe der Pipeline. Aber kein Grund zur Panik.

Nach Minuten taucht Barnstorf vor uns auf. Grüße aus der Luft ans BUEZ und in den Sundering. Die Maschine setzt zur Landung auf dem Wintershall-Gelände an – Feierabend für Jens Wagner. Bis nach Diepholz ist es jetzt nur noch ein Katzensprung.

Und die Tüte bleibt in der Tasche – unbenutzt.

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