Schutzkonzept: Professionelle Aufklärung  im Verdachtsfall  / Neues Projekt

Schnelle Hilfe bei sexueller Gewalt

„Wir sorgen dafür, dass ein schweres Thema leicht wird“, sagt Stefan Freck (l.), hier mit seinen Kollegen Ingelore Groß, Inka Stenzel-Fürle und Heinz Schulenberg.
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„Wir sorgen dafür, dass ein schweres Thema leicht wird“, sagt Stefan Freck (l.), hier mit seinen Kollegen Ingelore Groß, Inka Stenzel-Fürle und Heinz Schulenberg.

Landkreis Diepholz. Immer öfter muss die Polizei wegen Kinderpornografie ermitteln. Die Zahl der Fälle stieg im Landkreis Diepholz in nur einem Jahr von 55 auf 80 – ein Plus von 45,5 Prozent, wie aus der Kriminalstatistik 2020 der Polizeiinspektion Diepholz abzulesen ist. Laut bundesweiter Erhebung sind deutschlandweit mehr als 14  500 Kinder Opfer von Missbrauch geworden.

Nur die Spitze des Eisbergs

Doch das ist nur die Spitze des Eisbergs: „Experten vermuten, dass die Dunkelziffer 20-Mal höher liegt“, sagt Stefan Freck von Sprachlos in Weyhe, der Fachberatungsstelle bei sexualisierter Gewalt. Demnach wären rund 280 000 Kinder betroffen.

Mit Unterstützung des Präventionsrates Niedersachsen startet Sprachlos ein ganz besonderes Projekt: die Entwicklung eines passgenauen Schutzkonzeptes für Kindertagesstätten, Schulen, Wohnheime oder andere institutionelle Einrichtungen der Jugendhilfe. Dort sollen speziell geschulte und beauftragte Mitarbeiter bei Hinweisen oder Verdachtsfällen sofort einschreiten und auf professioneller Basis für Aufklärung sorgen, wenn Nähe und Distanz nicht mehr im richtigen Verhältnis stehen.

Zum Beispiel, wenn die Körperübungen einer Lehrkraft mit Schülern Eltern irritieren. Solche Fälle zu hinterfragen, sei ihr gutes Recht: „Ich als Elternteil möchte, dass es meinem Kind in der Einrichtung gut geht“, sagt Freck. Diese Sicherheit soll das institutionelle Schutzkonzept ermöglichen.

Sexuelle Gewalt komme in allen Gesellschaftsschichten vor, weiß der Fachberater – und genauso: „Falschmeldungen kommen vor, aber sie liegen im einstelligen Prozentbereich.“ Natürlich stelle sich ein Verdacht auch mal als unbegründet heraus, „aber dass gar nichts ist, kommt selten vor“. Deshalb müsse man in Einrichtungen wie Kindertagesstätten, Behindertenwohnheimen oder Schulen genau hinschauen. Freck erinnert an den Missbrauchsskandal der Odenwaldschule: „Wir sind nicht nur bei der Kirche...“

Gibt es Hinweise auf sexuelle Gewalt in Wohnheimen oder bei Freizeiten, sind Mitarbeiter in den Jugendhilfeeinrichtungen viel zu oft überfordert. „Aufgeklärt statt aufgeregt“ will genau das ändern. Mit einem Zuschuss bis zu 20 000 Euro fördert der Landespräventionsrat dieses Projekt, dessen Leitung Freck hat.

Vier Jugendhilfeeinrichtungen aus dem Landkreis – Kitas, Schulen, Wohnheime – können teilnehmen. „Sprachlos erstellt mit den Trägern ein passgenaues Kinderschutzkonzept“, heißt es dazu in einem Arbeitspapier. „Dabei ist die Ausbildung von je zwei trägerweiten oder einrichtungsspezifischen Präventionsfachkräften, eine fachliche Begleitung in Entscheidungsfindung, Planung des Prozesses und der Kick-Off Workshop mit einer partizipativen Arbeitsgruppe Teil des Projektrahmens.“

Fachlich fundiertes Konzept

Bis zum Jahresende wollen die Mitarbeiter von Sprachlos mit den Vertretern aus den vier Einrichtungen dieses fachlich fundierte Konzept erarbeiten. „Wir starten den Motor und befüllen den Tank“, formuliert es Freck. Die Erarbeitung des Schutzkonzeptes (Eltern und Jugendliche sollen beteiligt werden) ist so strukturiert, dass ein Rädchen ins andere greift. „Rädchen brauchen einander“, fügt Freck hinzu. „Es braucht etwa ein Jahr, bis alles funktioniert.“ Dann könnten Hinweise auf Grenzverletzungen vor Ort professionell abgearbeitet werden. Andererseits soll das Schutzkonzept auch die Fürsorge für Mitarbeiter sicher stellen, wenn sie einem Verdacht ausgesetzt sind: „Es ist ein sicherer Rahmen zur Klärung von Vorwürfen.“

In der Zukunft soll es zum Standard von Jugendhilfeeinrichtungen gehören – jedoch erst, wenn es auf seine Wirksamkeit überprüft worden ist, sprich evaluiert. Freck glaubt, dass die Entwicklung eines solch wichtigen Konzepts in einer Einrichtung intensive Arbeit bedeutet. Er ist überzeugt davon, dass sich der Aufwand auch in Zeiten großer Arbeitsdichte lohnt. Deshalb zitiert er ganz bewusst: „Wenn du keine Zeit hast, nimm dir am Anfang ganz viel davon.“ Wenn das Konzept später laufe, spare man in einem Verdachtsfall viel Zeit. Vor allem aber: „Niemand braucht dann mehr in Panik zu verfallen.“

Weitere Informationen

Jugendhilfeeinrichtungen, die am Projekt teilnehmen möchten, bewerben sich beim Projektleiter per E-Mail an stefan.freck@sprachlos-ev-beratung.de

Von Anke Seidel

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