Diepholzerin engagiert sich weltweit

Arbeit für die Welthungerhilfe: „Am Ende des Tages ist es ein Job“

Schuckmann-Honsel in Malawi: Nach einer Flut im März waren viele Menschen auf Hilfe angewiesen. Foto: NICO DAMM
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Schuckmann-Honsel in Malawi: Nach einer Flut im März waren viele Menschen auf Hilfe angewiesen.

Diepholz - Zum Glück hat Sandra Schuckmann-Honsel einen festen Schlaf. Sie muss nur gerade liegen, dann ist sie weg. „Ich hab sogar schon Erdbeben verschlafen“, erzählt sie lachend. Was sich wie ein Scherz anhört, meint die 42-Jährige ernst. Schuckmann-Honsel arbeitet für die Welthungerhilfe.

Durch ihren Job ist sie in die unterschiedlichsten Länder gereist, darunter Syrien, Kenia, Tansania, Mosambik, Sudan, Burundi, Ruanda, Malawi, Uganda, Kongo, Irak oder Nepal. Orte, gebeutelt von Kriegen, Krisen oder Naturkatastrophen. Inzwischen ist sie seit drei Jahren fest angestellt. Und damit habe sie das große Los gezogen, erzählt die 42-jährige Wahl-Diepholzerin. „Ich liebe meinen Job.“ Dort hinzukommen, habe allerdings seine Zeit gebraucht und mitunter auch viel Kraft.

Nach ihrem Studium der Religionspädagogik arbeitete sie sechs Jahre lang als Gemeindereferentin. Parallel studierte sie zusätzlich Erziehungswissenschaften. 2005 habe sie dann da gesessen, erzählt Schuckmann-Honsel. Mit zwei Diplomen in der Tasche und trotzdem unentschlossen, wie es für sie weitergehen sollte.

Sandra Schuckmann-Honsel reist Ende des Monats wieder nach Kenia.

Sie besuchte eine Weiterbildung zum Thema Humanitäre Hilfe, bei der ein Dozent über seine Arbeit beim Internationalen Roten Kreuz erzählte. Er berichtete von Menschen, die unter widrigsten Umständen zu leben hatten und wie es möglich sei, diesen zu helfen. Auch wenn die Thematik zwangsläufig mit Leid in Verbindung steht, habe er es geschafft, den Enthusiasmus rüberzubringen, die schönen Seiten dieser Arbeit deutlich zu machen. Dann wurde ihr klar: „Das will ich auch! Ich dachte, das ist es vielleicht. Und das war’s dann auch.“

Bei einigen Leuten sei sie auf Unverständnis gestoßen, als sie ihren unbefristeten Job kündigte, um einen vagen Traum zu verfolgen. Es dauerte auch noch eine Weile, bis dieser Gestalt annahm. „Ich war zehn Monate arbeitslos. Zum ersten mal eine Lücke im Lebenslauf. Für mich war das nicht normal. Ich habe immer alles sehr linear gemacht.“

Koordinatorentraining bei Humedica absolviert

Doch das Blatt wendete sich, als Schuckmann-Honsel bei einem Münchener Verein namens Humedica, der sich mit Notfallhilfe befasst, ein Koordinatorentraining absolvierte. „Die Arbeit dort basiert auf Freiwilligenbasis“, erzählt die 42-Jährige. Auf dem Rückweg von München erhielt sie eine SMS, dass in Bangladesch ein Zyklon wüte und neben Pharmazeuten und Ärzten ein Koordinator gesucht werde. „Das war Freitagabend – und Montagnacht saß ich im Flieger.“ Die Projektleitung habe sie nicht übernehmen wollen, also sei sie als Administratorin mitgefahren. „Das war ganz gut, von Budgetaufstellungen und Abrechnungen was mitzukriegen. Man bekommt ein Gefühl, wie Kalkulation aussieht, wofür die meisten Gelder rausgehen.“ Der Einsatz dauerte mehrere Wochen. Zu Weihnachten flog sie zurück nach Deutschland. Anschließend sollte der Koordinator noch einmal nach Bangladesch reisen. Als dieser jedoch verhindert war, ist Schuckmann-Honsel eingesprungen. Ins kalte Wasser. „Das war super. Ich war drin. Danach schlossen sich Verträge an. Immer nur zwei oder drei Monate aber das war halt so.“

Sie fuhr mit Humedica nach Haiti, mit den Maltesern nach Vietnam, mit Arche Nova nach Myanmar. Sammelte viel Erfahrung. Wenn der Aufenthalt mal länger als sechs Monate dauern sollte, das war die Abmachung mit ihrem Ehemann, dann würde er mitkommen. Der Aufenthalt in Vietnam dauerte eineinhalb Jahre. „Das war auch gut, dass er mal gesehen hat, wie ich arbeite, was ich da so mache.“ Sie ist dankbar, weiß aber auch: „Man muss flexibel sein, um mit mir zusammen zu sein.“

Viele Einsätze kann Schuckmann-Honsel genießen

Schuckmann-Honsel lacht oft, wenn sie von ihrer Arbeit erzählt. Sie wirkt entspannt. Viele Einsätze könne sie auch genießen. Beispielsweise die paradiesischen Strände in Mosambik. Auch das Stichwort Nepal fällt häufiger. „Wir haben dort eine Bedarfsanalyse gemacht und sind mit dem Zelt von Dorf zu Dorf gezogen. Wenn du da morgens den Reißverschluss aufmachst und dieses Panorama mit den Reisterrassen siehst, ist das schon toll.“

Das Einsatzgebiet sei natürlich ausschlaggebend. Es habe auch Situationen gegeben, in denen sie sich nicht wohlfühlte.

Beispielsweise bei der Fahrt von der Türkei nach Syrien im Jahr 2013. An der Grenze standen Rebellentrupps, die Wegezoll verlangten. Manchmal hätten sie sich an den Hilfsgütern aus dem Lkw bedient, berichtet Schuckmann-Honsel. Es war ihre Aufgabe, mit diesen Menschen zu kommunizieren. „Nicht alleine, da ist noch ein Dolmetscher dabei. Außerdem macht man so was auf neutralem Boden“, erzählt sie. „Ich musste denen dann sagen, dass das nicht geht, dass die Nahrungsmittel für wen anders bestimmt sind.“ Im Endeffekt habe man sich in Absprache mit den Geldgebern geeinigt, den Rebellen einen kleinen Anteil abzugeben. Da auch sie ihre Familien verpflegen müssen.

In Aleppo hörte man die Bomben einschlagen

Selten kommen auch unmittelbar gefährliche Momente vor. Sie erzählt von einer Erfahrung in Aleppo (Syrien). „Wir schliefen im Keller und man hörte die Detonation.“ Auch im Südsudan sei es vorgekommen, dass der Alarm losging, sie ihren sogenannten 48-Hour-Rucksack greifen und in eine Art Container flüchten musste. Während draußen Bomben fliegen, hockt man dann dort. Einige ihrer Kollegen würden eine Art Galgenhumor entwickeln. Sie nennen sich die Bunker-Truppe. Andere hätten Angst, fingen an zu weinen. „So eine Extremsituation ist etwas total Berührendes. Man geht miteinander durch dick und dünn, das schweißt zusammen.“ Ein gutes Team fange vieles auf. Sie berichtet, dass die Kollegen nach so etwas viel miteinander sprechen, sich austauschen, es entwickeln sich intensive Freundschaften. Außerdem bietet ihr Arbeitgeber psychologische Beratung an, die auch sie schon in Anspruch genommen habe.

Doch im Grunde, erzählt Schuckmann-Honsel, fühle sie sich sicher. Es stehe bei der Welthungerhilfe oben auf der Prioritätenliste, die Mitarbeiter zu schützen. Wo es zu gefährlich wird, geht kein Einsatz hin. Das Syrienprogramm wird inzwischen etwa von der Türkei aus gesteuert. Internationale Helfer überqueren nicht mehr die syrische Grenze. „Die Leute denken immer, wir würden zwischen fliegenden Kugeln hin und her springen. So ist das nicht“, erzählt sie weiter. Die Organisation achte darauf, was im Rahmen sei.

24 Stunden Arbeit pro Tag nicht selten

Dennoch ein harter Job: Während eines Einsatzes ist sie quasi 24 Stunden bereit, zu arbeiten. Und mit unter sei sie „gar“, wenn sie etwa im Südsudan den ganzen Tag in der Sonne auf einem Feld steht, um die Essensvergabe zu bewachen. „Dort ist die Infrastruktur so schlecht, dass die Hilfsgüter der UN über einem abgesteckten Feld abgeworfen werden.“ Zu ihrem Job gehört es, die Güter einsammeln zu lassen, zu zählen und gerecht an die Menschen zu verteilen. „Da gibt es auch mal Stress. Das sind oft Menschen, die wurden in Krisensituationen reingeboren, Kinder, die nichts außer Gewalt, Folter und Krieg kennen.“

Während der Phasen, in denen Schuckmann-Honsel nicht arbeitet, entspannt sie in ihrem Zuhause in Aschen (Landkreis Diepholz, Niedersachsen), trifft Freunde und Familie, spielt mit ihrem Hund, arbeitet im Garten. Aber im Grunde kann es immer passieren, dass das Telefon klingelt und sie ihre Koffer packen muss.

Die Welthungerhilfe unterstützt Menschen in Notsituationen. Sowohl durch Entwicklungshilfe als auch Notfallhilfe.

So auch im März dieses Jahres, als der Zyklon Idai, einer der schwersten Tropenstürme auf der Südhalbkugel seit Beginn der Wetteraufzeichnungen, Teile von Malawi und Mosambik lahmlegte, Tausende Menschen das Leben kostete, vielen das Dach über dem Kopf nahm. Doch neben bedrückenden Momenten erlebe sie auch oft überschwängliche Dankbarkeit. Ein nicht materieller Lohn. Es gab dort Menschen, die sich in eine Schule geflüchtet haben, die von den Wassermassen umringt zu einer Art Insel geworden sei. Das Welternährungsprogramm hatte die Menschen zwar mit Nahrung versorgt, es fehlte ihnen jedoch an Sanitäranlagen. „Wir haben mobile Toiletten und Handwaschanlagen verteilt“, erzählt die 42-Jährige. „Die waren extrem dankbar. Das war total schön. Die Leute bekommen dann das Gefühl, dass die internationale Gemeinschaft sie nicht vergisst. Das Gefühl, es kümmert sich jemand um sie.“

Aneinander denken, aufeinander achten

Darin liegt für Schuckmann-Honsel der Ursprung der Hilfe. Aneinander denken, aufeinander achten. Für sie sei das selbstverständlich, sie ist so aufgewachsen und kann sich kaum vorstellen, dass es Menschen gibt, die nicht helfen. „Es gibt ja unwahrscheinlich viele Möglichkeiten. Mann kann zuhören, zupacken oder spenden.“ Außerdem sei die Bandbreite an Einsatzgebieten enorm. Für sie spiele es eigentlich keine Rolle, ob man in Krisengebiete reist, sich in Deutschland um Obdachlose kümmert oder sich im Naturschutz einsetzt. Diese Dinge sollte man nicht gegeneinanderstellen.

Insgesamt ist Schuckmann-Honsel der Meinung, würden Menschen eher bereit zum Spenden sein, wenn sie etwas persönlich betreffe. „Eine Mutter wäre eher bereit, den Kindergartenzaun wieder aufzubauen, als jemand der keine Kinder hat.“ Doch Bezug könne man schaffen, in dem man darüber spricht. „Ich habe mal einen Vortrag bei den Landfrauen über meine Arbeit gehalten“, berichtet sie. Das habe Wirkung gezeigt. Es schaffe Nähe und Glaubwürdigkeit.

Nächstes Ziel: Nairobi

Ende des Monats geht es für Sandra Schuckmann-Honsel nach Nairobi (Kenia). „Wir versuchen, die Landesbüros stärker dahin zu polen, dass sie im Fall einer Katastrophe besser vorbereitet sind. Dann können wir schneller und effizienter agieren, wenn was passiert.“

Schuckmann-Honsel liebt ihren Job. Das betont sie immer wieder. Es werde nie langweilig, man sehe schnell Ergebnisse. In einem Team Lösungen zu finden, dank derer Menschen bedrohliche Situationen überleben, sei ein befriedigendes Gefühl.

Trotzdem bleibt sie bescheiden. Fällt das Wort „Mut“, lenkt Sandra Schuckmann-Honsel. „Ich finde das schwierig. Denn ich werde bezahlt. Am Ende des Tages ist es ein Job.“

Hintergrund: Die Welthungerhilfe

Der Verein Deutsche Welthungerhilfe hat sich im Jahr 1962 gegründet. Die Hilfsorganisation der Entwicklungszusammenarbeit und der Nothilfe war seit der Gründung in 70 Ländern, in Afrika, Asien und Lateinamerika, aktiv. Der Hauptsitz der Welthungerhilfe befindet sich in Bonn. Öffentliche Geldgeber sind das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP), das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), die EU-Kommission und das Auswärtige Amt. Der Verein ist zudem auf Spenden angewiesen.

Der World Humanitarian Day 2019

Der Tag der humanitären Hilfe wird jedes Jahr zum Gedenken an die Toten und Verletzten des Anschlages auf das UN-Hauptquartier in Bagdad am 19. August 2003 begangen. Damals wurden laut UNO-Flüchtlingshilfe 22 UN-Mitarbeiter getötet und über 100 verletzt. Humanitäre Hilfe grenzt sich von Entwicklungshilfe dahingehend ab, dass sie in akuten Notsituationen das Überleben sichert. Durch medizinische Versorgung, Nahrung, Wasser oder Behausung. Entwicklungshilfe ist ein langfristiger Prozess, der auf dem Konzept der nachhaltigen Verbesserung und der Hilfe zur Selbsthilfe basiert.

Die Welthungerhilfe im Detail

Der Verein Welthungerhilfe hat sich im Jahr 1962 gegründet. Die Hilfsorganisation der Entwicklungszusammenarbeit und der Nothilfe war seit der Gründung in 70 Ländern - in Afrika, Asien und Lateinamerika - aktiv. Der Hauptsitz der Welthungerhilfe befindet sich in Bonn.

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