„Ne gute Tour ist ein Fuffi“ 

Flaschensammler: Auf der Suche nach den Resten und einem Zubrot

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Im Zug sammelt sich viel Pfand an – für Flaschensammler ein gutes Geschäft. 

Landkreis Diepholz - Von Anke Seidel. Morgens halb zehn auf der Zugfahrt nach Diepholz: Zur besten Frühstückszeit prickelt goldgelbes Bier in Plastikbechern auf der Fensterbank. Lachend nehmen die HSV-Fans auf dem Weg nach Gelsenkirchen einen kräftigen Schluck – und schenken aus der Bierdose nach, bis sie leer ist. Jens K. (Name von der Redaktion geändert) weiß, wen er hier vor sich hat – und wie er die bestens gelaunten Fußballfans nehmen muss.

„Na, Jungs...“ Die haben längst beobachtet, dass der 55-Jährige durch die Reihen gegangen ist und leere Bierflaschen sowie Dosen in einer Plastiktüte verstaut hat. Jens K. Ist Flaschensammler in diesem Zug der Deutschen Bahn auf der Strecke zwischen Bremen und Diepholz.

Dankbar reichen ihm die HSV-Fans ihr Leergut. Und auch der Sammler ist zufrieden: „Ne gute Tour ist immer ein Fuffi.“ Eine gute Tour scheint es an diesem Tag zu werden. Die HSV-Fans auf dem Weg nach Gelsenkirchen bringen sich genauso in Stimmung wie die Gruppe von Mädels, die im nächsten Waggon feiernd ihrem Ziel entgegenrollt: „Schwarze Natascha“, singen die Mädels – und lassen beim Anstoßen die Bierflaschen klirren. Es ist eng im Zug. Fußballfans, Feiernde, Familien und Alleinreisende sind unterwegs. Und werfen einander kritische Blicke zu, trotz allem um Höflichkeit bemüht.

Fußballfans sind froh

Der Flaschensammler mitten dazwischen. Zwei Waggons auf zwei Etagen hat er schon kontrolliert – und immer wieder Leergut gereicht bekommen. Vor allem die Fußballfans sind sichtbar froh, sich nicht zum Müllbehälter im Einstiegsbereich begeben zu müssen. Der ist ohnehin hoffnungslos überfüllt. „Entweder ja oder nein...“, murmelt der 55-Jährige beim Griff unter die hervorquellenden Folien und Plastiktüten – und fördert mehrere Dosen und vereinzelte Flaschen zutage. Eine wandert wieder zurück – sie besitzt kein Pfandzeichen und ist somit wertlos für Jens K. Centbetrag für Centbetrag arbeitet er sich vor. 25 Cent pro Dose, aber nur acht Cent pro Bierflasche. Das ist sein Verdienst an diesem Tag.

Diesem Fußballtag: Nur bei Bundesliga-Spielen ist der 55-Jährige auf Pfand-Jagd. Und es lohnt sich offenbar: Nach einer Strecke von 50 Zug-Kilometern sind drei Plastiktüten prall gefüllt. Nicht zuletzt dank ordnungsliebender Unbekannter, die ihre leeren Bierflaschen und -dosen brav auf eine Papiertüte gebettet haben. „Umweltfreundlich“ lautet ihr Aufdruck. Nachdem Jens K. auch sie verstaut hat, erreicht der Zug Diepholz. Jetzt heißt es: Umsteigen mit den drei Taschen.

Es ist Zeit für eine Zigarette. Der 55-Jährige entspannt sich ein wenig. Berichtet von seinem Arbeitsalltag vor so vielen Jahren, als er als kaufmännischer Angestellter einen geregelten Arbeitsalltag hatte – und ein geregeltes Einkommen. Alles Geschichte. Was geblieben ist, das ist sein Sinn für Zahlen. Auch seine Kontaktfähigkeit. Und die Arbeitslosigkeit.

Ordnung muss sein

Entschlossen drückt der Flaschensammler seine Zigarette aus. Die stinkenden Reste aus den viel zu oft halbleeren Bierflaschen hat er längst entleert – in den Gulli am Bahnsteig. Ordnung muss sein. Gespannt blickt er in die Richtung, aus der in wenigen Minuten der Gegenzug kommen muss – die Reise nach Bremen. 

Doch heute ist alles anders. Wegen dringender Bauarbeiten müssen die Bahnfahrer in Kirchweyhe auf den Bus umsteigen. Ob sich die Tour da noch lohnt? Schließlich ist Jens K., wie er berichtet, nicht der einzige Pfand-Sammler. „Sechs sind es insgesamt“, überlegt er. Sechs Menschen, die mit dem Abfall bequemer Zeitgenossen ihre Hoffnung nach ein wenig Geld nähren. Etliche Jahre schon ist das für Jens K. Realität. Sein Sinn für Ordnung diktiert ihm, nur mit gültiger Fahrkarte den Zug zu besteigen. Für ihn eine Selbstverständlichkeit.

„Mensch, was trinkst du denn heute?!“, spricht er einen sichtbar müden Werder-Fan auf dem Weg in die Hansestadt an. Man kennt sich. „Du, das ändert sich heute noch“, antwortet der junge Mann lächelnd – und reicht dem Flaschensammler seine leere Apfelschorle-Flasche. Der beginnt zu schwitzen. Im Zug herrscht drangvolle Enge. Eine als Prinzessin verkleidete Frau blickt erwartungsvoll drein, während sich der 55-Jährige vorsichtig seinen Weg bahnt.

Unterschiedliche Konkurrenz 

Vier Plastiktüten sind mittlerweile prall gefüllt. Weder ein Schaffner noch ein Konkurrent hat bisher seinen Weg gekreuzt. Wie sind sie denn so, seine Konkurrenten? „Es gibt viele Vernünftige, aber einige Unvernünftige“, antwortet Jens K. – und nimmt wie selbstverständlich eine Bierdose an. Sofort strecken sich ihm drei weitere Bierflaschen entgegen. Alkohol ist in diesem Zug allgegenwärtig.

Der Flaschensammler taxiert sein Gegenüber ganz genau. Er weiß, wie er auf Befindlichkeiten reagieren muss. Ein kleiner Scherz bringt ihm drei Dosen – und mehr: „Was machen denn die Jungs hinter euch?“, fragt er die HSV-Fans. Und schon ist das nächste Leergut im Plastik-Sack. Es ist kein Job, sondern ein Ziel. Zehn Euro pro Stunde, so schätzt Jens K., verdient er an diesem Tag, abzüglich des Zeitaufwands für die Abgabe des Pfands.

Der Mann scheint zufrieden. Mit einem Leben, das er sich so nicht ausgesucht, aber mit dem er sich arrangiert hat. Scheinbar. Und die Deutsche Bahn? Sie tut sich schwer im Umgang mit den Flaschensammlern. Denn manches stößt sauer auf – und wird teuer: „Manche dieser Sammler kippen die Bierreste einfach auf die Sitze und den Boden“, beschreibt Sabine Brunkhorst als Pressesprecherin ein inakzeptables Szenario. 

Bahn gegen Pfandsammler 

„Wir haben oft mehr Dreck als vorher. Deshalb ist das Flaschensammeln nicht erwünscht“, fügt sie hinzu – und erklärt, dass diese Verschmutzungen nachweislich nicht von Fußball-Fans stammen: „Das haben unsere Überwachungen ergeben.“ Ganz zu schweigen davon, dass viele solcher Sammler gar keinen Fahrschein hätten: „Das kann alles sehr teuer werden.“

In den allgemeinen Beförderungsbedingungen der Deutschen Bahn gibt es zum Flaschensammeln keine klar definierten Bestimmungen. Will heißen: Rechtlich gesehen ist es nicht verboten.

Und was ist die Lösung? „Wenn die Leute ihren Müll wieder mitnehmen“, Brunkhorst. „Das wäre traumhaft.“

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