Premiere mit drei Preisträgern

Landkreis zahlt statt 1000 nun 3000 Euro Prämien für Zivilcourage-Auszeichnung

Landkreis Diepholz - Von Anke Seidel. Verantwortung übernehmen nach einem schweren Unfall – oder Menschen in prekären, gefährlichen Situationen beherzt zur Seite stehen: Zivilcourage hat viele Gesichter – und soll im Landkreis Diepholz mit einem eigenen Preis belohnt werden. Genau den hat der Kreistag von 1000 auf nun mehr 3000 Euro aufgestockt. Der Grund: Zur Premiere gibt es drei Preisträger – und nicht nur einen.

Anfang kommenden Jahres soll der Preis an drei Menschen vergeben werden, die Zivilcourage bewiesen haben. „In einem würdigen Rahmen“, betont Landrat Cord Bockhop. Die Vorbereitungen laufen, ein genauer Termin steht noch nicht fest.

Fakt jedoch ist, dass der Landkreis die Grundsätze für die künftige Verleihung – zum Beispiel die jährliche Zahl der Geehrten – noch einmal genau festlegen will. Das war ebenfalls einmütiger Kreistagsbeschluss.

Doch die Beratung war von großer Entrüstung überschattet. Der Grund: Eine Stellungnahme des AfD-Kreistagsabgeordneten Michael Schnieder, der die Preisverleihung einerseits ausdrücklich begrüßte und grundsätzlich für drei Preisträger plädierte – andererseits aber auch von Zeiten sprach, „in denen bereits in Kitas wieder zur Bespitzelung von Kindern und ihren Eltern angeleitet werden soll“. Beherztheit von Bürgern herauszuheben, sei in diesen Zeiten gebotener denn je: „Denn nur mit Gemeinsinn und der nötigen Beherztheit wird unsere Gesellschaft auch solchen, ihrem Wesen nach demokratiegefährdenden Herausforderungen entgegen treten können“, so Schnieder.

Fraktionsübergreifend rief der AfD-Kommentar Entrüstung hervor

Die Empörung im Kreistag war groß. Landrat Cord Bockhop erklärte unmissverständlich, dass es ausschließlich um Zivilcourage gehe: „Wir werden hier nicht besonders politisch engagierte Personen ehren.“ Der CDU-Kreistagsfraktionsvorsitzende Volker Meyer zeigte sich schockiert über den AfD-Beitrag: „Sie sollten sich schämen. Sie missbrauchen einen Preis, um Ihre eigenen politischen Ziele zu verfolgen!“ Als SPD-Kreistagsfraktionschefin sah Astrid Schlegel das genauso: „Mir fehlen die Worte.“

Für den Zivilcourage-Preis 2019 waren insgesamt neun mögliche Preisträger vorgeschlagen worden. Aber am Ende entsprachen nur drei den Grundsätzen und Kriterien dieser neuen Auszeichnung, so hieß es. Um welche konkreten Sachverhalte es dabei geht, soll bis zur Preisverleihung geheim bleiben.

Die anderen Vorschläge konnte die Jury deshalb nicht anerkennen, so war zu erfahren, weil die Ereignisse entweder zu lange zurück lagen oder der konkrete Bezug zum Landkreis Diepholz nicht gegeben war.

„Der Preis soll an Bürgerinnen und Bürgern verliehen werden, die sich zum Beispiel durch ihr Vorgehen gegen Kriminalität, ihre Hilfeleistung beziehungsweise ihr Einschreiten bei Unfällen, sonstigen Schadensereignissen oder Gefahrensituationen beispielhaft hervorgetan haben“, heißt es in den Statuten. 

Es gehe um besonders couragiertes und besonnenes Verhalten sowie den Mut, „sich im alltäglichen Zusammenleben durch eine nicht selbstverständliche oder rechtlich vorgeschriebene Handlung für andere einzusetzen.“ Dabei gelte es, sich nicht selbst in Gefahr zu bringen.

Kommentar: Unter der Gürtellinie

Von Anke Seidel - Ganz klar unter der Gürtellinie war das, was der AfD-Kreistagsabgeordnete Michael Schnieder im Kreistag geboten hat. Vollmundig zu behaupten, dass in Kindertagesstätten „wieder zur Bespitzelung von Kindern und ihren Eltern angeleitet werden soll“, ist ein absolutes No-Go und nichts anderes als demagogische Polemik – geboten ausgerechnet an dem Tag, an dem die AfD in Niedersachsen ihr heftig umstrittenes Internet-Portal freigeschaltet hat. Darüber können Schüler politische Äußerungen ihrer Lehrer melden. 

Das ist Bespitzelung von Lehrern, haben Bildungsexperten wie der Präsident der Kultusministerkonferenz, Helmut Holter, scharf kritisiert. Der vor Bespitzelung warnende AfD-Kreistagsabgeordnete Schnieder versteigt sich sogar dazu, den Zivilcourage-Preis in den Kontext „ihrem Wesen nach demokratiegefährdender Herausforderungen“ zu stellen – und fühlt sich am Ende auch noch missverstanden. 

Völlig zu Recht hat sich der Kreistag unmissverständlich von der AfD distanziert. Wirklich gelebte Zivilcourage sieht anders aus, bedingt Verantwortung und mutiges Handeln im Sinne von Mitmenschlichkeit und Toleranz. Polemik ist dabei völlig fehl am Platze.

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