Pastorin Gesa Junglas übernimmt Koordination im Sprengel Osnabrück

Notfallseelsorge: Helfen, das Unfassbare zu begreifen

Die Diepholzer Pastorin Gesa Junglas übernimmt am Sonntag ein neues Amt – als Beauftragte für die Notfallseelsorge im gesamten Sprengel Osnabrück. - Foto: Seidel

Diepholz/Syke/Hoya - Von Anke Seidel. Herzinfarkt. Verzweifelt versuchen die Rettungssanitäter den Sterbenden zurück ins Leben zu holen – aber sie haben keine Chance. Die Welt steht still für die Ehefrau, die gerade ihren Mann verloren hat. Pastorin Gesa Junglas hat das erlebt – nicht nur einmal. Als Notfallseelsorgerin leistet sie Menschen Beistand, die das Unfassbare begreifen müssen: den Tod eines geliebten Menschen. „Dasein und mit aushalten“, sagt die 57-Jährige, darum geht es bei dieser Aufgabe, die in den Kirchenkreisen Grafschaft Diepholz und Syke-Hoya insgesamt 55 Pastoren leisten – ehrenamtlich.

Gesa Junglas koordiniert die Einsätze seit zehn Jahren im Kirchenkreis Grafschaft Diepholz – und übernimmt am Sonntag eine neue Aufgabe als Beauftragte für die Notfallseelsorge im gesamten Sprengel Osnabrück, zu dem auch die Kirchenkreise Grafschaft Diepholz und Syke-Hoya gehören. In einem Gottesdienst um 10 Uhr in der St. Nicolai-Kirche Diepholz wird sie in dieses Amt eingeführt.

Kontakt halten zum Rettungsdienst, den Einsatzkräften und den Institutionen sowie Fortbildungen organisieren – das gehört zu den Aufgaben der Beauftragten für die Notfallseelsorge, die dieses Amt mit einer Viertel-Stelle ausübt. Darüber hinaus wirkt Gesa Junglas seit Langem als Krankenhausseelsorgerin an den Kliniken Diepholz und Sulingen.

Als Notfallseelsorgerin weiß sie, wie wichtig diese Begleitung für Menschen nach einem gnadenlosen Schicksalsschlag ist: Ihnen beistehen und den völlig geschockten Angehörigen das Gefühl geben, nicht allein zu sein. „Es geht darum, die Menschen in dieser Schockstarre wieder handlungsfähig zu machen“, sagt die 57-Jährige. Da könne es schon helfen, sich von ihnen einen Kaffee kochen zu lassen: „Das gibt den Menschen das Gefühl, normal handeln zu können.“ Manchmal helfen die Pastoren auch, die Telefonnummer der Lebenspartner, Kinder und Freunde zu finden, an die sich Angehörige in dieser Ausnahmesituation oft nicht erinnern können. Die Notfallseelsorger bleiben so lange, bis Familienmitglieder oder Freunde eingetroffen sind. Zwischen eineinhalb und zwei Stunden dauert eine solche Begleitung, nennt Gesa Junglas einen Erfahrungswert.

Bis zu 20 solcher Einsätze leisten die 21 Pastoren in ihrem Kirchenkreis pro Jahr. „Drei Viertel davon Zuhause, wie etwa nach einem missglückten Reanimationsversuch“, berichtet die Pastorin. Dazu gehört aber genauso das Überbringen einer Todesnachricht – wie im Falle eines 17-Jährigen, der unter dramatischen Umständen bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen war. Seinen Eltern und Geschwistern musste Gesa Junglas das Geschehen erklären.

Wie tröstet man, wenn es keinen Trost gibt? Die 57-Jährige kennt auf diese Frage nur eine Antwort: „Es gibt keinen Trost.“ Notfallseelsorger begleiten genauso Menschen, die schwere Unfälle miterleben mussten und unverletzt geblieben sind – körperlich zumindest. Und sie stehen Rettungskräften bei, die von grauenhaften Bildern gequält werden – wie nach einem Unfall mit zwei Todesopfern, die mit schwerem Gerät aus einem Autowrack geschnitten werden mussten. „Ich bewundere die Rettungskräfte sehr“, sagt die Notfallseelsorgerin. „Es ist unglaublich, dass sie sich in ihrer Freizeit in solche Situationen begeben.“

Als Pastoren seien die Notfallseelsorger ja bereits seelsorgerisch/psychologisch ausgebildet. „Aber es gibt noch spezielle Fortbildungen. Die nutzen sehr viele Kollegen, weil das sehr viel Sicherheit gibt“, sagt Gesa Junglas.

Wie ist sichergestellt, dass rund um die Uhr ein Notfallseelsorger erreichbar ist? „Der wöchentliche Dienst geht von Freitag zu Freitag“, antwortet die Pastorin. Persönlich werde das Notfall-Handy an den Diensthabenden übergeben – genauso wie die Tasche mit Gebetbuch und Abendmahlsgeschirr, aber auch mit Teddy, Buntstiften und Papier sowie einer Liste mit Ansprechpartnern und Institutionen, die in einer solchen Situation Unterstützung bieten könnten.

Partner der Pastoren sind die Mitarbeiter der Einsatz- und Rettungsleitstelle des Landkreises Diepholz. Sie versuchten schon im Dialog mit den Rettungskräften zu klären, ob der Einsatz eines Notfallseelsorgers geboten sei oder der örtliche Pastor kommen solle.

Seit mittlerweile 19 Jahren funktioniere das System, blickt Gesa Junglas auf die Notfallseelsorger in den beiden Kirchenkreisen: „Das ist schon toll. Die Kollegen müssen das ja nicht machen, es ist eine ehrenamtliche Aufgabe.“

Gleichwohl sei die Belastung bei einem solchen Einsatz natürlich groß: „Darum reißt sich keiner.“

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