Sirenen-Fernwirktechnik denkbar

Nach Flut im Südwesten: Wie würde im Katastrophenfall im Kreis Diepholz gewarnt?

Einst Teil des Bundes-Katastrophenschutzes und seit dem Ende des Kalten Krieges in kommunaler Trägerschaft: Sirenen rufen auch heute noch in zahlreichen Städten und Gemeinden Feuerwehrkräfte zu Großeinsätzen. In vielen Fällen aber bleibt es bei stiller Alarmierung.
+
Einst Teil des Bundes-Katastrophenschutzes und seit dem Ende des Kalten Krieges in kommunaler Trägerschaft: Sirenen rufen auch heute noch in zahlreichen Städten und Gemeinden Feuerwehrkräfte zu Großeinsätzen. In vielen Fällen aber bleibt es bei stiller Alarmierung.

Sie sind ein Relikt des Kalten Krieges, aber seit der Hochwasserkatastrophe mit mindestens 170 Todesopfern wieder Mittelpunkt der Diskussion: Sind Sirenen – trotz der neuen digitalen Technik – der lebensrettende Schlüssel bei fatalen Ereignissen, die der Klimawandel in der Zukunft auslösen kann? „Wir haben Kommunen, die bei uns SirenenFernwirktechnik bestellt haben“, so Kreisrat Jens-Hermann Kleine.

Landkreis Diepholz – Nur mit dieser Technik kann die Einsatz- und Rettungsleitstelle nach der vollen Umstellung auf das digitale Alarmierungssystem, auf die neue digitale Leitstelle, Sirenen direkt auslösen. Wie von Kreisrat Kleine zu erfahren war, haben Weyhe, Schwaförden, Kirchdorf, Siedenburg, Sulingen, Rehden, Barnstorf und Wagenfeld diese Fernwirktechnik schon bestellt. Weitere könnten folgen, weil Sirenen auch in anderen Städten und Gemeinden noch im Betrieb sind. Das beweist der regelmäßige Probealarm am Wochenende. Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius geht jedoch davon aus, dass von den ehemals installierten Sirenen landesweit nur noch 20 bis 30 Prozent vorhanden sind.

Digitale Alarmierungsstelle der Landkreis Diepholz und Verden

Zurück zum Landkreis Diepholz: Wann die neue digitale Leitstelle ihren Dienst aufnimmt, ist noch unklar. Die Technik sei vorhanden und einsatzbereit, so der Kreisrat, „aber der Probebetrieb hat noch nicht begonnen“. Partner sind die Landkreise Diepholz und Verden. Sie unterstützen sich bei diesem Alarmierungssystem gegenseitig – rund um die Uhr (wir berichteten).

Katastrophenschutz-Übungen

Hochwasser am Dümmer, der Weser oder der Hunte: Einsatzkräfte im Landkreis Diepholz sind darauf vorbereitet. Wie Kreisrat Jens-Hermann Kleine berichtete, waren solche Hochwasserlagen schon mehrfach Thema in Stabsrahmenübungen des Katastrophenschutzstabes des Landkreises. Stabsrahmenübungen finden allerdings in der Regel als Planspiele statt, ohne dass also tatsächlich Feuerwehr-Einheiten oder Hilfsorganisationen vor Ort sind. Letztmalig wurde ein solcher Einsatz im Jahr 2019 für den Bereich Barnstorf und für eine Hochwasserlage der Hunte geübt.

Alle Karten und Alarmierungspläne für die Landkreise Diepholz und Verden sind in beiden Leitstellen hinterlegt. Das Einsatzgeschehen in der jeweiligen Leitstelle läuft in der anderen im Hintergrund mit. Mit einem Klick können es sich die Disponenten auf den Bildschirm holen. Jederzeit ist so schnelle und passgenaue Hilfe möglich. Ein Jahr lang soll das System gründlich getestet werden, bevor es endgültig ans Netz geht. Hilfsorganisationen, Rettungsdienste und vor allem die Feuerwehren sind längst mit digitalen Meldeempfängern ausgestattet. Wichtige Träger für das neue System sind die sogenannten DAUs, die digitalen Alarmumsetzer. 39 stehen allein im Landkreis Diepholz – die Standorte sind strikt geheim.

Kreisrat empfiehlt für Notfälle ein batteriebetriebenes Radio zu besitzen

Ist das neue, ausgeklügelte Alarmierungssystem auch im Falle von Katastrophen effektiv, bei denen es auf blitzschnelle und flächendeckende Information ankommt – oder sind Sirenen schneller? „Die Sirenen geben ja nur einen Ton von sich“, gibt Jens-Hermann Kleine zu bedenken. Bei einem weitreichenden, flächigen Stromausfall würden außerdem nur noch solche Sirenen funktionieren, die über eine zusätzliche Stromversorgung verfügen. Das sei zurzeit nur bei einem Teil der Sirenen der Fall.

„Im Falle einer Gefahr für eine größere Anzahl von Personen oder ein größeres Gebiet wird zunächst über die bekannten Medien wie Rundfunk und Fernsehen informiert“, berichtet der Kreisrat. Ein batteriebetriebenes Radio sei für den Ernstfall besonders wichtig, denn das würde auch bei einem großflächigen Stromausfall funktionieren. Außerdem verweist Jens- Hermann Kleine auf Warnapps für Smartphones: „Apps die hierfür geeignet sind, sind unter anderem Katwarn, Nina und auch Biwapp, welche im Wesentlichen vom Landkreis Diepholz genutzt wird.“

Lautsprecherwagen kommt im Katastrophenfall eine wichtige Rolle zu

Funktionieren mangels Strom auch Handys nicht mehr, „wird über Lautsprecherwagen der Behörden mit Sicherheitsaufgaben wie der Polizei und der Feuerwehr eine Warnung oder Benachrichtigung von betroffenen Gebieten erfolgen“, erklärt der Kreisrat. Besonders effektiv seien die Einsatzleitwagen der Feuerwehren: „Das sind mobile Leitstellen, wir können damit autark agieren.“

Unabhängig davon stehen Sirenen in manchen Regionen wieder hoch im Kurs: In Dresden zum Beispiel gibt es mittlerweile 210 Sirenen mit Sprachfunktion. Sie waren nach der Hochwasserkatastrophe 2002 installiert worden. Für Sirenen mit Möglichkeit für Lautsprecher-Durchsagen setzt sich auch der Niedersächsische Innenminister ein – ebenso hält der Landesfeuerwehrverband moderne Sirenenanlagen für unbedingt notwendig.

Der Bund bereite ein Förderprogramm vor, „um die sich noch in Betrieb befindlichen Sirenen zu ertüchtigen oder zu erneuern“, berichtet Kreisrat Jens-Hermann Kleine. Konkrete Förderbedingungen fehlen noch.

Pro & Contra zum Einsatz von Sirenen

Die Sirene ist und bleibt alternativlos ‒ Von Jannick Ripking

Nach der Wiedervereinigung verlor die Sirene als Warninstrument an Bedeutung. Aus Kostengründen wurden und werden sie außer Betrieb gesetzt. Eine nachvollziehbare, aber falsche Entscheidung, denn nur ein gut ausgebautes Sirenennetz ist in der Lage, die Bevölkerung umfassend, schnell und vor allem unabhängig im Katastrophenfall zu warnen. Die Sirene ist und bleibt nach wie vor alternativlos.

Nur weil der stille Alarm per Meldeempfänger bei der Feuerwehr gut funktioniert und den Sirenenalarm nach und nach ersetzt, heißt das nicht, dass Sirenengeheul zur Warnung der gesamten Bevölkerung nicht mehr zeitgemäß ist. Warn-Apps, Internet, Radio und Fernsehen sind allenfalls gute Ergänzungen, aber niemals ein Sirenenersatz.

Von der Feuerwehr auf die allgemeine Bevölkerung zu schließen, ist fahrlässig, denn Einsatzkräfte der Feuerwehr handeln proaktiv. Sie sorgen dafür, dass sie im Falle eines Einsatzes sicher alarmiert werden. Kurz: Sie sind vorbereitet. Deswegen funktioniert der stille Alarm.

Die Bevölkerung in ihrer Gesamtheit ist aber nicht auf einen Katastrophenfall vorbereitet. Viele Menschen bleiben passiv und verlassen sich auf andere. Moderne Alternativen zur Sirene setzen aber aktives Handeln voraus: Warn-Apps müssen heruntergeladen, Handys und Medien eingeschaltet werden. Nur die Sirene ist in der Lage, auch die Menschen zu erreichen, die passiv sind.

Sirenen sind aus der Zeit gefallen ‒ Von Gregorr Hühne

Die Antworten von früher passen nicht auf die Herausforderungen von morgen. Damals wusste jeder, was das Sirenen-Gejaule bedeutet: Alarm, Bombenangriff, Schutzräume aufsuchen. Heute sind die Gefahrenlagen bei uns seltener, dafür vielfältiger. Flut, Hitze, Chemieunfall, Amoklage, Großbrand, extremer Schnee oder nur Übungsalarm? Was will uns das Geräusch da heutzutage eigentlich sagen? Was sollen wir tun? Indem es alles bedeuten kann, bedeutet es zugleich nichts. Viele interessiert der Alarm nicht – sie ignorieren ihn.

Es gibt bessere Methoden. Ein Land, dass jeden Grenzüberquerer mit einer SMS aufs Mobiltelefon an Corona-Maßnahmen erinnert, kann auch in der Lage sein, eine Alarmmeldung zielgenau auf jedes Endgerät in einer bestimmten Funkzelle zu schicken. In New York geht das seit 2012, auch bei stillen Geräten ertönt ein Tonsignal. Der Vorteil liegt auf der Hand: Informieren statt nur alarmieren.

Außerdem gibt es die Notfall-Informations- und Nachrichten-App, kurz Nina. Eine Plattform, die umfangreiche Daten bereitstellen kann. Wo sind Evakuierungspunkte, Verpflegungsstellen, medizinische Camps?

Fallen Strom und Funknetze aus, gibt es das Radio – auch mit Kurbel, wie das Amt für Bevölkerungsschutz empfiehlt. Jeder Haushalt zahlt monatlich 17,50 Euro, damit öffentliche Rundfunkanstalten ihrem Kernauftrag nachkommen und die Technik zur nachrichtlichen Grundversorgung vorhalten. Also, besser in Katastrophenlagen informieren, anstatt katastrophale Serien produzieren.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Bob- und Rodelbahn am Königssee schwer beschädigt

Bob- und Rodelbahn am Königssee schwer beschädigt

Meistgelesene Artikel

„Hüpfburgenland“ auf dem Diepholzer Marktplatz

„Hüpfburgenland“ auf dem Diepholzer Marktplatz

„Hüpfburgenland“ auf dem Diepholzer Marktplatz
Schwerer Zusammenprall auf der Bundesstraße 61 bei Heerde

Schwerer Zusammenprall auf der Bundesstraße 61 bei Heerde

Schwerer Zusammenprall auf der Bundesstraße 61 bei Heerde
Mann bedroht Frauen mit Schusswaffe – das SEK greift nach Stunden ein

Mann bedroht Frauen mit Schusswaffe – das SEK greift nach Stunden ein

Mann bedroht Frauen mit Schusswaffe – das SEK greift nach Stunden ein
Kater legt 250 Kilometer vom Harz nach Bassum zurück

Kater legt 250 Kilometer vom Harz nach Bassum zurück

Kater legt 250 Kilometer vom Harz nach Bassum zurück

Kommentare