„Prügel, Hunger und Tod“

Auschwitz-Überlebende de Vries berichtet von Schrecken der NS-Zeit

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Erna de Vries (93), Überlebende des KZ Auschwitz, berichtete Schülern der Jahnschule Diepholz von den Schrecken der NS-Zeit. Rechts: Sarah-Lena Eilers, die den Kontakt zu hergestellt hatte.

Diepholz - Von Simone Brauns-Bömermann. Als die gepflegte grauhaarige und sanft aussehende 93-jährige Dame die Aula in der Diepholzer Jahnschule betritt, ahnt noch keiner der Schüler der neunten und zehnten Klassen und ihre Lehrer, mit welchem Gefühl sie nach 90 Minuten den Raum verlassen werden.

Das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte bekam mit Erna de Vries ein Opfer-Gesicht. Sie ist eine der wenigen heute noch lebenden Zeitzeugen des Holocaust. Die 93-Jährige überlebte die Konzentrationslager Auschwitz und Ravensbrück.

„Wir hatten keine Namen mehr“

Was sie berichtet über den Zeitraum 1938 bis 1945, kann kein Film erzählen. Auf dem Arm der alten Dame ist eine tätowierte Nummer zu sehen, die sie als „Niemand“ stigmatisierte – als Halbjüdin mit auf den definierten Abgrundweg des fanatischen nationalsozialistischen Regimes: „Nach der Tätowierung hatten wir keine Namen mehr.“

Erna de Vries erzählt chronologisch, wie systematisch die Juden ganz Europas deklassiert, sanktioniert, gepeinigt und perfide vernichtet wurden.

Schüler der neunten und zehnten Klasse hörten der 93-Jährigen zu – teils emotional sehr bewegt.

„Als wir uns im Lager Auschwitz trennten, sagte meine Mutter zu mir: Du wirst überleben und erzählen, was mit uns geschah“, beginnt die glasklar, hochintelligent und stark wirkende Seniorin ihre Erzählungen: „Das waren die letzten Worte meiner Mutter, die ich hörte.“ Ihr Vortrag endet abrupt und interpretationsoffen: „Wir sahen vor uns Frauen auf der Kopfsteinpflaster-Straße Mecklenburg-Vorpommerns, die schrien und lachten. Ein amerikanischer Jeep kam, wir waren frei!“

Erna de Vries lebt heute in Lathen im Emsland. In die Diepholzer Jahnschule kam sie mit ihrem Sohn Karl de Vries, der als Gynäkologe in Haifa/Israel arbeitet und in Deutschland Urlaub macht.

„Ich wollte noch einmal die Sonnen sehen“

„Kaum in Deutschland, muss ich mit meiner Mutter zu einer ihrer zahlreichen Erzähl- und Aufklärungsreisen“, sagt er lächelnd im Anschluss des Vortrages.

Den Kontakt zu der Überlebenden aus dem Vernichtungslager Auschwitz hat Jahnschul-Konrektorin Sarah-Lena Eilers, selbst aus Lathen, hergestellt. „Endlich hat es geklappt, Sie sind bei uns“, begrüßt sie de Vries. Was dann folgt, ist ein lückenloses Tagebuch mit grausigen Kopfkino-Zeichnungen: „Ich wollte Medizin studieren und Menschen helfen, für mich kam es anders.“

Erna de Vries füllt die geschichtlichen Eckdaten des Holocaust und den akribisch geplanten Genozid an den Juden mit Details, die nicht im Geschichtsbuch stehen, die sie erlebte. Die NS-Zeit endet nicht mit dem Mord an ihr, hinterlässt aber Wunden, die nicht heilen. Ob das Nummern-Tattoo auf ihrem Arm mit einer Nadel gestochen wurde, ist eine Frage der Schüler, und warum sie es sich nicht entfernen ließe, das wäre doch heute möglich. „Es ist da und gehört zu mir. Und wenn das die schlimmsten Schmerzen gewesen wären, die ich erlitt, das wäre ertragbar gewesen“, antwortet die Seniorin, als sie die Sonnenblume ansieht, die sie als Gastgeschenk erhält. Die leuchtet so, wie der Wunsch von de Vries, als sie das Detail aus Todesblock 25 erzählt: „Ich sah nackte Frauen auf Anhängern, die haben geweint, geschrien und gebetet. Sie fuhren in den Tod. Ich ließ mich auf den Boden fallen, schaute zum Himmel. Ich wollte noch einmal die Sonne sehen“. Dann wird ihre Nummer gerufen, die auf ihren Arm gestochen ist. Doch sie geht nicht „ins Gas“, wie sie das von den Nazis verwendete Tötungsvokabular verwendet, sondern wird als Halbjüdin – ihr Vater ist Christ – auf Anordnung von Himmler ins Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück gebracht.

1994 ins KZ gereist, um Mutter nahe zu sein

Dass in Auschwitz/Birkenau etwas unvorstellbar Schreckliches minütlich geschah, sah die damals 20-Jährige bereits bei ihrer Ankunft: „Wir gingen durch das Hauptlager, dann nach Birkenau, dort standen die Gaskammern und Krematorien“. Ihre Ausführungen sind exakt und detailliert.

Kaum vorstellbar, dass die 93-Jährige, die nächsten Monat Geburtstag hat, noch im letzten Jahr vor dem Landgericht Detmold einem fast Gleichaltrigen als ihrem Peiniger gegenüberstand. Das kommt zur Sprache, als ein Schüler fragt, ob sie gegen einen Angeklagten aus dem KZ aussagte. „Ja, im Reinhold-Hanning-Prozess, eine Viertelstunde lang“. Hanning wurde der Prozess als Wachmann in Auschwitz wegen Beihilfe zum Mord an 170.000 Menschen gemacht.

Die Schüler sitzen einer Zeitzeugin gegenüber, die mit Löwenkräften und viel Mut den Genozid überlebte und es sich zur Aufgabe machte, davon zu berichten. „Ich war 1994 noch einmal in Auschwitz, ich wollte meiner Mutter noch einmal nahe sein“, war die Antwort auf eine Frage aus den Schülerreihen. Ihre Mutter überlebte nicht, denn „Prügel, Hunger und Tod: Das war Auschwitz. Ich weiß nicht, ob sie ins Gas musste, erschlagen wurde oder was geschah.“

Erna de Vries späterer Ehemann war sechs Jahre in drei KZs: Er verlor Eltern, Frau und Kinder. „Wie fühlen Sie sich, wenn Menschen den Holocaust verleugnen?“, war eine Schüler-Frage. Erna de Vries lächelt. Mit derart Perfidem möchte sie sich nicht beschäftigen.

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