„Hundewetter“ im Diepholzer Theater

Seelenstriptease und Boulevard voller Energie

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Gabriele (Judith Hoersch, l.), der Kellner (Daniel Morgenroth) und Lulu (Lene Wink, r.) nehmen sich des Nervenzusammenbruchs von Helene (Marion Kracht) an.

Diepholz - Von Simone Brauns-Bömermann. Es ist leichter, den Spiegel, der nicht immer das zeigt, was man sich wünscht mit viel Humor vorgehalten zu bekommen. Deshalb geht man in Stücke wie „Hundewetter“ von Brigitte Buc.

In Diepholz kommt das Boulevard-Stück mit rasantem Sprachwitz und letztlich klugem Humor mit Schauspielerin Marion Kracht in der Hauptrolle auf die Bühne. Quasi als Astronautennahrung, konzentriert, portioniert und einigermaßen verdaulich für die rund 380 Besucher am Freitagabend im Theater.

Wer kennt es nicht: Das Schicksal der taffen Businessfrau, die Beruf, Kinder und Haushalt bestens meistert und dabei noch blendend aussieht? Diese Rolle spielt Marion Kracht voller Herzblut. Als Helene beweist sie vollen Körpereinsatz, Witz und Humor. Dazu kommt die flippige Dessouladen-Besitzerin Lulu, gespielt von Lene Wink. Alleinerziehend und lebensbejahend, sind ihr scheinbar alle Konventionen egal. Nur nach Gabrieles Schicksal, die von Judith Hoersch verkörpert wird, gelüstet eher weniger, denn der Single ist verschlossen, auf Valium und trotzt der Jugend und Erziehung.

Was sich im Hinterzimmer eines kleinen Cafés in Berlin bei strömendem Regen, einem echten Hundewetter, entspinnt, ist Seelenstriptease. Hinter der intakten und typbezogenen Fassade befinden sich unzufriedene, teils traurige Frauen. Der Alkohol und der Joint wirken als Makulatur-Entferner der feinsten Art, denn ist die Perücke erst runter, der Kakao über dem Sakko und die Dessous-Westentaille gefallen, kann man sich die Wahrheiten ruhig um die Ohren hauen. Schließlich hat jede der drei so unterschiedlichen Frauen ihre Probleme und Sorgen.

Der Kellner ist ein Frauenhasser

Dabei spielt Daniel Morgenroth den Beobachter. Er ist der Kellner im Café und outet sich schnell als Frauenhasser. Er hält lieber Abstand: „Solche Tussis wie euch, sollte man sich vom Hals halten.“ Dahinter steckt ein trauriger verlassener Ehemann und Vater, dessen Weltbild auch zerbrochen ist. Was vor seinen Augen als frauentypische Zickerei beginnt, entwickelt sich zu einer Schicksalsgemeinschaft. Nicht in der Art einer Selbsthilfegruppe mit ähnlicher Problemlage, sondern zur echten Auseinandersetzung mit den Problemen jeder Einzelnen.

Klar, Helene als Hauptakteur nimmt den größten Part ein. Aber mit etwas Geduld, kommen die anderen zwei Frauen auch an die Reihe, gerade passend, wenn man wähnt: „Oh, nö, nicht nur eine hat Probleme.“ Die große Klammer, warum das überhaupt funktioniert und das Trio nicht schon längst wieder auseinander rennt, ist das Hundewetter. Das kommt den drei Frauen aber auch zu Passe, denn die Fässer ihrer Lebensmodelle sind bereits am Überlaufen.

Der erste Cognac: Zwischen Heulkrampf und Wutanfall

Helene, kurz vor dem Burnout mit Funktionier-Messlatte in Wolkenkratzerhöhe, pendelt schon nach dem ersten Cognac zwischen Heulkrampf und Wutanfall, Amnesie und körperlichem Versagen. Lulu sieht ihr Leben pragmatisch: „Ich führe ein Abenteuerleben ohne Zukunft.“ Gabriele resümiert ihr junges Leben: „Never explain, never complaints.“ Sie meint damit die Eltern, die durch Abwesenheit geglänzt haben. Sie lügt sich erst in die Mütterrunde, hat aber keine Kinder und immer die schlechten Kerle, wie sie meint.

Die Frauen waschen sich die Köpfe, auch wörtlich, und kommen zu dem Schluss: Das moderne Leben ist Quatsch. Mit Carlo versuchen sie sich in der Poesie des Unnützen. Sie tanzen, vertrödeln die Zeit und schlafen auf dem Boden. Das Hundewetter ist erst vorbei, als Marion Kracht den Karibikschirm der Abstellkammer aufspannt und prognostiziert: „Gut möglich, dass wir noch einen schönen Herbst bekommen.“ Zum Prince-Klassiker „Purple Rain“ sieht die Zukunft dann am Ende des Theaterstückes rosig aus, auch wenn Lebensentwürfe über Bord gegangen und weil Fehlentscheidungen revidiert worden sind.

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