Landvolk-Vorsitzende im Interview

Frust in der Landwirtschaft – über Rote Gebiete und ständig neue Regeln

Ein Trecker fährt im Hintergrund an einem Getreidefeld entlang. Die Portraits von Theo Runge (links) und Christoph Klomburg bilden den Vordergrund der Montage.
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Zwischen Tradition und Moderne muss die Landwirtschaft (wie hier in Bruchhausen-Vilsen) einen Weg finden. Theo Runge (links) und Christoph Klomburg keine einfache Angelegenheit.

Sie ist unverzichtbar, aber heftig umstritten – und sie kämpft ums Überleben, muss immer wieder neue politische Vorgaben umsetzen: Die Landwirtschaft ist eine Branche im Umbruch. Im Doppelinterview erklären die Landvolk-Vorsitzenden Theo Runge (Grafschaft Diepholz) und Christoph Klomburg (Mittelweser), was aktuell besonders schwierig ist und wo sie trotz allem Chancen sehen. Die Fragen stellte Anke Seidel.

  • Landwirte fühlen sich von Gesellschaft und Politik oft missverstanden.
  • Landvolk-Vorsitzende beklagen, dass keine Zeit ist, Regeln umzusetzen, ehe diese wieder verändert werden.
  • Wirtschaftlich kämpfen viele Höfe ums Überleben.
Steht die Landwirtschaft vor dem größten Umbruch seit Jahrhunderten – oder zumindest seit der Erfindung des Kunstdüngers?
Theo Runge: Die Landwirtschaft steht seit jeher in einer Entwicklung. Stillstand ist uns Landwirten fremd. Neue Techniken, neue Erkenntnisse und neue Anforderungen von Markt und Gesellschaft halten den Berufszweig immer in Bewegung. Das ist auch gut so, nur darf es eben nicht zu Brüchen kommen. Denn Bruch bedeutet immer, dass etwas Schaden nimmt. Leider stehen wir vor einem solchen Bruch, denn was Gesellschaft und Politik wollen, ist häufig in sich nicht schlüssig, fachlich nicht unterlegt und in einem Tempo, dass jede positive Entwicklung abschnürt.
Christoph Klomburg: Einen stetigen Wandel gibt es schon immer. Die eine Landwirtschaft von früher gibt es daher auch nicht. Durch wissenschaftliche Herangehensweisen lernen Landwirte im Acker- wie auch im Tierbereich immer dazu und konnten daher immer effizienter und ressourcenschonender ihre Produktivität steigern. Dadurch ist es möglich, Lebensmittel mit hoher Qualität und Sicherheit mit einem erschwinglichen Preis zu produzieren und dabei immer mehr Umweltleistungen zu erbringen. Der besagte große Umbruch ist aktuell in Deutschland ein rein politischer Akt. Die Berliner Politik findet es aktuell „hip“, möglichst viel Fläche zu extensiveren. Sei es durch Umschichtung von Ausgleichszahlungen (Subventionen) hin zu kostenintensiven Auflagen oder einer Vielzahl von Verboten und Änderungsauflagen in der Produktion. Aktuell ist es das beschlossene Aktionsprogramm Insektenschutz, welches Flächeneigentümer wertmäßig enteignet, und Bewirtschafter sollen die Quadratur des Kreises möglich machen. Dem Insektenschutz ist man dadurch keinen Schritt näher gekommen.
Wie sieht Ihr Idealbild der modernen Landwirtschaft aus?
Christoph Klomburg: Das Idealbild bleibt leider nur ein Bild. Die Betriebe müssen von ihrer Arbeit leben beziehungsweise überleben können und dies nicht durch Ausbeuten der eigenen Arbeitskraft oder mit Verlust des eigenen Vermögens finanzieren. Aktuell gibt es viele Betriebe, bei denen die Schulden wachsen, und es gibt andere Betriebe, die sechsstellige Summen investieren müssen, nur um weiter wirtschaften zu dürfen. Dies führt zu erheblichem Frust bei der Landlust!
Theo Runge: Das Idealbild entwickelt sich ebenfalls und ist nicht starr. Momentan würde ich es so beschreiben: Moderne Landwirtschaft produziert hochwertige und erschwingliche Lebensmittel, um die Bevölkerung zu ernähren. Sie schützt und fördert Natur und Umwelt und erbringt wesentliche Leistungen zum Klimaschutz. Sie entwickelt das Tierwohl für die Nutztiere stetig weiter und sie sorgt dafür, dass die Landwirte ein gutes wirtschaftliches Auskommen haben und als Familienbetriebe vor Ort weiterhin das soziale Leben im ländlichen Raum gestalten und erhalten.
Führt der Niedersächsische Weg direkt dorthin?
Theo Runge: Der Niedersächsische Weg führt in Teilen dahin, wenn es um die Vereinbarkeit von starker heimischer Landwirtschaft und Umweltschutz geht. Er ist aber vor allem eine Blaupause, wie überhaupt der Weg beschritten werden sollte: miteinander, im Dialog und wenn nötig im Kompromiss. Vor allem schreibt er einen finanziellen Ausgleich fest, für Maßnahmen, die Landwirte für zusätzliche Umweltleistungen erbringen.
Christoph Klomburg: Der gemeinsam mit Landespolitik und Umweltverbänden vereinbarte und zukunftsweisende Weg hilft allen, wenn er nicht von Berlin und Brüssel über das Ordnungsrecht konterkariert werden und immer weiter ausgehöhlt würde, bis er irgendwann in der Bedeutungslosigkeit verschwindet.
Sind die immer wieder kritisierten Roten Gebiete ein Stolperstein oder gar eine Fallgrube?
Christoph Klomburg: Bislang hat die Landwirtschaft nach neuen Erkenntnissen immer darauf reagiert und in Zusammenarbeit mit der Politik, einen tragbaren Lösungsweg gefunden. Die Düngeverordnung von 2017 ist da ein gutes Beispiel. Die Roten Gebiete sind wiederum nur noch unfair und ziehen nur die Landwirtschaft als Verursacher in Betracht. Die Landwirte würden es gerne ändern, können dies aber nicht, da sie in einem realitätsfernen und abstrakten Gebilde wirtschaften. Daher eher Fallgrube als Stolperstein.
Theo Runge: Die Roten Gebiete zeigen, wie es nicht geht. Die Einteilung basiert auf fachlich fragwürdigen Daten, die Folgen für Ertrag, aber auch für Klima und Umwelt, werden nicht abgeschätzt. Sinnvolle Wege des Grundwasserschutzes werden ausgeblendet.
Der Klimawandel betrifft uns alle. Wo spüren Sie seine Auswirkungen?
Theo Runge: Die Dürresommer, aber auch Extremwetterereignisse wie Starkregenfälle sind klare Folgen, die uns vor Ort bereits jetzt treffen. Pflanzenzüchtung, Beregnung, optimiertes Bodenmanagement sind Mittel, um uns besser zu wappnen. Die heimische Landwirtschaft arbeitet jetzt bereits sehr klimaeffizient, wir können nicht nur CO2 vermeiden, sondern auch vorhandene Klimagase binden.
Christoph Klomburg: Was alle betrifft, können auch nur alle lösen. Ich warne ausdrücklich davor, die Landwirtschaft zu einer Art Ausgleichskonto für andere Klimasünden machen zu wollen. Landwirtschaft kann sich anpassen, dafür muss es zukünftig aber auch noch wirtschaftende Betriebe geben. Aktuell ächzen die Betriebe mehr unter der Berliner Politik, als einem zukünftigen Klimawandel.
Wenn die Temperaturen immer weiter steigen: Wäre der Anbau von Paprika, Auberginen & Co im Freiland eine Option für niedersächsische Landwirte.
Theo Runge: Im Einzelfall sicherlich, es gibt ja auch erste Weinberge in Niedersachsen. Doch neben dem Klima spielt die Bodenqualität eine Rolle, die vielerorts nicht dem Standard für Gemüse entspricht. Auch mit wärmerem Klima werden die Deutschen weiter in Masse Fleisch, Kartoffeln und Getreide konsumieren, wage ich zu prognostizieren.
Christoph Klomburg: Wenn es möglich ist, wird es auch irgendjemand versuchen.
Wenn Sie einen Wunsch für die Landwirtschaft frei hätten: Welcher wäre das?
Theo Runge: Fünf Jahre Ruhe. Es gibt viele Änderungen und Anforderungen, die es jetzt umzusetzen gilt. In der Düngung, bei der Bewältigung des Klimawandels, in der Nutztierhaltung. Wenn man die Landwirte jetzt einfach mal machen lassen würde, wäre viel gewonnen und wir würden sehen, wo ideologisch basierte Zielvorgaben nicht funktionieren. Dort müssten wir dann schnellstens nachjustieren, um den jungen Landwirten eine Zukunftsperspektive zu geben.
Christoph Klomburg: Mein Wunsch wäre eine Politik, die mit Wissenschaft und Fakten gegen populistische Forderungen eintritt und dies dann auch entsprechend durchsetzt.

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