Abschied von der Kreisverwaltung

30 Jahre Vorsitzender des Gesamtpersonalrats: Ludwig Stöver geht in den Ruhestand

+
Ludwig Stöver war drei Jahrzehnte Vorsitzender des Gesamtpersonalrats des Landkreises Diepholz - und in dieser Funktion zuständig für zurzeit 1100 Beschäftigte.

Landkreis  Diepholz - Fast ein halbes Jahrhundert hat Ludwig Stöver in der Kreisverwaltung gearbeitet – davon drei Jahrzehnte als Vorsitzender des Gesamtpersonalrats, der sich um die Belange von zurzeit 1 100 Beschäftigten kümmert. Am Donnerstag sitzt der 65-Jährige zum letzten Mal an seinem Schreibtisch, denn Ludwig Stöver verabschiedet sich in den Ruhestand. Mit welchen Themen er sich in diesen Jahrzehnten befasst hat, welche Erfahrungen noch heute Früchte tragen und auf welche er gern verzichtet hätte, verrät der Diepholzer im Interview. Die Fragen stellte Anke Seidel.

Herr Stöver, was haben Sie sich für ihren letzten Arbeitstag als Gesamtpersonalratsvorsitzender des Landkreises Diepholz vorgenommen?

Ludwig Stöver: Mit den dienstlichen Dingen habe ich abgeschlossen. Offene Verfahren, zum Beispiel zum Thema Beurteilungswesen und Bereitschaftdienst, werden von meinen Kollegen weiter bearbeitet und Lösungen zugeführt, mit denen die Kolleginnen und Kollegen zufrieden sein werden! 

 Die Personalratsarbeit hängt nicht an mir allein. Wir sind ein Kollegial-Organ, wir erarbeiten unsere Inhalte, Strategien und Positionen gemeinsam und als Vorsitzender vertritt man sie gegenüber dem Arbeitgeber. Das wird von meinen Kollegen in gleicher Weise fortgesetzt. Ich kann abschalten, abschließen und mich von meinen Kolleginnen und Kollegen verabschieden.

Welche „Baustelle“ sehen Sie in naher Zukunft für das Gremium Gesamtpersonalrat?

Stöver: (überlegt) Das ist schwierig zu beantworten. Wir haben insbesondere in Fragen der Arbeitsbedingungen gute Standards. Sie ermöglichen ein hohes Maß an Partizipation der Beschäftigten. Diese ist bedroht durch hierarchische Betrachtung der Organisation und der Personalentwicklung durch die Verwaltungsführung. 

Es ist ein Prozess, der schon länger andauert. Beispiel: Aus den Team-Koordinatoren sind Teamleiter geworden, die – anders als vorher – Personal-Vorgesetzte sind. Da ist eine neue Hierarchie-Ebene installiert worden, die die Beteiligungs- und Mitsprachemöglichkeiten der Beschäftigten stark einschränkt. Dieser Trend wird sich fortsetzen.

Sie haben die Kreisverwaltung jahrzehntelang kritisch und engagiert begleitet – welches war die größte Herausforderung in dieser Zeit?

Stöver: Die schwierigsten Herausforderungen waren sicherlich die Zeiten der Haushalts-Konsolidierungen und die Zeiten, in denen die Privatisierung als Lösung von Problemen angesehen wurde. Davon war in den 80er- und 90er-Jahren die Reinigung der Gebäude des Landkreises betroffen, die seit 1981 stückweise privatisiert wurde. Das gilt auch für die Krankenhäuser und die Abfallwirtschaft. 

 Es ging uns darum, den Schutz vor betriebsbedingten Kündigungen, die Sicherung der Tarife und die betriebliche Altersversorgung sicherzustellen. Dies ist uns als Personalrat gemeinsam mit den gewerkschaftlichen Aktivitäten der ÖTV (Anm. der Redaktion: Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr) gelungen. 

 Der wichtigste Punkt war die Rettung der Kreismusikschule, wo wir ein eigenes Sanierungskonzept vorgelegt haben. Das wurde schließlich Grundlage für die weitere Existenz der Musikschule. Wir haben dabei den Kolleginnen und Kollegen eine Menge abverlangt – nämlich zehn Prozent Gehalts- und Arbeitszeitkürzung. Aber mehr als 90 Prozent der Kolleginnen und Kollegen haben sich beteiligt – und durch ihr solidarisches Handeln ihren eigenen Arbeitsplatz gesichert!

Ihre Partner waren drei unterschiedliche Chefs – Oberkreisdirektor Hans-Michael Heise, Landrat Gerd Stötzel, Landrat Cord Bockhop – in finanziell völlig unterschiedlichen Zeiten. Welche war dabei die prägendste Erfahrung?

Stöver: Eine wichtige Erfahrung ist, dass man bei aller Unterschiedlichkeit der Handelnden auf der Arbeitgeber-Seite mit klaren Haltungen zu den jeweiligen Themen auftritt – und als Personalrat alle Möglichkeiten des Personalvertretungsgesetzes aktiv nutzt und ausschöpft. Dabei geht es um Mitbestimmung! Die drei Chefs sind sehr unterschiedlich mit einer solchen Haltung umgegangen. 

Solange man miteinander redet und die Rolle des anderen nicht nur akzeptiert, sondern auch wertschätzt, sind gute Lösungen für die Organisation und die Beschäftigten erreicht worden. Das kann man insbesondere an den Regelungen zur Verwaltungsreform 1997 festmachen, wo wir die Elemente der Personalentwicklung quasi in das System eingebracht haben. So ist es uns gelungen, ein hohes Maß an Beschäftigten-Beteiligung zu organisieren. Das hat sogar dazu geführt, dass wir Personalräte von der KGSt (Anm. d. Redaktion: Kommunale Gemeinschaftsstelle für Verwaltungsmanagement) in Köln eingeladen wurden zu Veranstaltungen, in denen wir über das Modell Landkreis Diepholz referiert haben – unter anderem in Stuttgart. 

Das war schon das Prägendste! Oberkreisdirektor Heise hat das System zugelassen und gefördert. Landrat Stötzel hat es aufgenommen und weitergeführt. Bei Landrat Bockhop haben wir eine Renaissance der Hierarchie.

Und auf welche Erfahrung hätten Sie gern verzichtet?

Stöver: Ich kann damit leben, dass inhaltlich andere Positionen eingenommen werden. Der Streit um die Sache und um die richtige Lösung ist mein Ding. Es ist aber leider auch geschehen, dass ich dafür persönlich in Haftung genommen wurde. Darauf hätte ich gern verzichtet!

Die Kliniken sind wieder zurück unter dem Dach des Konzerns Landkreis Diepholz. Sehen Sie auch für andere Bereiche die Notwendigkeit der Rekommunalisierung?

Stöver: Es freut mich, dass die Rekommunalisierung der Krankenhäuser beschlossen wurde und umgesetzt wird. Jetzt sprechen Sie aber meine ehrenamtliche Tätigkeit als Vorsitzender der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi im Landkreis Diepholz an! Da haben wir uns im Vorstand sehr dafür engagiert, dass die Kliniken wieder kommunal werden. Daseinsvorsorge muss von der öffentlichen Hand wahrgenommen werden! 

 Bemerkenswert ist dabei, dass die verantwortlichen Politiker ausblenden, dass sie vor ihrem Sinneswandel den Antrag von Verdi 2017 auf Rekommunalisierung der Krankenhäuser einmütig abgelehnt haben. Umso mehr freut es mich, dass die Verdi-Argumente jetzt von Kreistagsmitgliedern verwandt werden!

Und weitere Rekommunalisierungs-Projekte?

Stöver: Ich würde mich freuen, wenn wir kreiseigene Gebäude wieder mit eigenen Kräften reinigen würden. Beim Landkreis angestellt zu sein, würde für die Beschäftigten eine deutliche Verbesserung bedeuten – insbesondere bei der Sicherung ihrer Arbeitsplätze, die durch ständige Neuvergaben der Aufträge bedroht sind. Außerdem würden sie nach Tarif bezahlt und hätten eine betriebliche Altersvorsorge. Das ist ein praktisches Beispiel dafür, wie Altersarmut wirksam bekämpft werden kann!

Ist Ruhestand Unruhestand für Sie? Werden Sie sich weiter engagieren?

Stöver: (lacht) Ich bin ein politischer Mensch und ich werde mich natürlich weiter politisch engagieren. Es gibt aber noch keine konkreten Pläne. Wichtig ist mir allerdings, dass ich meine Affinität zu Europa durch möglichst viele Bildungsreisen in europäische Hauptstädte ausleben kann.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema:

Maas ruft nach Auschwitz-Besuch zu mehr Zivilcourage auf

Maas ruft nach Auschwitz-Besuch zu mehr Zivilcourage auf

Verein „Rumänische Findelhunde“ feiert Sommerfest in Daverden 

Verein „Rumänische Findelhunde“ feiert Sommerfest in Daverden 

„Tag der offenen Tür“ im Industriegebiet Nord 

„Tag der offenen Tür“ im Industriegebiet Nord 

Freudentränen und Geschenke: Koreaner feiern Wiedersehen

Freudentränen und Geschenke: Koreaner feiern Wiedersehen

Meistgelesene Artikel

„Tag des Motorsports“ lockt mehr als 6 000 Besucher

„Tag des Motorsports“ lockt mehr als 6 000 Besucher

Gourmetfestival-Premiere: „Hammer, Hammer, Hammer!“

Gourmetfestival-Premiere: „Hammer, Hammer, Hammer!“

Drei tolle Tage in Sulingen

Drei tolle Tage in Sulingen

Bürgermeister schickt sich selbst auf die Strecke

Bürgermeister schickt sich selbst auf die Strecke

Kommentare