Millionen-Mehrkosten 2022

Strom-und Gaspreise: So sind Diepholzer Firmen und Haushalte betroffen

Die Stadtwerke Huntetal (hier das Hauptgebäude an der Amelogenstraße in Diepholz) mussten im vergangenen Jahr als Grundversorger 800 Kunden anderer Strom- und Gasanbieter aufnehmen.
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Die Stadtwerke Huntetal (hier das Hauptgebäude an der Amelogenstraße in Diepholz) mussten im vergangenen Jahr als Grundversorger 800 Kunden anderer Strom- und Gasanbieter aufnehmen.

Diepholz – Die Strom- und Gaspreise sind in den vergangenen Monaten an der Börse explodiert. Bundesweite Folge: Viele Anbieter können oder wollen zu den vereinbarten Konditionen nicht mehr liefern, da sie die Energie selbst nun viel teurer einkaufen müssen als kalkuliert. Das trifft Privatkunden ebenso wie Gewerbebetriebe – auch in Diepholz und Umgebung.

Zehn mittelständische Unternehmen der Region, deren Verträge vor Weihnachten durch die externen Anbieter kurzfristig gekündigt worden waren, haben sich hilfesuchend an die Stadtwerke Huntetal gewandt. Diese beschafften als Grundversorger für sie kurzfristig Strom beziehungsweise Gas – allerdings zu den derzeit extrem hohen Einkaufspreisen. „Das führt bei einigen dieser Unternehmen zu Mehrkosten in einer Größenordnung von jeweils 1,5 Millionen Euro – allein für 2022“, erklärt Stadtwerke-Geschäftsführer Matthias Partetzke im Gespräch mit unserer Zeitung: „Das ist vermutlich das Drei- bis Fünffache der ursprünglich für 2022 vorgesehenen Energiekosten dieser Firmen.“

Millionen-Mehrkosten für Firmen

Diese Kostenentwicklung könnten das produzierende Gewerbe, Hotels, die Landwirtschaft aber auch viele Haushalte auf Dauer nicht vertragen, so Partetzke: „Bleiben die Preise – inklusive der hohen Belastungen für das Erneuerbare-Energien-Gesetz, CO2-Umlage und Mehrwertsteuer – auf einem derartig hohen Niveau, können energieintensive Betriebe im weltweiten Wettbewerb nicht bestehen. In Teilen Deutschlands sind mittlerweile ein Euro je Kilowattstunde Strom zu bezahlen.“

Matthias Partetzke, Geschäftsführer der Stadtwerke Huntetal.

Als Gründe für die extreme Verteuerung von Energie nennt Matthias Partetzke unter anderem die Verärgerung der russischen Gaslieferanten durch die Diskussion um die Leitung Nord Stream II, eine hohe Energienachfrage im außereuropäischen Ausland – insbesondere Asien – und ein vorbeugendes Abschalten französischer Kernkraftwerke im Zusammenspiel mit gewinnmaximierenden Spekulationsgeschäften an der deutschen Börse.

System vieler Anbieter funktioniert nicht mehr

Die Preisanstiege auf dem deutschen Energiemarkt belasten auch die Privatkunden – die Bestandskunden der Stadtwerke Huntetal allerdings bislang nur begrenzt. Der Geschäftsführer: „Wir haben uns bereits in den letzten Jahren prognostizierbare Strom- und Erdgasmengen für 2022 zu soliden Konditionen gesichert. So haben wir mit einem sehr moderaten Preisanstieg – im Durchschnitt unter zehn Prozent – die aktuelle Marktsituation im Interesse unserer Kunden sehr deutlich gemildert.“

800 Kunden externer Anbieter in die Grundversorgung aufgenommen

Für Haushalte, die sich im Stadtwerke-Versorgungsgebiet anderen Lieferanten zugewandt hatten – aus „Geiz-ist-geil“-Mentalität oder aus Unwissenheit – gilt das nicht. 800 dieser Kunden von externen Energieunternehmen, die ihre Lieferung einstellten oder insolvent wurden, sind laut Partetzke im Jahr 2021 in die Grundversorgung der Stadtwerke gekommen. Neben Privatkunden waren darunter auch mehr als zehn Großkunden und 40 größere Gewerbekunden.

Das System vieler nicht immer seröser Anbieter funktioniert nicht mehr. Matthias Partetzke erklärt deren Vorgehen so: „Sie verkaufen erst Strom und Gas, setzen auf fallende Börsenpreise und kaufen erst dann – oder können das bei stark gestiegenen Preisen am Ende nicht mehr, wie jetzt zu beobachten ist.“ In den letzten Monaten haben laut Stadtwerke Huntetal mehr als 40 Lieferanten die Belieferung von Energie unterbrochen beziehungsweise Insolvenz angemeldet – zum Beispiel die Billiganbieter gas.de und stromio. Das Risiko tragen die Endkunden und auch die örtlichen Grundversorger wie die Stadtwerke Huntetal.

Energie für Neukunden zum Marktpreis

Deren Geschäftsführer: „Ich verspreche, dass wir jeden Haushalt mit Strom und Gas beliefern. Die erforderliche Energie beschaffen wir allerdings zum Marktpreis und geben diesen auch entsprechend weiter, vereinfacht gesprochen: Wir kaufen erst und verkaufen dann. Leider führen die Marktkonditionen derzeit zu einem hohen Aufschlag, aber ausschließlich für unsere – in der Anzahl nicht vorhersehbaren – Neukunden.“

Besondere Tarife mit längerfristiger Preisbindung bieten die Stadtwerke Huntetal derzeit angesichts der unkalkulierbaren Entwicklung bei Einkaufspreisen für Strom und Gas derzeit nicht an. Es seien allerdings individuelle vertragliche Regelungen in Vorbereitung: „Sobald der Markt sich beruhigt, werden auch unsere Neukunden von unserer langfristig angelegten Beschaffungsstrategie profitieren.“

„Verivox“: Stadtwerke Huntetal günstiger Anbieter

Gegenüber einem Bestandskunden müssen Stadtwerke-Neukunden für Strom bei einem Verbrauch von beispielsweise 3 500 Kilowattstunden derzeit im Jahr 600 Euro mehr zahlen. Bei Gas beträgt diese Differenz zwischen Bestands- und Neukunden sogar etwa 1 500 Euro pro Jahr bei einem Verbrauch von 18 000 Kilowattstunden. Im Internet-Vergleichsportal „Verivox“ gehörten die Stadtwerke Huntetal dennoch am Mittwoch zu den günstigsten Anbietern für Neukunden.

Einkaufspreise für Strom und Gas

Im vergangenen Jahr kostete eine Kilowattstunde Strom für Energieversorger an der Börse in Leipzig 5,5 Cent (ohne Steuern und Abgaben). Mit Stand 4.Januar 2022 waren nach Informationen der Stadtwerke Huntetal für das aktuelle Jahr 22 Cent zu zahlen: das Vierfache! Anbieter, die Strom für das Jahr 2023 einkaufen, hätten dafür 13 Cent bezahlt, für 2024 zu liefernden Strom 9,6 Cent. Für Strom, der im Jahr 2025 bezogen wird, zahlten Anbieter an der Börse am Dienstag 9,1 Cent – das ist trotz der sinkenden Tendenz - immer noch nahezu das Doppelte wie für das Jahr 2021. Beim Einkauf von Erdgas durch Energieversorger sah die Entwicklung ähnlich aus.

Bislang verzeichnen die Stadtwerke Huntetal noch keinen Anstieg von Kunden mit Zahlungsschwierigkeiten. Die Preisentwicklung werde sich erst im Jahr 2022 und in den Folgejahren auswirken. Partetzke: „Wir versuchen, jeden Fall im Interesse unserer Kunden praxisorientiert zu regeln, wie sich das für ein regionales Stadtwerk gehört – gern in einem persönlichen Gespräch in einem dafür vorgehaltenen Kundencenter.“

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