Corona und die Folgen

Professorin Jutta Rump: Schwarmintelligenz prägt die neue Arbeitswelt

Vor zwei Jahren eher die Ausnahme, in Corona-Zeiten Standard: Das Homeoffice ist mittlerweile ein selbstverständlicher Arbeitsplatz.
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Vor zwei Jahren eher die Ausnahme, in Corona-Zeiten Standard: Das Homeoffice ist mittlerweile ein selbstverständlicher Arbeitsplatz.

Für die Professorin Jutta Rump war es ein Schock: „Ich bin 15 Jahre lang jeden Tag woanders gewesen. Ich habe das geliebt.“ Doch Corona katapultiert auch die Wissenschaftlerin, die seit zwei Jahrzehnten Arbeitswelten und Trends erforscht, mit voller Wucht ins Homeoffice. Das erfahren die 23 Teilnehmer während ihres virtuellen Vortrags über „Corona und die neue Arbeitswelt“ an diesem Donnerstag.

Landkreis  Diepholz – Vor allem aber, welche Faktoren und welche Herausforderungen die neue Arbeitswelt prägen – und, wegen höchst dynamischer Veränderungen, prägen werden: „Die Kernkompetenz ist: In Bewegung bleiben, ohne die Balance zu verlieren.“

Schwarmintelligenz beschleunigt Entwicklungen in der Arbeitswelt

Es ist der Verbund familienfreundlicher Unternehmen, der die Professorin und Leiterin des Institutes für Beschäftigung und Employability zu einem Impulsvortrag eingeladen hat. Diesen Verbund stellt Sven Mörker als Vize-Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung vor.

Transformation ist die Wirkungskraft, die Jutta Rump auf drei Ebenen vorstellt. Es sind starke dynamische Veränderungsströme – zunächst bei der digitalen Transformation, also bei der Entwicklung der neuen virtuellen Welt mit ihren unendlichen Möglichkeiten: „Wir vernetzen uns und denken gemeinsam“, so die Professorin. Durch diese Schwarmintelligenz könnten in einer unvorstellbaren Geschwindigkeit „tausend neue Dinge entstehen“, erläutert sie.

Können Roboter die Produktion aus China wieder nach Deutschland bringen?

In der ökonomischen Transformation müssen sich Wirtschaftsbetriebe neu aufstellen, so die Referentin. Auf technische Entwicklungen wirke Corona wie ein Brandbeschleuniger. Das könne bestimmten globalen Wertschöpfungsketten eine andere Richtung geben. Die entscheidende Frage: Müssen bestimmte Dinge noch in China produziert werden – oder kommt durch Roboting die Produktion nach Deutschland zurück? Eng damit verknüpft sei die ökologische Transformation, erfahren die Teilnehmer.

Aber es gibt auch limitierende Faktoren: „Das Geld wird zu einem knappen Gut.“ Der Staat habe sich in extremem Maße verschuldet, „um uns durch die Krise zu bringen“, und viele Betriebe hätten ihre Reserven angreifen müssen. Jutta Rump ist sicher: „Es wird einen Verteilungskampf geben ums Geld.“ Ein ebenso knappes Gut ist Zeit – in einer Welt, die von Risikofaktoren, enormer Dynamik und Komplexibilität geprägt wird: „Veränderung in einer hohen Geschwindigkeit wird zum Normalzustand.“ Das führe zunehmend zum Rückzug ins Private.

Neue Währungen: Geld, Zeit und Purpose (Sinnhaftigkeit)

Gleichzeitig werde sich der Nachwuchs- und Fachkräftemangel noch empfindlich verschärfen: „Da werden Arbeitgeber Mitarbeitern den roten Teppich ausrollen müssen“, ist die Forscherin überzeugt. Außerdem kämen Kollege Algorithmus und Kollege Roboter ins Spiel: „Was macht das mit dem Betriebsklima?“ Aus den drei limitierenden Faktoren leiten sich drei neue „Währungen“ ab, erläutert Jutta Rump: Geld („ist wichtig, gerade wenn es zu einem knappen Gut wird“) und Zeit („Menschen wollen damit selbstbewusster umgehen“) sowie Purpose: Triebfeder und Sinnhaftigkeit in einem Unternehmen.

Deren Organisation wird einerseits bestimmt vom agilen Arbeiten, bei dem ein Team intensiv nach neuen Ideen sucht. Andererseits wird mobile work – das Arbeiten von Zuhause oder unterwegs – zum Normalfall. Flexible Arbeitsformen gehören genauso dazu: „In diesen Bereich lässt sich die Vereinbarkeit von Beruf und Familie einordnen“, betont die Referentin.

Führungskräfte müssen verschiedene Arbeitsmodelle ausbalancieren lernen

Zusammenarbeiten werden Mitarbeiter stationär (im Unternehmen vor Ort), virtuell (online im Homeoffice) und hybrid – eine Mischung aus persönlicher Präsenz und virtueller Arbeitsformen. Das hat Folgen: „Wir brauchen Führungskräfte, die diese vielfältigen Arbeitsmodelle ausbalancieren.“ Transparenz sowie hohe Mitarbeiterorientierung und Empathie seien unbedingt notwendig, betont Jutta Rump.

Zeichnet ein klares Bild der neuen Arbeitswelt: Professorin Jutta Rump forscht auch an der Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft Ludwigshafen.

Sie hat auch die Beschäftigungsfähigkeit der Mitarbeiter im Blick. Dafür sind Kompetenzen und Qualifikationen wichtig, ebenso Identifikation und Motivation – aber auch Gesundheit und Wohlbefinden.

Für Generation Z ist die Alternativlosigkeit in der Corona-Krise ein Schock

Die Mitarbeiter von morgen stammen aus der Generation Z, die durch die Pandemie zur Generation C geworden ist, stellt die Professorin klar. Aufgewachsen ist diese Generation in einer multioptionalen Gesellschaft. Ihre Erfahrung: „Es gibt immer eine Alternative“. Aber es gibt auch eine „immerwährende Diskussionskultur“. Jetzt erleben diese vielfältig orientierten jungen Menschen den Lockdown – die Welt der Alternativlosigkeit: „Das ist ein Schock“, weiß die Referentin, „Corona hinterlässt Spuren“.

Kreisrat Jens-Hermann Kleine ist überzeugt: „Am Ende stehen hier große Fragen!“ Wenn die Komplexibilität bei wachsendem Verteilungskampf und sinkender Konsensfähigkeit rasant zunehme und Menschen sich ins Private flüchten: Gerade dann brauche es doch viele Menschen, die sich in die Gesellschaft einbringen – um Antworten zu finden.

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