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Photovoltaik: Diepholzer Firma Möller erlebt Boom und Bürokratie

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Von: Eberhard Jansen

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Mit einem Photovoltaik-Modul: Möller-Geschäftsführer Ulrich Heitlage (rechts) und Vertriebsleiter Photovoltaik, Daniel Buckentin.
Mit einem Photovoltaik-Modul: Möller-Geschäftsführer Ulrich Heitlage (rechts) und Vertriebsleiter Photovoltaik, Daniel Buckentin. © Jansen

Panik bei den Kunden: Viele wollen schnell eine Photovoltaikanlage auf dem Dach, aber „Panik ist kein guter Ratgeber für Investitionen“, sagt Möller-Geschäftsführer Ulrich Heitlage.

Diepholz – Jetzt wollen viele ihren Strom selbst produzieren: Angesichts der enorm gestiegenen Energiepreise erlebt Photovoltaik derzeit wieder einen Boom wie seit 2012 nicht mehr, als die staatliche Förderung beschränkt wurde. Bis zu 30 Anfragen pro Tag bekommt beispielsweise die Firma Möller in Heede, die seit 20 Jahren Photovoltaik-Anlagen baut. Sowohl Privatleute als auch Gewerbebetriebe rufen an und fragen nach Angeboten.

Die Planer und Montageteams bei Möller sind jedoch angesichts der „gigantischen Nachfrage“ stark ausgelastet. „Wir tun wirklich unser Bestes, um die Planungsaufgaben abzuarbeiten und allen Kunden gerecht zu werden“, bittet Geschäftsführer Ulrich Heitlage um Verständnis und sieht eine Panik bei vielen Kunden, die nun ganz schnell Photovoltaik auf dem Dach haben wollen. „Aber Panik ist kein guter Ratgeber für Investitionen“, betont Heitlage und berichtet im Gespräch mit der Mediengruppe Kreiszeitung über Angebote von überregionalen Firmen, die Anlagen bereits zum doppelten Preis wie das Diepholzer Unternehmen anbieten und auf angebliche sofortige Lieferfähigkeit verweisen. Trotz der in manchen Fällen doppelten Kosten greifen manche Hausbesitzer und Firmenchefs tatsächlich zu.

Ob sich das dann auf Dauer rechnet, bezweifelt Heitlage. Eine Anlage zum Produzieren von Strom mit Sonnenlicht ist auf 20 Jahre ausgelegt. „Bleibt der Strompreis in dieser Zeit so hoch wie jetzt oder beruhigt sich der Markt wieder?“ Diese Frage sollte bei der Investition bedacht werden, betont der Geschäftsführer der Diepholzer Firma. Somit könne sinnvoll sein, zunächst die Entwicklung abzuwarten. Auch müsse der Standort einer geplanten Photovoltaik-Anlage genau untersucht werden. So kann beispielsweise eine Beschattung durch Bäume den Ertrag deutlich mindern.

Das Diepholzer Unternehmen Möller und sein Geschäftsführer waren jetzt medial in ganz Deutschland präsent. Heitlage wurde in einem Bericht des überregionalen „Handelsblatt“ zitiert, in dem es um einen besonderen Aspekt der Photovoltaik ging: Große gewerbliche Anlagen müssen seit Ende April 2019 zertifiziert werden. Doch angesichts des Photovoltaik-Booms gibt es einen großen Engpass bei den akkreditierten Zertifizierungsunternehmen. So können laut „Handelsblatt“, das sich auf den Bundesverband Solarwirtschaft beruft, etwa 1 000 fertige Anlagen in Deutschland nicht ans Netz gehen und umweltfreundlich Strom produzieren, nur weil einige Energieversorger diese Richtlinie kompromisslos auslegen. „Zertifizierungsdokumente könnten ohne Weiteres nach Inbetriebnahme nachgereicht werden“, kritisiert Ulrich Heitlage die aufgeblähte Bürokratie: „Manche Kunden warten zwei Jahre auf ein Zertifikat.“

Das Verfahren sei zudem kompliziert, die Zertifizierer hätten stets viele Rückfragen zu Bauteilen. Und das, obwohl die Anlagen fachmännisch installiert wurden. Die Firma Möller beschäftigt allein drei Mitarbeiter, die sich damit befassen, die geforderten Informationen und Dokumente bereitzustellen. Die Zertifizierung diene laut Netzbetreibern und Verband der Elektrotechnik (VDE) der „Sicherung der Netzstabilität“. Die Auslegungsgrenzen wurden laut Bericht des „Handelsblatt“ von der Bundesnetzagentur festgelegt: „Ein unabhängiges wissenschaftliches Gutachten, das die Absenkung des Grenzwertes für die Netzstabilität begründet, gibt es nicht“, schreibt diese Wirtschafts- und Finanzzeitung. Vor April 2019 mussten nur Anlagen, die mehr als 1 000 kW (ein Megawatt) leisten, zertifiziert werden.

Ulrich Heitlage bricht in dem Zusammenhang eine Lanze für die heimischen Stadtwerke Huntetal: Bei diesem örtlichen Energieversorger und Netzbetreiber würden Gespräche und Informationsfluss demnach viel unkomplizierter als bei großen Energieunternehmen laufen. Hintergrund: Die jeweils vor Ort unterschiedlichen Netzbetreiber müssen bei der Installation von Photovoltaik-Anlagen ins Boot geholt werden, da der produzierte Strom durch ihre Leitungen fließt.

Möller habe in den vergangenen Monaten bundesweit große, zertifizierungspflichtige Anlagen mit einer Leistung von insgesamt acht Megawatt-Peak fertig installiert, die jetzt wegen fehlender Zertifizierung nicht ans Netz dürfen. Damit könnte man Strom für bis zu 2 000 Haushalte produzieren. Kleine, private Anlagen, die in der Regel weniger als zehn Kilowatt haben, sind von der Zertifizierungs-Vorschrift nicht betroffen.

Schon seit Ende 2021 spürt die Firma Möller – wie andere Hersteller von Photovoltaik-Anlagen auch – die erhöhte Nachfrage nach der Möglichkeit zur Stromproduktion aus Sonnenlicht. „Die Strompreise sind an der Börse von etwa drei Cent im Jahr 2020 auf 9,5 Cent im vergangenen Jahr gestiegen“, beschreibt Daniel Buckentin, Vertriebsleiter Photovoltaik bei Möller, die Situation. In den ersten vier Monaten dieses Jahres lag der Preis schon bei durchschnittlich 16 Cent pro Kilowattstunde. Für die Endkunden kommen noch Abgaben und Steuern drauf, sodass sie derzeit in der Regel 30 Cent pro Kilowattstunde deutlich überschreiten.

Für Besitzer großer Photovoltaik-Anlagen ab 100 kW sind die höheren Preise zunächst von Vorteil: Sie sind verpflichtend in der Direktvermarktung, sodass ihr Strom an der Börse in Leipzig zu den höheren Preisen verkauft wird. Das bringt ihnen derzeit mehr Geld als die Vergütung des produzierten und ins Netz eingespeisten Stroms durch den örtlichen Energieversorger nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG).

Allein auf Solarstrom zu setzen, ist laut Daniel Buckentin nicht sinnvoll. Bei schlechten Wetterlagen und im Winter könnten Solaranlagen den Strombedarf in Deutschland nicht ganz decken. Die Schwankungen können über Stromspeicher nur begrenzt ausgeglichen werden.

Ulrich Heitlage sieht die deutsche Energie-Zukunft in einem Mix. Nur auf Solarstrom zu setzen, berge die Gefahr einer neuen Abhängigkeit. Dann nicht von Russland – wie derzeit zu großen Teilen bei Gas und Öl –, sondern von China: 95 Prozent der Solarmodule für Photovoltaik-Anlagen kommen von chinesischen Herstellern, die sich über den derzeitigen Boom auf dem europäischen Markt freuen.

„China hat seine Firmen gestützt“, erklärt Daniel Buckentin. In Deutschland seien nach dem Einschränken der staatlichen Förderung seit 2012 Produzenten reihenweise pleite gegangen. Buckentin: „Das hat 150 000 Arbeitsplätze im Photovoltaik-Sektor gekostet und damals niemanden interessiert.“

Angesichts der von der Bundesregierung propagierten Energiewende soll der Anteil von Solarstrom von jetzt 70 Gigawatt auf 200 Gigawatt bis 2030 ausgebaut werden. Dass das gelingt, bezweifelt der Geschäftsführer der Firma Möller. Dazu müsse zunächst die Bürokratie abgebaut werden.

Ein Beispiel für umfangreiche Photovoltaik-Nutzung in Diepholz: Ein großes Geldinstitut in der Innenstadt hat schon seit vielen Jahren Anlagen zur Solarstrom-Produktion auf den Dächern.
Ein Beispiel für umfangreiche Photovoltaik-Nutzung in Diepholz: Ein großes Geldinstitut in der Innenstadt hat schon seit vielen Jahren Anlagen zur Solarstrom-Produktion auf den Dächern. © Kreissparkasse/Merk

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