Wo „Platt“ lebt: Ein Besuch beim plattdeutschen Nachmittag der VHS

„Das hört sich doch wunderbar an“

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Marlies Mertens trägt plattdeutsche Texte vor, links: Alfred Feldermann.

Diepholz - Von Sven Reckmann. „Ick schnack platt. Du uck?“ – so warb das Oldenburger Münsterland vor gut zehn Jahren für die Vorzüge seiner Region. Aber solche Kampagnen oder auch plattdeutsche Nachrichten, plattdeutsches Theater und Unterricht „up Platt“ können nicht darüber hinwegtäuschen, dass das „Plattschnacken“ im Alltag offenkundig weniger geworden ist.

Gleichwohl gibt es Menschen, die die Sprache gern sprechen, sie weitertragen und lebendig halten. Einmal im Monat kommt der plattdeutsche Erzählkreis bei der VHS in Diepholz zusammen. Ein Besuch:

Butterkuchen steht auf dem Tisch. „Der gehört dazu“, lacht Marlies Mertens, die diese Runde vor acht Jahren in Diepholz ins Leben gerufen hat, „seit Anfang an“. Bei Kaffee und Kuchen plaudert es sich eben gern.

Die Straßen sind vereist, einige „Stammgäste“ sind heute vorsichtshalber zu Hause geblieben. Daher ist die Runde heute etwas kleiner als an den anderen Terminen, zu denen mindestens ein Dutzend Platt-Interessierte kommen.

Mertens stellt die Treffen unter vorher bestimmte Themen. Diesmal geht es um „Däi hilligen dräi Könige“. Die Barnstorferin liest Texte aus plattdeutschen Sammlungen und Zeitungsausschnitten vor, die die Teilnehmer lebhaft mit ihren Erlebnissen ergänzen. Und so spinnt sich der rote Gesprächsfaden fast wie von selbst: von den Heiligen Drei Königen als Abschmück-Termin für den Weihnachtsbaum über dessen Wiederverwendung bis hin zu den Gesängen an der Haustür zu verschiedenen Anlässen – alles wird auf Platt thematisiert. „Das eine gibt das andere, das ergibt tolle Gesprächsketten“, erzählt Alfred Feldermann, der einzige Mann in der Runde.

Er hat „Hausaufgaben“ gemacht und einen erklärenden Text auf Plattdeutsch zum Thema des Tages sowie „över däi Sternsingers“ verfasst.

Gerne hören sie in die Runde auch, wenn Marlies Mertens einige Döntkes vorträgt, lustige Begebenheiten, die up Platt eben ganz besonders humorvoll klingen. „Die machen das ganze doch erst interessant“, freut sich Käthe Barg. Platt schnacken, da traut sich die Diep-holzerin noch nicht ran, aber das Verstehen ist kein Problem: „Das hört sich doch wunderschön an!“

Wie dieses und jenes übersetzt und ausgesprochen wird, dazu weiß jeder in der Runde meist etwas zu sagen.

„Wir übersetzen vieles eins zu eins ins Platt. Aber das stimmt oft nicht“, erklärt Mertens. Beispiel: die Endung „-ung“ taucht im Plattdeutschen kaum auf. Stattdessen werden Begriffe gern wortreich umschrieben: „Stimmung“ hieße dann eher: „et geiht hooch her up‘n Saal“ oder „all wöörn vergnögt un harrn ehrn Spooß.“

„Es ist doch für die Senioren was tolles, wenn sie so etwas noch sprechen und hören können“, meint Wilma Rüttgers. Plattdeutsch als vermeintliche Sprache für die Älteren – darin liegt aber auch ein Problem. Zwar hat das Kultusministerium festgelegt, dass Niederdeutsch zum Bildungsauftrag des Niedersächsischen Schulgesetzes gehört. Aber welche Chance hat Plattdeutsch bei jungen Leuten, wenn es nur im Unterricht und nicht im Alltag gesprochen wird? Wie weit kommt der Kunde, wenn er den Berater seiner Bank auf Platt anspricht?

Die Möglichkeiten, Plattdeutsch zu sprechen werden immer weniger, räumt Marlies Mertens ein. „Wenn die Großeltern mit ihren Enkeln auch hin und wieder ein bisschen schnacken würden, wären wir schon weiter“, ist sie sich sicher.

Als Sprach-Hüter wollen sich Plattschnacker aber dann doch nicht sehen: „Wir machen das einfach, weil wir Spaß an der Sprache haben“, bringt es Dorit Sander auf den Punkt.

„Es ist eine familiäre Runde“, schmunzelt Doris Hermenau, die örtliche VHS-Leiterin, am Ende des Nachmittags. Ein Kreis, der auch offen für andere ist: Wer gern plattschnacken möchte, oder war Platt auch nur versteht, der ist willkommen, jeden ersten Mittwoch im Monat.

Im Februar geht es übrigens um die „Pinunsen“. Das Thema: „Ohne Geld bist ‘n armen Düwel“.

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