Angebote für den Landkreis Diepholz

Sexuelle Gewalt an Kindern: Beratungsstelle Papillon weiß für 2019 von 21 Fällen

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Jane Burgdorf arbeitet in der Beratungsstelle Papillon mit Kindern und Jugendlichen, die sexuelle Gewalt erleiden mussten. In vielen Fällen hilft auch Werner Käding vom Weißen Ring.

Twistringen - Die Beratungsstelle Papillon hilft Kindern und Jugendlichen, die sexuelle Gewalt erleiden müssen. Aufklärung ist enorm wichtig, sagt Jane Burgdorf als Mitarbeiterin der Einrichtung.

Im Interview erläutert sie, wie viele Kinder und Jugendliche betroffen sind – und wie Papillon mit dem Weißen Ring zusammen arbeitet.

Frau Burgdorf, wie viele Fälle von sexuellem Missbrauch an Kindern sind Ihnen in diesem Jahr bekannt geworden?

Bis zum jetzigen Zeitpunkt sind uns bei Papillon insgesamt 21 Fälle von sexueller Gewalt im Landkreis Diepholz bekannt.

Wie alt war das jüngste Kind?

Das jüngste Kind, das in diesem Jahr mit seiner Mutter unsere Beratungsstelle aufgesucht hat, war gerade mal drei Jahre alt.

Kommt nicht nur ein Bruchteil der Fälle ans Tageslicht? Wie hoch ist die Dunkelziffer?

Die Fälle, die ans Tageslicht kommen, sind nur die Spitze des Eisberges. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) geht davon aus, dass jährlich bis zu einer Million Kinder in Deutschland von sexueller Gewalt betroffen sind, was wiederum bedeutet, dass statistisch gesehen in jedem Klassenzimmer ein bis zwei Schülerinnen und Schüler sitzen, die von sexueller Gewalt betroffen sind.

Der Titel Ihres Vortrags heißt „Kinder schützen!“. Ist es überhaupt möglich, Kinder vor sexueller Gewalt zu schützen?

Es ist nicht möglich, Kinder zu 100 Prozent vor sexueller Gewalt zu schützen. Dennoch können wir Erwachsene eine Menge dafür tun, damit sexuelle Gewalt an Kindern häufiger und früher erkannt wird. So ist es meines Erachtens beispielsweise wichtig, dass sich viel mehr Menschen mit dieser Thematik auseinandersetzen und sich darüber bewusst werden, dass sexuelle Gewalt an Kindern auch heute noch tagtäglich in unserer Gesellschaft stattfindet. Wir müssen in uns kultivieren, dass sexuelle Gewalt keine Ausnahmeerscheinung ist. Wenn dieses Bewusstsein in viel mehr Menschen bestehen würde, wäre damit ein wichtiger Schritt getan, um zum Beispiel betroffenen Kindern die Möglichkeit zu geben, sich vermehrt Erwachsenen anvertrauen zu können. Kinder haben sehr feine Antennen dafür, wer sie ernst nimmt und wer nicht.

Ist die Strategie eines Täters erkennbar?

Die Strategien, die die Täter und Täterinnen anwenden, um Kindern sexuelle Gewalt anzutun, sind auf den ersten Blick oft nicht zu erkennen, da die Übergriffe in den meisten Fällen geplant und strategisch vorbereitet werden. Doch schaut man genauer hin, ist beispielsweise zu erkennen, dass sich die Täter und Täterinnen insbesondere kleine Kinder oder eben Kinder aussuchen, die über wenige Sozialkontakte verfügen, sich ungeliebt fühlen, schüchtern und / oder ängstlich sind. Diese emotionale Bedürftigkeit dieser Kinder wird gezielt ausgenutzt, um zu ihnen ein sehr enges Vertrauensverhältnis aufbauen zu können. Ist dann erst einmal eine „vertrauensvolle Freundschaft“ entstanden, nutzen die Täter und Täterinnen diese aus. Sie stellen schrittweise immer mehr Körperkontakt zu den Kindern her, sexualisieren die Kontakte, bis das Kind letztendlich sexuell missbraucht wird – und dies oft über Jahre hinweg. Diese perfide Vorgehensweise führt dazu, dass in vielen Fällen sexuelle Gewalt an Kindern unentdeckt bleibt. Denn zum einen können Kinder die von den Tätern und Täterinnen angewandten Strategien nicht durchschauen und sich selbstständig aus der sexuellen Gewalt befreien. Zum anderen scheint durch die entstandene „vertrauensvolle Freundschaft“ für Außenstehende ja alles in „bester Ordnung“ zu sein.

Sie arbeiten mit dem Weißen Ring zusammen, um den Opfern zu helfen. Wie funktioniert das?

Dies funktioniert beispielsweise so, dass die Betroffenen zu uns in die Beratungsstelle kommen und sich von uns psychologisch beraten lassen. Innerhalb dieser Beratungen stellt sich häufig dann die Frage, ob eine Strafanzeige gestellt werden soll oder nicht und welche Rechte das betroffene Kind hat. In diesen Fragen kann der Weiße Ring Hilfestellungen leisten, auf die wir dann auch hin und wieder zurückgreifen, wenn die Betroffenen es wünschen. Der Weiße Ring kann zum Beispiel auch die Begleitung zu Terminen bei Polizei, Staatsanwaltschaft und Gericht übernehmen und für Betroffene Hilfeschecks für eine kostenlose anwaltliche Beratung ausstellen. Darüber hinaus besteht die Möglichkeit, durch den Weißen Ring Erholungsmaßnahmen für die Betroffenen zu finanzieren. Durch gemeinsame Aufklärungsarbeit in Form von Vorträgen wollen wir auf unsere Hilfsmöglichkeiten aufmerksam machen.

Die Beratungsstelle soll von Diepholz in das St.-Annen-Stift Twistringen im Herzen des Landkreises Diepholz umziehen. Wann geschieht das, und was werden Sie dort anbieten?

Der genaue Zeitpunkt unseres Umzuges steht nicht fest, aber wenn alles klappt, soll dieser bis zum Ende des Jahres vollzogen sein. Vor Ort werden wir unser jetziges Angebot, welches gegenwärtig vor allem durch die Beratungsarbei t gekennzeichnet ist, weiterhin anbieten und erweitern. So wird beispielsweise die Präventionsarbeit weiter ausgebaut und Fortbildungen angeboten werden.

Zur Info: Vortrag in Barnstorf

Unter dem Titel „Kinder schützen! – (Wie) kann man Kinder vor sexueller Gewalt schützen?“ bietet die Beratungsstelle Papillon am Donnerstag, 24. Oktober, ab 18.30 Uhr einen Vortrag im Barnstorfer Rathaus ein. Die Teilnahme ist kostenlos. Für die Planung wünschen sich die Veranstalter eine Anmeldung unter 05441/976 2826 oder per E-Mail unter Jane.Burgdorf@diepholz.de.

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