Wenn es schnell gehen muss

Rettungshubschrauber im Landkreis Diepholz: Nicht immer nehmen sie Patienten mit

Christoph 4 kann mittlerweile mehr als 70 000 Einsätze vorweisen. Damit zählt der in Hannover stationierte Rettungshubschrauber zu den einsatzstärksten in ganz Deutschland.
+
Christoph 4 kann mittlerweile mehr als 70 000 Einsätze vorweisen. Damit zählt der in Hannover stationierte Rettungshubschrauber zu den einsatzstärksten in ganz Deutschland.

Unfälle passieren. Immer dann, wenn potenzielle Lebensgefahr besteht, ist ein Rettungshubschrauber (RTH) eine Option. Aber nicht immer nimmt das Personal den Patienten auch mit. Experten klären auf.

Landkreis Diepholz – Die Besatzung eines Rettungshubschraubers besteht aus drei Personen: Notarzt, Pilot und HEMS-TC. Ein HEMS-TC ist ein speziell ausgebildeter Notfallsanitäter (Helicopter Emergency Medical Services Technical Crew Member, übersetzt in etwa medizinisch und technisch ausgebildetes Besatzungsmitglied eines Rettungshubschraubers). Volker Hubrich ist HEMS-TC des in Hannover stationierten Christoph 4. Mit mehr als 70 000 Einsätzen ist der einer der einsatzstärksten RTH in ganz Deutschland. „Ich bin Sanitäter am Boden und in der Luft arbeite ich im Cockpit“, beschreibt Hubrich seine Aufgaben als HEMS-TC. Er ist sozusagen medizinisches Personal und so etwas wie ein Co-Pilot in einem.

Volker Hubrich ist ein erfahrener HEMS-TC. Er leitet die Station des Christoph 4.

In seinen 30 Jahren als rechte Hand von Pilot und Notarzt sei ihm im Laufe der Zeit zwar die Nervosität abhandengekommen, wenn eine Alarmierung reinkommt: „Adrenalin gibt‘s nicht mehr.“ Aber gerade die ersten Minuten seien trotzdem noch Stress pur und voller Konzentration. „Wir haben den Anspruch, in zwei Minuten in der Luft zu sein“, erklärt er. Um das zu schaffen, müssen Automatismen verinnerlicht sein und die Handgriffe aller perfekt sitzen. Hubrich: „Alles muss harmonisch laufen. Unsere erste Priorität ist es, sicher in die Luft zu kommen.“ Deswegen dürfe der Notarzt, der keine spezielle Flugausbildung hat, in dieser Zeit auch nichts sagen, „es sei denn, er sieht etwas, das dem Hubschrauber gefährlich werden könnte“.

Nach dem Flug folgt die Landung. „Die ist das Schwierigste“, meint Volker Hubrich, „weil wir meistens in unbekanntem Gebiet sind.“ Da müsse der Pilot gemeinsam mit dem HEMS-TC schauen, welche Hindernisse es gibt. „Wir schauen, was im Weg sein könnte – zum Beispiel Hochspannungsleitungen – und was kaputt gehen könnte. Dafür braucht man Erfahrung.

Rettungshubschrauber im Landkreis Diepholz: Fünf mögliche Szenarien bei Einsatz

Wenn der Hubschrauber am Boden ist, dann geht der medizinische Teil des Einsatzes los. Der Pilot bleibt beim Helikopter und ist startbereit, während Notarzt und HEMS-TC sich auf den Weg zum Patienten machen. Dort angekommen sorgen sie dafür, dass der Patient bestmöglich versorgt wird. Danach entscheidet sich, wie das medizinische Personal weiter vorgeht. Es gebe fünf mögliche Szenarien: 1. Der Patient ist bereits tot oder verstirbt noch am Unfallort. 2. Die Verletzungen sind so harmlos, dass der Patient entlassen wird und selbstständig nach Hause darf. 3. Der Patient kommt per Rettungswagen (RTW) in ein Krankenhaus und der Notarzt aus dem RTH begleitet ihn nicht. 4. Der Patient kommt per RTW in ein Krankenhaus und der Notarzt begleitet ihn. 5. Der Patient kommt per Rettungshubschrauber in eine Klinik.

Die ersten drei Szenarien bedeuten für das Personal des RTH, dass der Einsatz beendet ist. Sie treten den Rückflug zum Standort an und melden sich wieder einsatzbereit. Bei den letzten Szenarien sieht das anders aus.

Die Leitstelle entscheidet: Faktoren für Rettunghubschrauber-Einsatz

Rettungshubschrauber (RTH) haben eine allem übergeordnete Aufgabe: „Grundsätzlich wollen wir Menschenleben retten“, sagt Konstantin Muffert, Pressesprecher der DRF Luftrettung. Deswegen sei die primäre Aufgabe der niedersächsischen Luftrettung, den Notarzt so schnell wie möglich zum Einsatzort zu bringen. So steht es auch in der Handlungsempfehlung zur Disposition von Luftrettungsmitteln, das der Fachverband von Leitstellen herausgegeben hat. Denn die Leitstelle entscheidet, ob sie einen Luft- oder Bodenzubringer zum Einsatzort schickt. Dabei seien drei Aspekte von besonderer Bedeutung:

Ergibt sich ein Zeitvorteil, wenn der Notarzt mit RTH statt mit Notarztwagen (NAW) zum Einsatzort kommt, dann entscheidet sich die Leitstelle eher für einen Hubschrauber. Der NAW sei dabei nicht zu verwechseln mit einem Rettungswagen (RTW), sagt Muffert. Denn: „Nicht auf jedem RTW sitzt auch ein Notarzt.“


Wenn bodengebundene Notarztdienste nicht zur Verfügung stehen, weil sie beispielsweise schon wegen eines anderen zeitgleich passierten Unfalls eingebunden sind, dann alarmiert die Leitstelle ebenfalls den RTH.

Im Niedersächsischen Rettungsdienstgesetz ist festgelegt, dass medizinisches Personal innerhalb vom 15 Minuten beim Patienten sein soll. Wenn absehbar ist, dass das mit einem NAW nicht gelingt, alarmiert die Leitstelle einen deutlich schnelleren und vom Verkehrsaufkommen unabhängigen RTH.

Die Handlungsempfehlung für Leitstellen weist darauf hin, dass das Einsatzspektrum eines RTH unabhängig vom Krankheitsbild ist und nicht nur auf Unfälle und Traumapatienten reduziert werden darf.

Die sekundäre, aber nicht weniger wichtige Aufgabe der Luftrettung ist der Transport des Patienten in ein Krankenhaus. An diesem Punkt gelte es dann immer individuell abzuwägen, was im Einzelfall für den Patienten die beste Lösung ist, so Muffert. Entweder der Boden- oder Lufttransport. Eine Vielzahl von Faktoren spiele dabei eine Rolle: der Zustand des Patienten, der Ort des Einsatzes, die Verfügbarkeit des nächstgelegenen Krankenhauses, die Infrastruktur. Aus all dieser Komponenten leite das medizinische Personal letztlich ab, welcher Transportweg das Mittel der Wahl ist. „Es ist immer eine Abwägung direkt vor Ort“, fasst Konstantin Muffert zusammen.

Besonders Szenario 4 birgt laut Volker Hubrich einige Tücken. „Der Arzt wird von HEMS-TC und Hubschrauber getrennt“, erzählt Hubrich. Und ohne Arzt kann sich der RTH nicht wieder einsatzbereit melden. Wenn der Patient in ein Krankenhaus mit Landeplatz kommt, „dann holen wir den Notarzt einfach ab“, so der HEMS-TC des Christoph 4. Fehlt ein Landeplatz, dann muss der Arzt auf anderem Weg zurück zum RTH. In der Regel bringt ihn in dem Fall ein RTW zurück zur Station des Hubschraubers. Wenn aber gerade keine RTW zur Verfügung stehen, werden unkonventionelle Maßnahmen gewählt: „Zur Not nimmt sich der Notarzt ein Taxi“, erzählt Hubrich. Das sei aber die letzte Option.

Wenn der Patient mit RTH in ein Krankenhaus kommt, dann handele es sich in der Regel um Schwerverletzte oder um Personen, die in eine Spezialklinik müssen. Dann sitzt der HEMS-TC beim Flug vorne beim Piloten, „es sei denn der Notarzt braucht Hilfe“, so Hubrich. Wenn der Patient im Anschluss im Krankenhaus ist, dann meldet sich der Hubschrauber wieder einsatzbereit.

Bei 80 Prozent der Einsätze fliegt der Patient im Rettungshubschrauber mit

Ingo Reckermann ist der Pilot des in Bremen stationierten RTH Christoph Weser. Gemeinsam mit HEMS-TC Torsten Freitag ist der 38-Jährige regelmäßig im Kreis Diepholz im Einsatz. „Der Landkreis ist groß, lang gezogen und ländlich“, sagt Reckermann. Im Gegensatz zu urbanen Gebieten sei die Quote, dass der RTH den Patienten auch mitnimmt, relativ hoch. „In etwa 80 Prozent aller Fälle in Diepholz nehmen wir den Patienten auch mit“, sagt der Pilot. Dabei gelte der Grundsatz, falls die Lage nicht eindeutig sein sollte: „Notfalls fliegen wir immer.“

Dass aber nicht jeder Patient im RTH mitfliegt und dass es vor Ort entschieden wird, zeigen zwei jüngere Beispiele aus dem Landkreis. Eine 33 Jahre alte Motorradfahrerin stürzte bei Asendorf und verletzte sich schwer. Torsten Freitag kommentiert: „Der Patient hatte Mehrfachverletzungen, darunter ein Schädelhirntrauma. Da gibt es dann eine Zeitvorgabe.“ Diese sei in diesem Fall leichter durch den RTH einzuhalten gewesen.

Ein Rettungshubschrauber der DRF Luftrettung in Weyhe-Erichshof: Die Fahrerin eines E-Bikes war unter einem Lkw in der Nähe eines Discounters eingeklemmt. Der Hubschrauber landete auf dem Parkplatz des Marktes.

Ein schwerer Unfall in Weyhe-Erichhof zeigte, dass der Notarzt zwar per RTH kam, der Patient aber am Boden transportiert wurde. Eine Frau stürzte mit einem E-Bike und fiel so unglücklich neben einem Lkw, dass der Fahrer sie im toten Winkel nicht sehen konnte. Der Lkw überrollte die Frau. Sie erlitt mehrere Knochenbrüche, Lebensgefahr bestand nicht, sodass sie mit einem RTW ins Krankenhaus kam.

Hintergrund

Die Rettungshubschrauber in Deutschland tragen den Namen Christoph, weil sie nach dem Schutzpatron, St. Christopherus, der Reisenden benannt sind.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Italien nach Sieg gegen die Schweiz im EM-Achtelfinale

Italien nach Sieg gegen die Schweiz im EM-Achtelfinale

Wales siegt dank Bale und Ramsey - Türkei vor Turnier-Aus

Wales siegt dank Bale und Ramsey - Türkei vor Turnier-Aus

Biden und Putin gehen beim Gipfel in Genf aufeinander zu

Biden und Putin gehen beim Gipfel in Genf aufeinander zu

Leidenschaft reicht nicht: Fehlstart nach Hummels-Eigentor

Leidenschaft reicht nicht: Fehlstart nach Hummels-Eigentor

Meistgelesene Artikel

Archäologen rekonstruieren Unglück im Moor – dank Sandale und Achse

Archäologen rekonstruieren Unglück im Moor – dank Sandale und Achse

Archäologen rekonstruieren Unglück im Moor – dank Sandale und Achse
Beratung über Artenvielfalt: Jeder Stuhrer kann Beitrag leisten

Beratung über Artenvielfalt: Jeder Stuhrer kann Beitrag leisten

Beratung über Artenvielfalt: Jeder Stuhrer kann Beitrag leisten
Opalla: Fristlose Kündigungen waren nicht rechtens

Opalla: Fristlose Kündigungen waren nicht rechtens

Opalla: Fristlose Kündigungen waren nicht rechtens
„Urlaub heißt schweißtreibende Arbeit“

„Urlaub heißt schweißtreibende Arbeit“

„Urlaub heißt schweißtreibende Arbeit“

Kommentare