Westflügel des Diepholzer Schlosses

Sanierung beendet: Schäden des „gescheckten Nagekäfers“ beseitigt

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Der Westflügel des Diepholzer Schlosses ist nun auch saniert. Das Gebälk war – wie das im Turm – vom „gescheckten Nagekäfer“ befallen.

Diepholz - Von Richard W. Bitter. Nun ist auch das Dach des Westflügels am Diepholzer Schloss fertiggestellt. Seit einigen Tagen ist das Gerüst verschwunden, das seit dem Herbst des letzten Jahres den Eingangsflügel umspannte. Der Abchluss der Bau- und Sanierungsarbeiten verzögerte sich, weil in der Holzkonstruktion des Daches die Schäden beseitigt werden mussten, die der „gescheckte Nagekäfer“ hinterlassen hatte.

Die „hungrigen Verwandten“ des Schädlings hatten bereits dem altehrwürdigen Turm zugesetzt und dort verbaute Holzsubstanz umfangreich zerstört (wir berichteten).

Während das zuständige Staatliche Baumanagement in Nienburg die Holzkonstruktion im Schlossturm auf über 55 Grad Celsius erhitzen ließ, um die Käfer abzutöten, wurden beim Westflügel die befallenen Holzsparren und Fußpfetten vollständig beziehungsweise in Teilen ausgetauscht.

Vollständig verfault war der kleine Giebel, der das höhere Dach des Westflügels nach Norden abschließt. An den Giebel unmittelbar angebaut ist das abgewalmte Dach des sogenannten Rittersaales, links von der Durchfahrt. Bevor die Dachdecker dort die neuen Hohlfalzziegel auflegen konnten, mussten noch einmal die Zimmerleute anrücken und den Fachwerkgiebel komplett austauschen.

Die Westflügel-Nordseite des Diepholzer Schlosses kurz vor der Fertigstellung.

Der „gescheckte Nagekäfer“ auch „bunter Pochkäfer“ genannt, ist mit fünf bis sieben Millimetern Körperlänge der größte der in Mitteleuropa beheimateten Anobien. Er ist ein sogenannter Sekundärschädling. Das Käferweibchen sucht für die Eiablage feuchtes und durch Holzpilze vorgeschädigtes Holz. Bis zu 100 Eier legt es in alten Bohrlöcher ab. Nach etwa zwei Wochen schlüpfen die Larven und bohren neue Fraßgänge ins Holz. Die Entwicklung vom Ei bis zum fertigen Käfer dauert zwischen zwei und drei Jahren. Die Larven hinterlassen kreisrunde Bohrlöcher mit einem Durchmesser von zwei bis vier Millimeter. Der ausgewachsene Käfer hat eine Lebenserwartung von nur zwei Monaten. Diese Zeit muss er für die Fortpflanzung nutzen. Um die Aufmerksamkeit von Weibchen auf sich zu ziehen, klopft er mit seinem Kopf bis zu bis zu achtmal pro Sekunde auf das Holz. Dieses Klopfgeräusch geht in den Geräuschen des im normalen Alltags völlig unter. Lediglich in der Stille einer Totenwache wird das Geräusch wahrgenommen und führte zu der volkstümlichen Bezeichnung „Pochkäfer“ beziehungsweise „Totenuhr“.

Ideale Bedingungen für den Käfer

Im Diepholzer Schloss fand der Nagekäfer ideale Bedingungen vor. Der Fachwerkgiebel ist dem Schlagregen ausgesetzt. Das Holzfachwerk war mit Ziegelsteinen ausgemauert und nicht gegen eindringende Feuchtigkeit geschützt. Die ständigen Durchfeuchtungen und die fehlende Möglichkeit der Austrocknung führte zur Vorzerstörung durch Holzpilze. Ein „gefundenes Fressen“ für die Larven des Nagekäfers!

Holzfachwerk besitzt einen systemischen Mangel: Es sind die unterschiedlichen Materialeigenschaften von Holz und Mauerwerkausfachung. Während das Holz je Luftfeuchtigkeit, Einbauzustand und Bewitterung quillt und schwindet, bleibt das Mauerwerk formstabil. In der Folge bildet sich ein Riss zwischen Holz und Mauerwerksausfachung, in den der Schlagregen eindringen kann. Liegt dahinter ein unbeheizter Dachboden – wie im Westflügel des Schlosses – und kann die Feuchtigkeit nicht wieder austrocknen, bleibt das Holz feucht und die Holzschädlinge beginnen ihr zerstörerisches Werk!

Schon der römische Architekt Vitruv hatte die Grundsatzprobleme des Fachwerks erkannt und in seinem Werk „Zehn Bücher über Architektur“ im 2. Buch Kap. 8 den Stoßseufzer formuliert: „Fachwerk, wünschte ich, wäre nie erfunden. Soviel Vorteil es nämlich durch die Schnelligkeit seiner Ausführung [...] bringt, umso größer ist der Nachteil, den es bringt, weil es bereit ist zu brennen wie Fackeln [...] Auch macht das unter Verputz liegende Fachwerk durch die senkrechten und quer liegenden Balken am Verputz Risse.“

Vitruv formulierte seine Erkenntnisse bereits 33 Jahre vor dem Beginn unserer Zeitrechnung. Am grundsätzlichen Problem der Bauweise hat sich in den vergangenen 2000 Jahren nichts geändert.

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