Landwirte in Existenznöten 

5 D: Rettung für Schweinehalter?

Nadine Henke mit einem D in der Hand: Der Handel soll zuerst Produkte von Schweinen anbieten, die in Deutschland geboren, aufgezogen, gemästet, geschlachtet und verarbeitet worden sind. Eine unübersehbare Deklaration auf der Ware soll das ausflaggen.
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Nadine Henke mit einem D in der Hand: Der Handel soll zuerst Produkte von Schweinen anbieten, die in Deutschland geboren, aufgezogen, gemästet, geschlachtet und verarbeitet worden sind. Eine unübersehbare Deklaration auf der Ware soll das ausflaggen.

Landkreis  Diepholz. „Knaller!“ steht in dicken roten Lettern über dem „Aktionspreis“ von 4,99 Euro. Dafür bekommt der Kunde im Supermarkt ein Kilo Kasseler Lachsbraten. Aber: Nur magere 21 Euro erhält ein Landwirt für das 25-Fache dieses Gewichts. So viel kostet zurzeit ein Ferkel, wenn es den Zuchtbetrieb verlässt und in den Stall des Mästers kommt.

Genau der erhält am Ende 1,24 Euro pro Kilo Schlachtgewicht – Schweinepreise, die Landwirte in Angst und Schrecken versetzen.

„Die Differenz war noch nie so groß!“, vergleicht Landwirt Jürgen Langhorst aus Diepholz das, was er und seine Berufskollegen für ihre Tiere erhalten, mit dem Preis, den der Verbraucher im Handel zahlt. „Die Krise ist eigentlich eine Katastrophe“, stellt sein Kollege Heinrich Henke in aller Deutlichkeit klar. Der Ferkelerzeuger aus Bruchhausen-Vilsen sieht die Zukunft seines Familienbetriebs durch den andauernden Tiefpreis für die Erzeuger von Schweinefleisch akut gefährdet.

„So geht es nicht weiter“

„Wir halten 1 250 Sauen nach den hohen deutschen Tierschutz- und Umweltstandards. Aber so geht es nicht weiter“, sagt Heinrich Henke (51), der den Betrieb mit einer Frau Nadine (42) führt. Sie betont: „21 Euro pro verkauftem Ferkel ist so wenig, dass wir Verlust machen. Wir legen pro Ferkel 35 Euro drauf. Wir zahlen Geld dafür, dass wir unsere Arbeit machen können. Wo sonst in der Arbeitswelt gibt es das?“

Das Ehepaar aus Bruchhausen-Vilsen ist überzeugt: Die Niedrigpreise würden vom Handel diktiert und hätten ihre Gründe im fehlenden Absatz der Fleischprodukte. Aber nicht nur darin, fügt Nadine Henke hinzu: „Die Gewinne werden von den Handels- und Schlachtkonzernen nicht fair verteilt. Wir Schweinehalter haben das Nachsehen, weil wir das schwächste Glied in der Kette sind.“

Das bestätigt Jürgen Langhorst: „Wir bekommen kein Gehör beim Lebensmittelhandel.“ Anders als die Henkes wirtschaftet der Diepholzer im geschlossenen System. Das heißt: Seine 220 Zuchtsauen produzieren die Ferkel, die er auf 1900 Mastplätzen selber bis zur Schlachtreife füttert.

Drei D – dreimal Deutschland, gilt in seinem Betrieb schon: Die Ferkel sind in Deutschland geboren, in Deutschland gemästet und werden in Deutschland geschlachtet. Denn Jürgen Langhorst transportiert seine Schweine zu einem Schlachthof im Münsterland.

12 000 Euro weniger Erlös

Die aktuellen Konditionen hält er für unannehmbar und macht das mit einem ganz praktischen Vergleich deutlich: „Für einen Transportzug mit etwa 160 Schweinen haben wir im Frühjahr 2020 noch 12 000 Euro mehr erlöst als heute.“

Viele Schweinehalter wüssten nicht mehr ein noch aus, weil ihre Erlöse immer weiter sinken. Und die Konkurrenz ist groß: Aus Dänemark und Holland zum Beispiel kommen Ferkel und Fleisch nach Deutschland.

Allein ein knappes Drittel ist es bei den Ferkeln, stellt Heinrich Henke klar. Ein knappes Drittel Umsatz, das die deutschen Erzeuger auch gern hätten.

Umgedreht ist der Markt dicht, weil die afrikanische Schweinepest Wildschweine in Brandenburg befallen hat. „Wir dürfen nicht mehr exportieren“, beschreibt Heinrich Henke die fatale Konsequenz. Will heißen: Die Absatzmöglichkeiten sind noch einmal drastisch gesunken.

Wo sehen die Henkes einen Ausweg – wenigstens im Ansatz – aus diesem vielschichtigen Dilemma? „Unser Motto ist: Die Lösung liegt auf der Hand und heißt fünfmal D“, sagen die Henkes. „Das heißt, der Handel muss zuerst Fleisch von Tieren anbieten, die in Deutschland geboren, aufgezogen, gemästet, geschlachtet und verarbeitet worden sind. Dies muss zu fairen Preisen für die Erzeuger und klar gekennzeichnet verkauft werden.“ Viele ihrer Berufskollegen würden diesen Standpunkt teilen, sagen Heinrich und Nadine Henke. Jürgen Langhorst steht an ihrer Seite.

Das ,D‘ in der Hand

In den sozialen Medien haben mittlerweile etliche Landwirte Fotos mit einem ‚D‘ in ihrer Hand veröffentlicht, um der Forderung nach fünfmal D Ausdruck zu verleihen. Die fünf Finger der Hand stehen dabei für die fünf Stufen der Produktion. „Wenn wir das Fleisch nicht produzieren, tun es andere im Ausland“, zeigt sich Nadine Henke überzeugt. „Aber zu welchen Kosten für Tierwohl, Klima und Umwelt? Das haben wir dann nicht mehr in der Hand“, mahnt ihr Mann.

Eine Schlüsselfunktion haben die Verbraucher. Sie können beim Einkauf hinterfragen, woher das angebotene Schweinefleisch kommt. Gemeinsam mit ihnen möchten die Landwirte eine klare, unübersehbare Deklaration auf der Ware erreichen – in dem Wissen, das regionaler Einkauf voll im Trend liegt.

Von Anke Seidel

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