Von Buchstaben zu Wörtern

Wie Analphabeten in einem Integrationskurs die deutsche Sprache lernen

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„Sie sind sehr motiviert“, sagt Volkshochschul-Dozentin Tanja Bryson-Schreiber (rechts) über die Teilnehmer am Alphabetisierungskurs in Syke.

Landkreis Diepholz - Von Anke Seidel. „Anna kauft Kartoffeln auf dem Markt.“ Mit großer Sorgfalt hat ein Erwachsener diesen Satz auf seinen Lernbogen geschrieben – und zeigt ihn mit strahlenden Augen seiner Dozentin Tanja Bryson-Schreiber. Genau wie er ist die Dozentin stolz auf das Ergebnis. Denn ihre zwölf Kursteilnehmer sind Analphabeten, die in ihren Heimatländern weder Lesen noch Schreiben gelernt haben. Zum ersten Mal in ihrem Leben halten einige Stifte und Papier in der Hand, weil sie nie eine Schule besucht haben.

600 Stunden Unterricht haben sie schon hinter sich, 300 stehen noch bevor. Tanja Bryson-Schreiber beschreibt ihre Klienten, die vornehmlich aus Syrien und dem Irak kommen: „Sie wollen, sie geben sich Mühe und versuchen es immer wieder.“ Und sie machen Fortschritte: „Einige lernen schnell, andere brauchen mehr Zeit.“

An den Anfang dieses Integrationskurses kann sich die 42-Jährige noch gut erinnern. „Kindergartenniveau“, blickt sie zurück auf die Startbedingungen. Tanja Bryson-Schreiber weiß, wie schwer das Lernen einer neuen Sprache und einer neuen Schrift ist: „Ich habe vor einem halben Jahr angefangen, Arabisch zu lernen. Dabei habe ich gemerkt, wie lange ich brauche, um das arabische Alphabet zu erlernen.“

Gestochene Schrift: das Aufgabenblatt eines Teilnehmers beim Alphabetisierungskurs.

Ganz bewusst hat sich die 42-Jährige für diese ganz persönliche Lern-Erfahrung entschieden. Zum einen, um sich besser mit ihren Schülern verständigen zu können – und zum anderen, um das Lernen aus der Perspektive ihrer Schüler zu erleben. „Das ist schwer – obwohl ich ja eine Schule besucht habe“, blickt sie auf ihre eigenen Startbedingungen. Und: „Dann kommen ja noch die ganz persönlichen Probleme dieser Menschen hinzu“, nennt sie deren Sorge um die Sicherheit ihrer Familien-Angehörigen im Heimatland oder traumatische Erlebnisse auf der Flucht.

Konzentiert sortiert ein Teilnehmer Karten mit Buchstaben, aus denen er das Alphabet legen soll – die Basis für den Unterricht, dessen Aufbau die Dozentin so beschreibt: „Von Buchstaben zu Wörtern, vom Wort zum Satz.“ Die Situationsbeschreibungen, die daraus entstehen, spiegeln Alltagssituationen. Die Heldin ist Anna: Sie will Gemüsesuppe kochen, muss die Zutaten kaufen, die Kartoffeln schälen und schneiden. Ganz nebenbei vermittelt diese Geschichte den Teilnehmern das Rezept für diese in Deutschland so beliebte Suppe.

Lockere, freundschaftliche Atmosphäre

Körper, Kleidung, Essen, Trinken, Kochen – das thematisieren die Aufgaben genauso wie Wochentage, Monate, Uhrzeit und Zahlen. Auch das richtige Verhalten bei Arztbesuchen gehört dazu.

Um den Lernenden das Futur beizubringen, fragt die Kursleiterin schon einmal nach Hoffnungen. „Unter Tränen hat ein Mann da zu mir gesagt: Einmal noch in die Heimat, einmal noch meine Mutter sehen.“

Dreimal pro Woche kommen die Teilnehmer für vier Schulstunden zum Unterricht. Es herrscht eine lockere, freundschaftliche Atmosphäre – und es gibt Lob für die Dozentin. Die Gruppe um Tanja Bryson-Schreiber ist eifrig bei der Sache. Allen wünscht sie einen erfolgreichen Abschluss – und weiß, was ein Erfolgserlebnis für solche Menschen bedeuten kann: „Freudestrahlend hat mir eine Frau berichtet, dass jetzt lesen konnte, an welcher Haltestelle sie aussteigt.“ Bisher war allein das Straßenbild ihr Orientierungspunkt gewesen.

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