Barrierefreiheit für Schwerhörige

Per Schleife direkt auf‘s Hörgerät: Nur wenige Gebäude im Landkreis sind mit dieser Technik ausgestattet

Barrierefrei für Hörgeschädigte: Schwester Maria Thiede und Rendant Dietmar Siegel weisen auf Plätze in der Kirche hin, auf denen auch Schwerhörige etwas hören können.
+
Barrierefrei für Hörgeschädigte: Schwester Maria Thiede und Rendant Dietmar Siegel weisen auf Plätze in der Kirche hin, auf denen auch Schwerhörige etwas hören können.

Die katholische Kirche in Lemförde gehört im Landkreis Diepholz zu den wenigen öffentlichen Gebäuden, die Barrierefreiheit für Hörgeschädigte bieten. Für Seh- und Gehbehinderte hingegen sieht die Sache anders aus. Immer mehr öffentliche Gebäude bieten Hilfsmittel an. Es kann der Eindruck einer Benachteiligung der Schwerhörigen entstehen.

Landkreis Diepholz – An manchen Bänken in der katholischen Kirche Lemförde ist ein kleines blaues Schild angebracht. Darauf zu sehen ist ein stilisiertes Ohr. Rechts in der Ecke des Schildes ist ein weißes „T“ abgebildet. Das ist ein Hinweis für Hörgeschädigte. Überall dort, wo dieses Schild angebracht ist, kann ein akustisches Signal über eine induktive Höranlage per Telefonschleife direkt auf Hörgeräte von Gottesdienstbesuchern übertragen werden.

Klingt kompliziert, ist es aber gar nicht. „Wir haben das für unsere Senioren gemacht“, erklärt Dietmar Siegel, Rendant der katholischen Kirchengemeinde Lemförde. „Alle kommen damit zurecht.“ Im Sinne der Barrierefreiheit habe sich die Gemeinde dafür entschieden, diese Technik in der Kirche zu installieren: „Wir wollten, dass auch Schwerhörige aktiver am Gottesdienst teilnehmen können.“

Die katholische Kirche in Lemförde gehört im Landkreis Diepholz allerdings zu den wenigen öffentlichen Gebäuden, die Barrierefreiheit für Hörgeschädigte bietet. Für Seh- und Gehbehinderte hingegen sieht die Sache anders aus. Immer mehr öffentliche Gebäude bieten Hilfsmittel an. Es kann der Eindruck einer Benachteiligung der Schwerhörigen entstehen. „Hörschädigungen als spezielle Form von Behinderungen werden in der Tat seltener bedient“, teilt Kreissprecherin Mareike Rein auf Anfrage mit. Das habe aber einen klaren Hintergrund: Beeinträchtigungen in diesem Bereich seien oft bereits durch Hilfsmittel kompensierbar, während das bei anderen Behinderungen nicht der Fall sei. Ein Beispiel: „Durch ein Hörgerät kann die Person recht normal am Leben teilhaben – eine gehbehinderte Person dagegen hat mit einem Rollstuhl Probleme, wenn keine Rampen oder Aufzüge installiert sind“, so Rein.

Unterscheidung zwischen öffentlicher und privater Nutzung

Beim Thema Barrierefreiheit müsse zusätzlich zwischen öffentlicher und privater Nutzung unterschieden werden, so Silke Keller vom Kompetenzzentrum Barrierefreies Wohnen in Syke: „Da gibt es jeweils verschiedene Anforderungen.“ Im Privatbereich ist Barrierefreiheit für Hörgeschädigte ebenfalls seltener zu finden, als für Gehbehinderte. Zu selten, findet Josef Fischer: „Barrierefrei und altengerecht bedeutet immer nur keine Stufen vor der Tür und ein Fahrstuhl im Gebäude – dazu vielleicht noch eine ebenerdige Dusche, und das war‘s.“ Der 63-jährige Lemförder ist seit fünf Jahren auf ein Hörgerät angewiesen und wünscht sich für die Zukunft Barrierefreiheit – und zwar in allen Belangen.

„Es stimmt, dass man bei diesem Thema zuerst immer an Mobilitätsbeschränkungen denkt“, meint Silke Keller. „In erster Linie geht es nämlich um physische Barrieren.“ Das seien Türschwellen, zu kleine Duschen oder Treppen und eben keine Geräusche. Sie klärt auf: „Barrierefreiheit geht nicht nur Behinderte etwas an. Von diesem Gedanken wollen wir ab.“ Barrierefreiheit gelte für alle – auch für gesunde Menschen. Und da liege der Hase im Pfeffer. Ein Aufzug hilft auch einem Menschen mit zwei gesunden Beinen. Ein Ringschleifensystem hilft nur Hörgeräteträgern. Deswegen gerate die Barrierefreiheit für Hörgeschädigte oft ins Hintertreffen.

Kompetenzzentrum: „Keiner wird allein gelassen.“

Trotzdem sichert Silke Keller Hörgeschädigten die Unterstützung des Kompetenzzentrums zu: „Keiner wird allein gelassen, wir sind immer bemüht, jedem zu helfen“ Bei Schwerhörigen allerdings eher in indirekter Form: „Da gibt es Technik. Die Fragen sind meistens so speziell, dass wir nicht viel helfen können.“ Deswegen greife das Kompetenzzentrum in Syke auf ein gut ausgebautes Netz von Beratungsstellen zurück. „Wir zeigen mögliche Wege auf. Wenn es zu technisch wird, dann verweisen wir auf Ansprechpartner, bei denen Schwerhörige besser aufgehoben sind“, erklärt Silke Keller. Die Aufgabe von ihr und ihren Kollegen sei dann die Koordination und die Begleitung der Betroffenen.

Der Kreis Diepholz habe im Jahr 2019 den „Kommunalen Aktionsplan Inklusion“ veröffentlicht, damit der Landkreis barrierefrei wird, so Mareike Rein. Der Aktionsplan halte fest, was es an Maßnahmen braucht, um Barrieren auszuräumen und wo im Kreisgebiet noch Handlungsbedarf besteht. Allerdings müssten Machbar- und Finanzierbarkeit immer im Auge behalten werden.

Auf der rechtlichen Seite gibt es laut Rein einige feste Normen, die barrierefreies Bauen und Planen bestimmen. Für den öffentlichen Raum gelten weitere Vorgaben. Darunter fallen visuelle Informationen, taktile Schriften und Beschriftungen sowie Bodenindikatoren, so die Kreissprecherin. „Bei öffentlichen Veranstaltungen soll zudem darauf geachtet werden, dass für schwerhörige Menschen Plätze in den vorderen Reihen freigehalten werden“, ergänzt sie.

Die Kirchengemeinde Sulingen setzt seit geraumer Zeit auf eine „gute Lautsprecheranlage“, teilt Pastorin Juliane Worbs auf Anfrage mit. „Dabei haben wir besonders auf die Qualität der Mikros geachtet, damit diese den Klang sauber übertragen.“ Vor Jahrzehnten habe es mal eine Induktionsschleife in der Kirche gegeben, meint Worbs. Doch nachdem diese irgendwann defekt war, sei sie nicht erneuert worden. Die Technik der Hörgeräte habe sich weiter entwickelt und eine Schleife sei nicht mehr erforderlich. „So ungefähr waren wohl damals die Aussagen der Experten“, erinnert sich die Pastorin.

Die katholische Kirche in Lemförde ist mit einem Ringschleifensystem ausgestattet. Hörgeräteträger können so dem Gottesdienst besser folgen.

Dass so wenige Träger öffentlicher Gebäude auf eine induktive Höranlage setzen, verwundert Josef Fischer. „Es gibt ein System, das ist 20 Jahre alt“, meint er. Günstig sei es obendrein – sogar Privatpersonen können sich eine solche Anlage leisten (siehe Randartikel). Die katholische Kirche habe ihr Ringschleifensystem mit viel Eigenleistung in der Kirche eingebaut. Die genauen Kosten will er nicht nennen, sagt aber: „Die hielten sich im Rahmen.“ Die positiven Rückmeldungen der Hörgeräteträger „haben den Aufwand, den wir hatten, gerechtfertigt“, sagt Rendant Dietmar Siegel.

Kommentar von Jannick Ripking

Ob die induktive Höranlage das Modell der Wahl ist, um Hörgeschädigten Barrierefreiheit zu bieten, sollen Experten beurteilen. Fakt ist jedoch, dass bei diesem Thema Seh- oder Gehbehinderte im Vorteil sind. Menschen, die Probleme mit den Ohren haben, kommen zu oft an zweiter oder dritter Stelle. Dabei gibt es kostengünstige Möglichkeiten, Hörgeschädigten das Leben zu erleichtern. Hier herrscht deutlicher Nachholbedarf.

Wer schlecht sehen kann oder gar blind ist, kann sich heutzutage in vielen öffentlichen Gebäude durch ertastbare Markierungen, die auf Wege oder mögliche Gefahren hinweisen, zurechtfinden. Für Menschen, die auf Rollstühle angewiesen sind oder die Treppen nicht nehmen können, gibt es in nahezu allen neuen Häusern Aufzüge, und Altbauten werden in der Regel großzügig im Sinne der Barrierefreiheit umgebaut – Straßenzüge seien an dieser Stelle mal ausgenommen. Nur die Menschen, die schlecht hören können, gucken allzu häufig in die Röhre. Da wägen die Entscheidungsträger oft ab, ob sich der finanzielle Aufwand denn überhaupt lohnt.

Auch wenn es zwischen den verschiedenen Barrierefreiheiten rechtliche und technische Unterschiede geben mag, was unterscheidet Schwerhörige auf moralischer Ebene von Menschen, die nicht richtig gehen oder sehen können? Die kurze Antwort: nichts. Natürlich ist eine Hörschädigung nicht das Gleiche wie Blindheit. Auch der Grad der Einschränkung im Alltag ist sicherlich nicht immer vergleichbar. Dennoch: Wo geholfen werden kann, sollte auch geholfen werden.

Ein Appell an die Bauplaner der Zukunft: Vergessen Sie die Hörgeschädigten nicht, wenn Sie das nächste Mal ein (öffentliches) Gebäude planen. Es gibt Möglichkeiten, an diese zu denken, ohne Seh- oder Gehbehinderte vernachlässigen zu müssen. An diejenigen, die den Bau finanzieren: Entscheiden Sie im Sinne der Betroffenen, nicht im Sinne des Portemonnaies. Die Mehrkosten sind in diesem Fall guten Gewissens zu rechtfertigen, wenn damit einigen Menschen das Leben erleichtert werden kann.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Massive Raketenangriffe: Israel antwortet mit Luftschlag

Massive Raketenangriffe: Israel antwortet mit Luftschlag

Die beliebtesten Kuchenklassiker und Tortenträume

Die beliebtesten Kuchenklassiker und Tortenträume

Bayern feiern Titel mit Gala - Lewandowski-Tore 37, 38, 39

Bayern feiern Titel mit Gala - Lewandowski-Tore 37, 38, 39

Bill und Melinda Gates lassen sich scheiden

Bill und Melinda Gates lassen sich scheiden

Meistgelesene Artikel

Landkreis Diepholz: Todesfall nach Astrazeneca-Impfung – Staatsanwaltschaft ermittelt

Landkreis Diepholz: Todesfall nach Astrazeneca-Impfung – Staatsanwaltschaft ermittelt

Landkreis Diepholz: Todesfall nach Astrazeneca-Impfung – Staatsanwaltschaft ermittelt
Familienfehde in Diepholz: Großer Polizeieinsatz

Familienfehde in Diepholz: Großer Polizeieinsatz

Familienfehde in Diepholz: Großer Polizeieinsatz

Kommentare