Sondersitzung: Stadtrat beschließt Resolution zur Klinik / Landrat kommt nicht

„Lassen Sie das nicht aus den Händen“

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So voll sind die Besucherreihen bei Stadtratssitzungen selten: Viele Diepholzer wollten gestern mehr darüber erfahren, wie es mit der Klinik weitergeht.

Diepholz - Von Sven Reckmann. Der Stadtrat hat sich deutlich hinter die Diep-holzer Klinik und ihre Mitarbeiter gestellt. Einstimmig beschloss das Gremium bei einer Sondersitzung gestern Nachmittag eine parteiübergreifende Resolution, mit der der Erhalt des Diepholzer Krankenhauses gefordert wird (nebenstehender Text).

Die Bürgerinitiative zum Erhalt der Diepholzer Klinik und ganz besonders ihre Initiatorin, Jolanta Malan, hatte im Vorfeld die Diep-holzer aufgerufen, ihre Unterstützung bei der Sitzung zu zeigen.

Trotz der nachmittaglichen (Arbeits-)Stunde war der Ratssaal randvoll, zusätzliche Stühle mussten herbeigeschafft werden, Zuhörer nahmen auf den Fensterbänken Platz oder mussten im Vorraum stehen. Rund 200 Besucher, so die Schätzungen, verfolgten die Sitzung.

Sie applaudierten, als der Rat die vorher abgestimmte und von Bürgermeister Dr. Thomas Schulze vorgetragene Vorlage ohne Diskussion annahm.

Der, den hier offenbar viele gern gehört hätten, Landrat Cord Bockhop, kam indes nicht. Die von ihm vor einigen Tagen im Gespräch mit dieser Zeitung vorgestellten Ideen für eine Neugestaltung der Klinik-Landschaft hatten für einige Diskussionen gesorgt.

Bockhop sei eingeladen gewesen und habe seine Absage damit begründet, so berichtete Schulze, dass bei dem Thema viele Detailfragen noch nicht geklärt seien und er zu diesem Zeitpunkt an keinem der drei Klinik-Standorte an öffentlichen Veranstaltungen dazu teilnehmen wolle.

Murren im Zuschauerraum war die Reaktion auf diese Mitteilung.

Stattdessen ergriff Jolanta Malan das Wort. Sie nahm zunächst den Mehrheits-Gesellschafter, die Alexianer ins Visier. Diese hätten den Klinikstandort systematisch heruntergewirtschaftet, so Malan. „Ich würde gern bei den Alexianern mal Finanzprüfer spielen, wo die ganzen Millionen geblieben sind“, rief sie. Malan beklagte auch andauernde Umstrukturierungen im Haus, die Unruhe bei den Mitarbeitern gebracht hätten.

Für Diepholz sei es nun wichtig, die 24-Stunden- und sieben-Tage-Grund- und Notfallversorgung beizubehalten, unterstrich sie.

Das Verlagern von medizinischen Angeboten nach Bassum sei keine Lösung, die den Kliniken im Landkreis Diepholz helfe. „Es gibt keinen Patienten, der von hier nach Bassum fährt“, meinte Malan.

Es schloss sich eine offene Fragerunde an, bei der die Zuhörer ihre Fragen und Anregungen zum Thema Klinik äußern konnten. „Was sollen wir fragen, wenn der, der was sagen kann, nicht da ist?“, fragte einer mit Blick auf den abwesenden Landrat.

Volker Jürgens kritisierte den Zeitdruck, mit dem jetzt die Neuausrichtung betreiben wird. „Normalerweise braucht man für so eine Planung ein halbes Jahr. Und dazu muss man auch mal Zahlen auf den Tisch legen.“

Helge Bredemeyer sah die bekanntgewordenen Pläne als Vorboten eines vollständigen Abbaus.

Ähnlich sah es Bernd Rasper („ich komme mir vor, wie einer der letzten, die hier die Stellung halten“). Derzeit wanderten 6000 Patienten zu den Vechtaer Kliniken ab, erinnerte der Urologe; sollten die Vorschläge umgesetzt werden, wären es 10000, so Rasper.

Dirk Landgraf machte den Vorschlag, der Landkreis möge von den Alexianern die Mehrheit wieder zurückkaufen.

Auch Kreistagsmitglied Lothar Plumhof (CDU) meldete sich zu Wort, verwies auf den Ausschuss für Jugend, Gesundheit und Soziales des Landkreises, der am Mittwoch, 17. Juni, 16 Uhr, im Kreishaus Diepholz tagt. Hier sei öffentlich zum ersten Mal in dem gesamten Prozess die Möglichkeit, Fragen zu stellen.

Nachdenklich wurde Dariusz Malan, ebenfalls Arzt in Diepholz: „Ich mache mir Sorgen, dass diese Stadt eines Tages einfach tot sein wird.“ Er appellierte an die Politik: „Lassen Sie das nicht aus den Händen. Es wird ein Drama für uns alle hier.“

Zum Abschluss bat Bürgermeister Dr. Thomas Schulze die Anwesenden nochmals zu einem großen Gruppenfoto vor das Rathaus, das – wie vor einer Woche vor der Klinik – das Zusammenstehen für das heimische Krankenhaus demonstrieren sollte. Diesmal bereits mit den neuen Plakaten, die die Bürgerinitiative angefertigt hatte.

Für den Abend hatte der Landkreis Bürgermeister und führende Politiker zum einem Gespräch über die Kliniken nach Syke eingeladen – das war wieder nichtöffentlich.

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