Christina Runge über die Funktion ihres Berufs

Gleichstellungsbeauftragte: Rechtspopulisten gefährden Feminismus

+
Gleichstellungsbeauftragte Christina Runge weiß, es besteht noch viel Handlungsbedarf.

Landkreis Diepholz - Christina Runge ist Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises Diepholz. Sie engagiert sich auch über den Kreis hinaus und besuchte kürzlich die Bundeskonferenz der kommunalen Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten Deutschlands, wo sie zu einer von vier Sprecherinnen gewählt worden ist.

Zudem thematisierten die Teilnehmerinnen dort aktuelle Zahlen, die noch immer eine enorme Schieflage in Sachen Gleichberechtigung deutlich machen. Wir trafen Christina Runge für ein Interview. Die Fragen stellte Janna Silinger.

Was geht Ihnen in ihrer Rolle als Gleichstellungsbeauftragte derzeit am meisten durch den Kopf?

Christina Runge: Das Wahlrecht für Frauen in Deutschland besteht seit 100 Jahren. Es ist beeindruckend, wie mutig unsere Vormütter waren. Die haben sich für Rechte eingesetzt, die uns selbstverständlich scheinen. Sie sind dafür ins Gefängnis gegangen, ausgegrenzt und misshandelt worden. Viele wissen dieses hart erkämpfte Recht nicht zu schätzen. Daher kann ich Frauen nur ermutigen, das Wahlrecht in Anspruch zu nehmen. Das ist ein wichtiger Baustein für die Gleichberechtigung. Nur schimpfen bringt nichts, wir müssen aktiv werden.

Was sind denn aktuell die größten Defizite?

Runge: Frauen in Führungspositionen sind absolut unterrepräsentiert. Der Lohnunterschied zwischen Männern und Frauen beträgt in Deutschland immer noch 21 Prozent. Das hat vielfältige Ursachen. Folglich kann an vielen Stellschrauben gedreht werden. Beispielhaft benennen möchte ich das eingeschränkte Berufswahlverhalten der jungen Frauen, die immer noch ungleiche Verteilung der in jedem Haushalt anfallenden Sorge-Arbeiten zu Lasten von Frauen sowie den hohen Anteil von in Teilzeit oder gar in Mini-Jobs arbeitenden Frauen. Letztgenanntes ist ein Hauptfaktor für Altersarmut von Frauen.

Welche Herausforderungen sehen Sie auf dem Land?

Runge: Der ländliche Raum ist stärker konservativ denkend, außerdem haben wir kaum gute Jobs, die ortsnah sind. Man hat lange Fahrtwege, muss zwei Autos finanzieren. Ein irrer logistischer Aufwand. Ich komme aus dem ländlichen Raum, habe einen männlich konnotierten Beruf gelernt, bin Agraringenieurin. Ich habe Diskriminierung und früh viele Benachteiligungen erfahren. So habe ich etwa nur schwer einen Ausbildungsplatz gefunden.

Was würden sie einer jungen Frau sagen, die Hausfrau und Mutter sein möchte?

Runge: Ich würde ihr das nicht ausreden. Allerdings würde ich sie informieren, dass sie eine Folgeabschätzung der Entscheidungen machen kann. Ein Mann ist keine Altersvorsorge. Ich möchte den Paaren mit auf den Weg geben, sich zu überlegen, wie sie das Zusammenleben regeln wollen. Eventuell mit einem finanziellen Ausgleich für die Person, die aus dem Job aussteigt. Aber auch Modelle, in denen beide Partner reduziert arbeiten und sich auch die Sorge-Arbeit teilen sind denkbar.

Was sind weitere Bausteine, die zur Gleichberechtigung beitragen könnten?

Runge: Ich glaube, nicht allen Frauen ist klar, welche Folgen ihre Entscheidungen mit sich tragen. Das fängt mit der Berufswahl an. Frauen wählen noch eher soziale Berufe. Diese haben einen hohen Mehrwert für die Gesellschaft, aber eine schlechte Wertschätzung erfahren. Dieses spiegelt sich nicht nur in der Vergütung, sondern auch in deren gesellschaftlicher Anerkennung wieder. Hier sehe ich den Staat in der Pflicht, die Rahmenbedingungen zu schaffen. Ein Teil davon ist mehr Geld, aber das ist nicht alles. Männer tummeln sich eher in Berufen, die finanziell mehr Möglichkeiten bieten, gestützt von der Denkweise des männlichen Familienernährers.

Wie kommt man davon weg?

Runge: Wir brauchen eine Bewusstseinsänderung. Wir erfahren schon von Klein auf eine Prägung mit vielen Rollenklischees, die zu wenig hinterfragt werden, aber großen Einfluss auf uns haben. Ein Blick in die Bekleidungsgeschäfte führt uns das vor Augen. Wie selbstverständlich gibt es dort für Mädels alles in rosa und für Jungs in hellblau. So erfahren Kinder früh geschlechtliche Zuschreibungen. Es ist schwer, da raus zu kommen. Und selbst wenn man es schafft: Sobald der Lebensabschnitt Familienphase eintritt, werden häufig wieder klassische Rollenbilder gelebt.

Trägt auch der Rechtspopulismus etwas dazu bei?

Runge: Sicherlich, da hier ein sehr konservatives Frauenbild gezeichnet wird und der vermeintliche Schutz der „guten Deutschen Frau“ missbraucht wird für rechtspopulistische Parolen. Rechtspopulismus gefährdet den Feminismus.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Coronavirus erreicht Europa: Zwei Fälle in Frankreich

Coronavirus erreicht Europa: Zwei Fälle in Frankreich

26-Jähriger soll sechs Verwandte erschossen haben

26-Jähriger soll sechs Verwandte erschossen haben

Merkel: Deutschland will Türkei in Flüchtlingspolitik helfen

Merkel: Deutschland will Türkei in Flüchtlingspolitik helfen

Federers Zittersieg - Keine "Sunday-Night-Party" für Görges

Federers Zittersieg - Keine "Sunday-Night-Party" für Görges

Meistgelesene Artikel

Autohändler gibt mit Bugatti Chiron Gas – Polizei schreitet ein

Autohändler gibt mit Bugatti Chiron Gas – Polizei schreitet ein

DSDS-Kandidatin flasht Dieter Bohlen - der zieht Vergleich mit DSDS-Sieger

DSDS-Kandidatin flasht Dieter Bohlen - der zieht Vergleich mit DSDS-Sieger

Heftiger Unfall: Auto prallt gegen Garage und landet kopfüber im Graben

Heftiger Unfall: Auto prallt gegen Garage und landet kopfüber im Graben

Parkplatzsuche bei IKEA außer Kontrolle: Autofahrer tritt Konkurrenten

Parkplatzsuche bei IKEA außer Kontrolle: Autofahrer tritt Konkurrenten

Kommentare